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Motorradtouren Deutschland/Ostfriesland

Schmeckt irgendwie nach Meer

Tief im Nordwesten der Republik gibt es zwischen
Aurich und Wilhelmshaven Einiges zu entdecken.
Denn in Ostfriesland finden große und kleine Pötte
immer eine gute Anlaufstelle.

Traumstrassen Deutschlands - Rhön

 

Da vorne muss es jetzt bald kommen, schließlich kann ich es schon lange riechen und förmlich schmecken. Doch kaum haben wir den nächsten Wall genommen, ist da wieder nur weites, flaches Grün. Hier in Ostfriesland, tief im Nordwesten der Republik, scheint das Meer immer gegenwärtig, auch wenn es oft noch kilometerweit entfernt ist. Alte Deiche, die lange schon tief ins Land gewandert sind, weiß der Besucher auf den ersten Blick kaum von denen zu unterscheiden, die das flache Weideland vom Wattenmeer trennen. Umso froher sind wir, einfach Kalle Altmann, unserem Tourguide von Windlooper  folgen zu können. Denn schon lange, bevor wir Wilhelmshaven verlassen haben, fesseln vie  zu viele Eindrücke die Aufmerksamkeit. Die Landschaft und das Klima verleiten zum Bummeln, zum entspannten Dahingleiten, und dabei verliert man schneller als erwartet di  Orientierung. Eigentlich gehört der östliche Teil Ostfrieslands traditionell zu Oldenburg. Aber für den Außenstehenden ist die Grenze zwischen Ostfriesland und Oldenburg, die irgendwo zwischen Wittmund und Jever verläuft, ohnehin nicht zu erkennen. Wilhelmshaven, der größte Ort der Region, verdankt sein Entstehen der kriegerischpreußischen Tradition. Im 19. Jahrhundert hatte Oldenburg Preußen ein Stück Land abgetreten, wo König Wilhelm I. von Preußen zwischen 1856 bis 1869 einen Kriegshafen anlegen ließ.

Als wir gerade über die Kaiser-Wilhelm-Brücke von 1907 gerollt sind, benannt nach Kaiser Wilhelm I. und eines der Wahrzeichen der Stadt, stellen wir fest, dass auch heute noch mächtige Kriegsschiffe das Bild des Hafens prägen, diesmal allerdings die der Bundesmarine. Was die Stadt am Rande des Jadebusens auf den ersten Blick aber nicht erkennen lässt: Sie ist der bedeutendste Ölumschlaghafen Deutschlands, besitz sie doch den einzigen Tiefseehafen der Republik. Von hier verlaufen Pipelines bis nach Hamburg und ins Ruhrgebiet. Trotz der großen Ansiedlung von petrochemischen Betrieben hat sich die Stadt jedoch eine nette Seepromenade bewahrt, auf der man sich bei einer Bratwurs  von glücklichen, weil freilaufenden Deichschweinen herrlich den Wind um die Nase wehen lassen kann.

 

Kurz hinter der Stadt erklimmen wir den Neuen Vosslapper Seedeich. Zur Rechten erstreckt sich die Mündung des Jadebusens, weiter die Küste hinauf beginnt der Nationalpark Niedersächsisches Wattemeer. Umso befremdlicher wirken wenige Kilometer weiter bei Hooksiel die großen Raffinerieund Tankanla gen. Nach Plänen der Landesregierung soll dieser Bereich mit einem neuen Hafen in Zukunft deutlich ausgebaut werden.

Da die Brücke am Hooksieler Außenhafen gerade geöffnet ist und wir nicht warten wollen  schlagen wir einen kurzen Haken durchs Hinterland und halten uns Richtung Horumsersiel. Hinterm Deich und damit ohne direkten Blick aufs Meer geht es weiter bis Neuharlingersiel. Im wohl auch für Touristen besonders pittoresk hergerichteten Hafen dümpeln bunt bemalte Fischerboote. Wer genügend Zeit mitbringt, kann von hieraus mit einem der kleine Kutter zu den Ostfriesischen Inseln übersetzten. Vorbei an Sandbänken, auf denen sich bei gutem Wetter Seehunde in der Sonne räkeln, werden wir morgen Spiekeroog ansteuern, einmal durch den Hauptort der verkehrsfreien Insel wandern und uns am breiten Sandstrand der Nordseite die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

Doch heute streifen wir nur ein wenig im Hafen von Neuharlingersiel umher und betrachten die ein- und auslaufenden Schiffe, bevor es weitergeht Richtung Bensersiel. In einem weiten Bogen fahren wir über Holtgast, Ochter sum, Neuschoo und Blom berg auf kleinsten Sträßchen zwischen satten Wei den durchs Hinterland. Grün ist hier an der Küste eindeutig die vorherrschende Farbe. Bei Spekendorf tref fen wir wieder auf die Straße, auf der wir am Morgen Aurich in Richtung Küste verlassen haben.

Zunächst hatten wir Friedeburg angesteuert und waren unvermittelt in Amerika gelandet. Darüber klärte uns zumindest das Ortsschild der Siedlung auf, als wir wegen des Totempfahls am Straßenrand gehalten hatten. Von Amerika nach Russland sei es übrigens nur ein Steinwurf, hatte uns Kalle verschmitzt grinsend erklärt. Tatsächlich liegen die beiden Ortsteile Friedeburgs direkt nebeneinander und Spötter behaupten, man erkenne schon am Straßenbild sofort, wo man sich befände.

Zum ersten Mal aufs Meer treffen wir an diesem Morgen in Dangast. Der Ort wurde 1779 als Küstenbadeort entdeckt; Graf Gustav Friedrich Wilhelm Bentinck baute ihn bis 1828 als Kurbad aus. Dangast liegt auf einem Geestrücken, darunter entspringt eine Jod-Sole-Quelle, die das neue DanGastQuellbad speist.

Gleich am Orteingang des Seebades treffen wir auf kitschbeladene Souvenirläden und –für Nordseebäder stilprägendden ergrauten Spießer mit schwäbischem Sportwagen, der der Szenerie einen Hauch von Sylt verleiht.

Tourentipp - Münchens unbekannter Osten

Direkt vorm Wasser scharf links führt der Weg zum Kurhaus, und hier präsentiert sich der Ort in einem anderen Licht. Im Jahre 1820 erbaut, beherbergt es heute ein Restaurant, dessen Rhabarberkuchen einen legendären Ruf genießt – zu Recht, wie wir feststellen.

Schon seit Beginn des letzten Jahrhunderts zog Dangast immer wieder namhafte Künstler an. Zwischen 1908 und 1912 ga-ben sich der expressionistische Maler Karl Schmidt-Rottluff und sein Kollege Erich Heckel die Ehre. Rund um das Kurhaus haben sich bekannte und weniger bekannte zeitgenössische Künstler wie die Beuys-Schüler Anatol Herzfeld, Wilfrie  Gerdes und Eckart Grenzer verewigt. Der Bildhauer Grenzer sorgte 1984 für Aufsehen, als er direkt am Strand unter den Augen zahlreicher Zuschauer einen 3,20 Meter hohen Phallus aus einem Granitblock meißelte. Die Skulptur trägt den Titel »Begegnung der Geschlechter«, denn hier an der Küste treffe das weiche, weibliche Wellenrund auf das harte Land, sagt man. So gesehen ist Ostfriesland, größtenteils dem Wechselspiel zwische  Land und Meer abgetrotzt, ein echtes Kind der Liebe – ein Gedanke, der mir ebenso gefällt, wie er konsequent erscheint. Den Abend lassen wir auf der vom hauseigenen Teic  umspülten Terrasse von Köhlers Forsthaus ausklingen, Partnerhaus der Schwesterzeitschrift TOURENFAHRER–landestypisch bei einem kühlen Blonden aus dem benachbarten Jever und leckeren Fischspezialitäten. Und noch immer kann man das Meer riechen und förmlich schmecken.

Traumstrassen Deutschlands - Rhön

Tourentipp aus der Motorradfahrer-Ausgabe 3/2008


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