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Test Suzuki GSX 650 F

Mittel-Wert

Brot-und-Butter-Motorräder gibt es reichlich in der Mittelklasse. Suzuki bringt nun frischen Wind in das Segment mit dem sportlich aufgemachten Bandit-Ableger GSX 650 F, der auch touristische Ansprüche befriedigen soll.

Text: Jürgen Schons / Fotos: Christina Güldenring

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Sporttourer, Touren sportler– wer ein Mittelklasse-Motorrad dieses Genres kaufen möchte, muss lange suchen, da ist die Luft schon reichlich dünn. Dabei könnte das Leben doch so schön sein auf einer Maschine, in deren Brust zwei Seelen wohnen: einerseits di  sportliche fürs flotte Angasen, andererseits die tourige zum Reisen, gerne auch mit zwei Personen. Jetzt allerdings bringt Suzuki mit der neuen GSX 650 F Licht in ein dunkles Marktsegment. Schick sieht sie aus, vor allem in der blau-weißen Farbgebung à la GSX-R. Diese Verwandtschaft, die sich außerdem in den beiden übereinander angeordneten Scheinwerfern, den Ram-Air-Schlünden (die allerdings als tote Stollen enden) und dem Instrumentarium manifestieren, ist nicht zufällig, sondern purer Wille. Unter dem schnieken Kunststoffkleid verbirgt sich nämlich nichts anders als eine 650er Bandit – gleicher Motor, gleiches Fahrwerk. Merke: Nicht überall, wo Bandit drinsteckt, steht auc  Bandit drauf.Die wenigen Unterschiede sind eher kosmetischer und ausstattungsmäßiger Natur.

Das beginnt schon mit Sitzhaltung. Im Gegensatz zur zweifach höhen-einstell baren Sitzbank der Bandit muss sich der GSX-Pilot mit einer Sitzhöhe begnügen, nämlich 810 Millimeter. Die einteilige Sitzbank fällt 20 Millimeter schmaler und härter aus, was zwar den Sitzkomfort auf län geren Stre cken ein wenig einschränkt, andrerseits jedoch für einen innigen Kontakt zwischen Pilot und Maschine sorgt. Auch auf eine Höhenverstellung des Lenkers muss man verzichten; der schwarz lackierte Lenker der GSX ist ein kleines bisschen schmaler (660 statt 670 mm), ein wenig mehr gekröpft, insgesamt flacher und zwingt den Fahrer in eine leicht gebückte Sitzhaltung mit sportlichem Anklang hinter der im Vergleich zur Bandit ebenfalls flacheren Verkleidungsscheibe. Tatsächlich fällt der Windschutz für den Oberkörper und Kopf bei aufrechter Sitzhaltung durchaus passabel aus, und klein gemacht geht es sogar recht zugfrei zu. Insgesamt passt die Sitzhaltung zur sporttourigen Attitüde der GSX so gut wie ihre blau-weiße Lackierung und ihr vom Sportsgeist umnebeltes Cockpit. Denn anstelle des nüchternen, wenig ansehnlichen Instrumentariums der Bandit schaut der GSX-Pilot auf ein Uhrwerk, das direkt von den R Modellen zu kommen scheint: analoger, zentraler Drehzahlmesser mit weißem Zifferblatt, digitale Anzeige von Geschwindigkeit, Wegstrecke sowie eingelegtem Gang und als Krönung ein frei programmierbarer Schaltblitz. Leider sind wie so häufig die Knöpfe zum Wechsel zwischen Gesamt- und Tageskilometerzu klein, schlecht bedienbar und im Dunkeln nicht z  sehen. Die digitale Kraftstoffanzeige gehört zu den ganz Vorsichtigen und mahnt bereits zum Nachtanken, wenn sich noch sechs Liter in dem 19-Liter-Gebinde befinden, genug für rund 100 Kilometer.

Denn mit Sprit geht die 650er wirklich knauserig um. Der Verbrauch pendelt sich knapp unter sechs Litern ein, auf der Landstraße reichen auch fünf, ohne dass man damit zum rollenden Verkehrshindernis degeneriert. Der Motor zeigt sich sowieso als das Sahnestück der GSX. Letztes Jahr eingeführt in der kleinen Bandit als Ablösung des luft/ölgekühlten Reihenvierers, hat er sich schnell eine gute Reputation als Gentleman der alten Schule erworben. Er gibt sich sehr kultiviert, setzt Gasbefehle dank doppelter Drosselklappen nahezu ruckfrei und ohne Verzögerung in Vortrieb um und verschickt erst in der zweiten Drehzahlhälfte leichte, hochfeine Vibrationen an die Hände. Freunde macht sich der nominell 86 PS starke, an der Kupplung gemessen 83,4 PS leistende Vierzylinder mit seiner geschmeidigen Art der Kraftentfaltung. Ab 4000 Touren liefert er verwertbare Leistung und zwischen 7000 und 11.000 Umdrehungen steht er dann richtig schön im Saft. Aber die Suzi benötigt für ein flottes Vorwärtskommen weder ständiges Rühren im etwas knochig, aber exakt schaltbaren Getriebe, noch giert sie ständig nach fünfstelligen Drehzahlen. Ihr fülliger Drehmomentverlauf kommt einer schaltreduzierten Fahrweise durchaus entgegen.

Suzuki GSX 650 F
Die optischen Anleihen der GSX

So motorisiert, lässt die GSX flott durchs Winkelwerk jagen. Kurven nimmt sie präzise und zielgenau, der vom Fahrer angepeilten Linie folgt sie neutral und ohne Murren. Um eventuell notwendige Kurskorrekturen macht sie kein großes Aufheben und der Kraftaufwand fällt noch etwas geringer aus als bei ihrer Schwester mit dem kriminellen Namen. Hier schlägt das geringere Gewicht (234 statt 241 kg) positiv durch. Zudem findet die Suzi in den serienmäßig aufgezogenen Bridgestone-Pneus BT 011 und BT 020 kongeniale, äu - ßerst haftfreudige Partner, denen ein Aufstellmoment beim Bremsen in Kurven fremd ist.

Auch sonst bietet das Fahrverhalten der GSX kaum Anlass zur Kritik. Es muss eben nicht immer Haut Cuisine mit Aluminium- Rahmen sein; ein Fahrwerk in guter Hausmannskost in Form eines traditionellen Doppelschleifenrahmens aus Stahlrohr tut es mindestens genaus  gut. Der Geradeauslauf ist selbst bei Höchstgeschwindigkeit untadelig. Gabel und Federbein reagieren zwar auf kurze Stöße etwas unsensibel, arbeiten jedoch mit der notwendigen Straffheit, ohne dass der Komfort auf der Strecke bleibt. Selbst bei heftigen Bremsmanövern auf holperigem Untergrund offeriert die Gabel immer genug Federweg.

Ach ja, die Bremsen: Die funktionieren tadellos, verlangen zwar nach verhältnismäßig hohen Handkräften, vernichten überschüssige Geschwindigkeit jedoch mit Vehemenz. Doch es folgt ein dicker Pferdefuß: Im Gegensatz zur Bandit muss die GSX auf ein ABS verzichten. Der Grund dafür liegt laut Suzuki in der primären Ausrichtung der Maschine fü  den US-amerikanischen Markt, und dort ist ABS an einem sportlichen Motorrad ungefähr so gefragt wie Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin. Mittel- bis langfristig soll die GSX schon mit dem Blockierschutz kommen, doch bis dahin bleibt abzuwarten, inwieweit sich die sicherheitsfixierte deutsche Kundschaft durch das fehlende ABS vom Kauf abhalten lässt und auf die biederere Bandit umschwenkt. Dies ist ein Wermutstropfen, klar, aber keiner, wegen dem man vom Kauf der GSX abraten müsste.

Da gibt es andere Dinge, die man ihr ankreiden könnte: Mehr Haken zum Verzurren des Gepäcks wären beispielsweise nicht schlecht, ebenso ein kräftigere Lichtausbeute des Doppelscheinwerfers. Wenigstens gibt es einen Hauptständer als Option, so etwas wird hierzulande immer gern genommen.

Unterm Strich zeigt sich die GSX 650 F als gelungener Schachzug der Marketing-Strategen von Suzuki, die ein bekanntes Motor - rad in eine neue, attraktive Verpackung steckten. Die GSX eignet sich zum Kilometerfressen ebenso gut wie zur sportlichen Fortbewegung. Sie will weder Supertourer noch Supersportler sein, aber vereinigt viele Vorzüge dieser beiden Welten in sich.

Fazit: Ein Sporttourer in der Mittelklasse– damit nimmt das Bandit-Derivat GSX 650 eine Alleinstellung ein. Dabei bringt sie alle Anlagen mit, um er folg reich zu werden: quirliger Motor, stabiles Fahrwerk, aggressiver Look, und alles zu einem attraktiven Preis. Das fehlende ABS wird ihr jedoch in Deutsch land einen schweren Stand bereiten.

Suzuki GSX 650 F

TOURENFAHRER - 3/08

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