Kawasaki VN 2000 Classic Test
Annäherungsversuch
Auch Testreakteure haben so ihre Vorlieben. Und die decken sich nicht immer mit dem Testprogramm. Aber eine Woche mit der Kawasaki VN 2000 Classic kann fest gefügte Weltbilder ganz schön durcheinanderbringen.
Text: Jürgen van Bömmel / Fotos: Christina Güldenring, Till Kohlmey

- Die Classic fühlt sich so wuchtig an, wie sie aussieht. Und sieht viel besser aus als ihre Vorgängerin.
Donnerstag, 27. März
Tina wollte nicht. Tina ist unsere Fotografin. Kaum ein Motorrad, das sie nicht eigenhändig auf ihre Studiobühne bugsiert. Aber diesmal hat sie gestreikt, kapituliert vor der schieren Masse der neuen VN 2000 Classic. 380 Kilogramm lautet die offizielle Gewichtsangabe in den Zulassungspapieren. Nicht eingerechnet die Sturzbügel und die Packtaschen mit ihre Haltern aus massivem Flachstahl. Die Classic ist die Nachfolgerin der bisherigen VN 2000, erfüllt jetzt die Euro-3-Norm und verzichtet auf deren monströses Scheinwerfergehäuse, was der Maschine optisch sehr gut tut.
Nach Feierabend hab ich die VN dann doch noch aus dem Studio geholt. Ich war einfach neugierig. Das bin ich bei jeder Testmaschine. Aber diesmal waren da gewisse Zweifel und eine gehörige Portion Respekt. Mein erster Gedanke beim Rückwärtsrangieren: Wer, um
Himmels willen, tut sich so einen Eisenhaufen freiwillig an?
Die erste beruhigende Erkenntnis: Die Kupplung verlangt überraschend wenig Kraft und lässt sich butterweich dosieren. Die Gänge rasten mit einem lauten Klonk ein. Das gehört wohl zu den Eigenschaften, die Cruiser-Käufer von ihrem Untersatz erwarten. Aber die Bedienung über die massive Schaltwippe klappt leichtgängig und zuverlässig. Die Abstufung passt gut. Weniger angenehm: Es war schon ziemlich dunkel und die Straßen nass. Nicht die besten Bedingungen, sich an ein Motorrad zu gewöhnen, dessen Vorderrad so endlos entfernt scheint und entsprechend wenig Gefühl für die Straße vermittelt. Ich ahne jetzt, wie sich Tankerkapitäne fühlen.
Ich ahne jetzt, wie sich Tankerkapitäne auf der Brücke fühlen

- Selbst der Ausgleichsbehälter der Fußbremse ist in Chrom gefasst.
Freitag, 28. März
Habe heute Morgen gestaunt: Trockene Straßen, gute Sicht, und plötzlich ging alles viel leichter als gestern. Im Grunde lässt sich die VN recht locker in Schräglage kippen und macht dabei auch keine Zicken, sondern bleibt ordentlich neutral – wenn man sich erstmal an die Tendenz gewöhnt hat, dass die VN einen etwas weiteren Bogen zieht, als man eigentlich geplant hatte. Dafür ziert sie sich ein wenig beim Kaltstart, läuft dann aber sofort rund.
Andreas hat heute das Messprogramm absolviert. Topspeed 191 km/h, genau elf weniger als bei der Vorgängerin. Aber wen interessiert das schon bei dieser Art Motorrad. Viel wichtiger ist die Funktion der Bremsen. Die sind nämlich nix für zarte Hände. Man muss ordentlich zupacken, um die knappen acht Zentner spürbar zu verzögern. Und selbst unter Aufbietung aller Möglichkeiten steht die VN aus hundert km/h erst nach gut 50 Metern. Man tut gut daran, sich nach vorne immer ein bisschen mehr Sicherheitsspielrau zu lassen als auf anderen Motorrädern. Morgen fahre ich nach Holland. Da ist es schön flach und kurvenarm, ideales Terrain für eine erste gründliche Testfahrt.

- Stabile Lösung: Die Seitenkoffer aus dem Zubehörprogramm sind fest mit dem Trägersystem verschraubt.
Samstag, 29. März
Hey, das war doch mal ein richtig gelungener Tag! Naja, bis auf die Autobahnetappen. Alles über Tacho 120 ist auf die Dauer arg anstrengend. Man hockt ziemlich unbeweglich i der Sesselmulde und hängt am Lenker wie das Großsegel an der Rah. Ansonsten passt die Sitzposition erstaunlich gut: keine Verspannungen oder Krämpfe nach einem ganzen Tag i Sattel. Und wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass das Vorderrad sehr weit weg ist und dass die ganze Masse bewusst gesteuert werden will, dann klappt’s auch mit den Kurven. Das hat viel mit den Reifendimensionen zu tun.
Vorn führt ein 150er auf einer 16-Zoll-Felge. Hinten macht sich gar ein 200er breit. Da braucht’s einfach etwas mehr Schräglage als bei »normalen« Größen, um den angepeilten Radius zu halten. Einmal auf Kurs gebracht liegt die VN satt und stabil. Angst? Eigentlich völlig überflüssig. Außer vielleicht vor hohen Bordsteinkanten, denn Bodenfreiheit zählt nicht zu den Stärken des VNKonzepts. Dafür stimmt der Fe derungskomfort. Was die softe Gabel und das deutlich straffere Federbein nicht schlucken, übernimmt das sesselartige Sitzpolster.
Apropos schlucken: In den Packtaschen aus dem Kawasaki-Zubehörprogramm lässt sich ordentlich Gepäck verstauen. Schade, dass die Koffer weder wasserdicht noch abschließbar sind.
Vom Motor bin ich ein wenig enttäuscht. Über zwei Liter Hubraum, der zweitgrößte Serienmotor, den es zurzeit zu kaufen gibt. 166 Nm Drehmoment soll er entwickeln. Tatsächlich waren auf dem Prüfstand nur 141 zu finden. Bei der Vorgängerin hatten wir noch 175 Nm gemessen. Nicht dass die Neue lahm oder müde wirken würde, aber das Gefühl üppiger Motorisierung will sich dennoch nicht einstellen. Überhaupt: Wer hat eigentlich das Märchen vom schaltfaul zu fahrenden V2 erfunden? Das nutzbare Drehzahlband ist – mangels Drehzahlmesser gefühlsmäßig – schmal und fordert häufige und rechtzeitige Gangwechsel.
Der VN-Motor ist eben ein sanfter Riese, der sich auch in Sachen Sound und Vibrationen sehr zurückhaltend benimmt. Was an Schwingungen in Lenkergriffen, Trittbrettern und Sattel ankommt, wirkt nie störend, ist mehr sanfte Seelenmassage. Akustisch dürfte sich der Riesen-V2 durchaus etwas energischer äußern.

- Gut versteckt: Das horizontal eingebaute Federbein ist erst nach Demontage des Fahrersitzes zugänglich.
Sonntag, 30. März
Heute habe ich mich dann doch in die Eifel gewagt – und es hat überhaupt nicht weh getan. Mir jedenfalls nicht. Aber die Kawa hat ein wenig gelitten, wegen der Sache mit der Schräglage. Die ist zwar für einen solchen Dampfer schon ganz ordentlich, wenn die Kratzerei anfängt. Aber dann: Die Trittbretter lassen sich lediglich um etwa zwei Zentimeter nach oben klappen, dann ist Schluss mit lustig. Und fast gleichzeitig setzt rechtsherum auch noch die Verschraubung einer Schelle am unteren der beiden Schalldämpfer auf. Andererseits lassen sich Ausflüge in diesen Grenzbereich mit dem Gasgriff wunderbar fein dosieren. Lastwechselreaktionen fallen durch den Zahnriemenantrieb sehr milde aus.
Gestaunt habe ich, wie lockersich enge Kehren mit der VN absolvieren lassen. Das geht ganz ohne Angstschweiß und großen Kraftaufwand. Langsam zwar, aber rund und neutral zieht sie ihre Bahn. Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich kaum mal bremsen musste. In den meisten Fällen reichen zwei Tritte auf den Schalthebel. Den Rest erledigt das enorme Bremsmoment des Motors. Bei gemäßigt zügiger Fahrweise bringen auch Holperstrecken das Fahrwerk nicht ernsthaft aus der Ruhe. Wer trotzdem an der Abstimmung etwas ändern möchte, kann am Federbein Vorspannung und Zugstufendämpfung verstellen. Dazu muss aber erst der Fahrersitz abgeschraubt werden. An der Gabel fehlen jegliche Einstellmöglichkeiten. Der Geradeauslauf ist einwandfrei, Shimmy-Neigung kaum vorhanden.
Ich staune, wie locker sich enge Kehren mit der VN absolvieren lassen
Montag, 31. März
Habe nach Feierabend nur noch eine kleine Runde gedreht und anschließend meinem Lieblingsitaliener einen Besuch abgestattet. Das Lokal liegt praktischerweise meiner Wohnung direkt gegenüber. Giovanni und seine Frau haben immer ein Auge auf die Testmaschinen, die ich da abstelle. Normalerweise sagen sie nichts dazu. Aber diesmal kamen die beiden geradezu ins Schwärmen. Ja, eine gewisse Ausstrahlung kann man der VN nicht absprechen. Sie ist bei aller Wuchtigkeit auch eine elegante Erscheinung mit gelungenen Proportionen und harmonischen Linien. Inzwischen bin ich sogar ein bisschen stolz auf »meine« VN.

- Prachtvoller Anblick: Der Tacho thront in Chrom gefasst mitten auf dem Tank und ist bestens ablesbar. Die Tankanzeige könnte feiner anzeigen.
Dienstag, 1. April
Letzter Akt im Testprozedere: der Fototermin. Habe beim Putzen festgestellt, dass der Lack an den Tankflanken schon matte Stellen kriegt. Sonst kann ich über die Verarbeitung absolut nicht meckern.
Das Fotomotiv sollte was Urbanes sein. Ein bunter Kontrast zu dieser massiven Skulptur aus schwarzem Lack und Chrom. So etwas findet man doch sicher im nahe gelegenen Köln. Nach ein paar Stunden Sucherei hatten wir dann auch die gewünschten Bilder im Kas ten Der Fotograf war zufrieden und ich hundemüde. Bei aller Liebe zum entspannten Cruisen, in einer hektischen Großstadt mit reichlich chaotischer Verkehrsführung funktioniert das einfach nicht. Schon gar nicht mit einem Motorrad, das allein aufgrund seines Gewichts permanent mit voller Konzentration manövriert werden will. Was die VN braucht, sind weite, offene Landschaften, in denen sie mit ihrer Masse nicht aneckt.
Dann kann sie sogar eine regelrecht therapeutische Wirkung entfalten: Sie beruhigt die Fahrerseele, vermittelt mit ihrer Größe und Stabilität Geborgenheit und lädt zu stundenlanger Meditation über das Leben, die Freiheit und den Weg als Ziel ein. Das geht dann auch zu zweit sehr gut, weil der neu gestaltete Soziusplatz kaum weniger komfortabel arrangiert is als der Fahrersessel. Ja, inzwischen kann ich mir sehr gut vorstellen, mit der VN Urlaub zu machen. Mal nur entspannt gleiten. Wie in dieser Bier-Werbung: kein Stress, keine Hektik, keine Kurvensucherei. Dann ist auch der Verbrauch akzeptabel: rund sechs Liter im Bummelmodus. Wer auf der Autobahn heizt, wird mit steifem Nacken und Verbräuchen um neun Liter bestraft.
Mittwoch, 2. April
Heute bin ich das erste Mal wieder auf ein anderes Motorrad gestiegen. Auf die Dauertest-1400GTR, ebenfalls von Kawasaki. Die Füße suchen nach den Trittbrettern, die Knie finden den engen Winkel unangenehm, und der Lenker fühlt sich viel zu schmal an. Und so viel handlicher kommt mir der Tourer auch nicht mehr vor. Die VN hat es tatsächlich geschafft. Ich habe mich nicht nur an sie gewöhnt. Sie hat mich tatsächlich fasziniert und überzeugt – trotz aller objektiver Schwächen. Ich werde sie vermissen.

- Kawasaki VN 2000 Classic
TOURENFAHRER - 6/08
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Technische Daten Kawasaki VN 2000 Classic
Motor: Leistung 69 kW (94 PS) bei 4400/min, Drehmoment 166 Nm bei 3000/min, flüssigkeitsgek. Zweirzylinder-Viertakt-V-Motor, Hubraum 2053 cm3, Bohrung x Hub 10 x 123,2 mm, Verdichtung 9,5 : 1, vier Ventile, unten liegende Nockenwelle, Stößelstangen, Nasssumpf, Einspritzung, ø = 46 mm, E-Starter, Lichtmaschine 630 W, Batterie 12 V/18 Ah, Euro 3, G-Kat, SLS
Kraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, Sekundärantrieb über Zahnriemen, mechanisch betätigte MehrscheibenÖlbadkupplung, Fünfgang-Getriebe
Fahrwerk: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, vorn Telegabel,
ø =49 mm, nicht einstellbar, hinten Zweiarmschwinge, Zentralfederbein, Federbasis, Zugstufe einstellbar, Federweg v./h. 150/100 mm, LM-Gussräder, v. 3.50 x 16, h. 6.00 x 16, Reifendimension vorn 150/80 R 16, hinten 200/60 R 16, Bereifung Bridgestone BT 020, Bremse vorn Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln, ø = 300 mm, hinten Einzelscheibe mit Doppelkolben-Schwimmsattel, ø = 320 mm
Maße und Gewichte: Gesamtlänge/-breite 2535/1025 mm, Lenkerbreite/-höhe 850/1090 mm, Sitzhöhe 690 mm, Fußrastenhöhe 270 mm, Radstand 1735 mm, Nachlauf 182 mm, Lenkwinkel 58 Grad, Leer gewicht 380 kg, max. Zuladung 185 kg, Tank 21 l
Messwerte: Höchstgeschwindigkeit solo 191 km/h; Durchzug 50-120 km/h im letzten Gang: solo 12,3 s, zwei Personen 14,5 s;
Beschleunigung 0-100 km/h solo 5,2 s;
Verbrauch (Normal): Landstraße: 6,2 l/100 km;
Autobahn (130): 7,4 l/100 km;
Reichweite (Landstraße/BAB): 338/283 km
Kosten: Basispreis: 13.995 Euro (zzgl. Nk.)
Wartungsintervalle: Inspektion bei 1000 km (1,4 Std.) dann alle 6000 km (0,5 -5,8 Std.)

