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Motorradtest

Moto Morini Corsaro Avio: Danke Franco!

Danke, Franco Lambertini, für diesen großartigen Zweizylinder, für die Wiederbelebung der Marke Moto Morini und für ein paar wunderbare Tage mit der Corsaro Avio!

Text: Jürgen van Bömmel / Fotos: C. Güldenring

Moto Morini Corsaro Avio

Seit 2005 gibt es sie wieder, die Marke mit dem doppelten M. Die Firma Franco Morini, Hersteller von Einbaumotoren und mit dem Gründer Alfonso Morini verwandschaftlich verbandelt, hatte 1999 die Markenrechte erworben und den Motorenkonstrukteur Franco Lambertini aus dem Ruhestand geholt. Er hatte schon den legendären Motor der 3 ½ konstruiert und mit dem neuen V2 hat er auf seine alten Tage noch mal ein Meisterstück abgeliefert: einteiliges Kurbelgehäuse, das zusammen mit den beiden Zylindern in einem Stück gegossen ist, seitlich aus dem Motor entnehmbares Getriebe, Kurbel wel - lendemontage ohne Ausbau der Kolben möglich. Ungewöhn lich ist auch der Zylinderwinkel von 87 statt der üblichen 90 Grad, was zweieinhalb Zentimeter Baulänge spart, ohne das Vibrationsverhalten des V2 zu verschlechtern.

Moto Morini Corsaro Avio
Schickes Cockpit mit prima ablesbarem Drehzahlmesser. Der Digital-Tacho kann da nicht ganz mithalten (o.). Schalldämpfer? Was da unter dem kurzen Heck sitzt, geht auch als Musikinstrument durch. Toller Sound! (u.).

Der Motor prägt mit seinen wuchtigen Formen ganz entscheidend die Seitenansicht der Corsaro. Trotzdem sind die Proportionen der Maschine harmonisch. Gerade die in Ausstattung und Leistung abgespeckte Avio wirkt mit ihrer seidenmatten Lackierung und dem blauen Rahmen fast schon unscheinbar.

Erst wenn der Corsaro-Pilot den Zweizylinder zum Leben erweckt, ist ihr plötzlich die Aufmerksamkeit aller sicher. Der satte Bass aus den beiden Schalldämpfern unter dem Heck und das harte Stakkato aus der Airbox sind ein Ohrenschmaus. Das Startverhalten ist dabei ohne Tadel, die beiden dicken Kolben nehmen sofort mit stabilem Leerlauf ihre Arbeit auf. Dass die Corsaro Avio trotzdem ein Morgenmuffel ist, merkt der Fahrer erst, wenn er sich auf den Weg macht. In kaltem Zustand reagiert sie ein wenig zickig auf Befehle der rechten Hand, stellt auch mal ohne Vorwarnung die Arbeit ein. Mindestens zehn Kilometer sollte man sich in Geduld und Verständnis üben, bis das Triebwerk seine Kreislaufprobleme überwunden hat.

Dann allerdings kennt der Spaß an diesem Motor kaum Grenzen. Dann darf man mit 2000 Umdrehungen im Vierten durchs Dorf rollen und am Ortsschild das Gas wieder aufziehen, ohne dass die Kurbelwelle ins Holpern kommt oder die Kette zu schlagen beginnt. Was jenseits der 3000er-Marke passiert, gehört zu den schönsten Spektakeln, seit es Hubkolben-Verbrennungsmaschinen gibt. Mit begeisternder Spontanität hängt der kurzhubig ausgelegte Motor am Gas und reißt das Motorrad samt Besatzung mit Urgewalt und tiefem Gebrüll nach vorn.

Moto Morini Corsaro Avio
Voll schräg: Der Seitenständer setzt deutlich vor der Raste auf.

Mag sein, dass ein vergleichbarer Vierzylinder noch bessere Durchzugsund Beschleunigungswerte abliefert, aber die subjektive Wahrnehmung ist eine andere. Apropos Messwerte: Unter 3,6 Sekunden ließ sich die Corsaro einfach nicht auf 100 km/h treiben. Nicht, dass die Kraft fehlte, aber das Vorderrad will partout nicht am Boden bleiben. Abgesehen von der hecklastigen Gewichtsverteilung (102 zu 117 kg) muss man sich die Drehmomentkurve des V2 ansehen: Schon ab 4000 Umdrehungen stehen mehr als 100 Nm zur Verfügung.

Ob man damit auch normal fahren kann? Ja, und das sogar sehr gut. Die schon erwähnte Spontanität hat nichts mit Ruppigkeit zu tun. Die Leistungsabgabe bleibt schön berechenbar und die Lastwechselreaktionen halten sich in engen Grenzen. Das Getriebe lässt sich weich und präzise, wenn auch über relativ lange Wege schalten. Ein Ende hat der Spaß mit diesem 1200er erst an der Tankstelle: Unter sechs Liter Super kommt man nur bei einer Fahrweise, die so gar nicht zu diesem Landstraßenspielzeug passen will. Zügig durch die Kurven gescheucht, schluckt der große Motor eher sieben und auf der Autobahn über acht Liter.

Moto Morini Corsaro Avio
Voll verbaut: Die Druckstufe ist fummelig einzustellen.

Zum Triebwerk mit Suchtpotenzial gesellt sich in der Corsaro Avio ein adäquates Fahrwerk. Vom ersten Meter an lässt sich die Corsaro ohne besonderen Kraftaufwand in Schräglage bringen. Enge Wechselkurven machen einen Heidenspaß. Dafür liegt die Morini nicht ganz so satt in schnellen Bögen wie zum Beispiel eine Triumph Speed Triple und verhält sich nicht ganz so neutral wie eine Honda CB 1000R. Man hat das Gefühl, die Pirelli-Diablo-Pneus mit ihrer ver gleichsweise weichen Karkasse seien nicht unbedingt erste Wahl für die Avio. In Schräg lage stellt sich die Maschine auf Unebenheiten etwas auf und auch die Zielgenauigkeit könnte sicher noch knackiger geraten.

Moto Morini Corsaro Avio
Voll einstellbar: Die 50-mm-Gabel macht einen guten Job.

Auf ebenen Strecken fährt die Maschine recht sauber den Kurs, den der Fahrer vorgibt – sicher nicht zuletzt ein Verdienst der straffen Abstimmung der Federelemente. Die voll einstellbare Gabel mit ihren fetten 50-Milli - meter-Standrohren und die massive untere Gabelbrücke kennen keine Stabilitätsprobleme. Die USD-Gabel wirkt fast überdimensioniert, etwas schlankere Gleitrohre würden sicher das nur durchschnittliche Ansprechverhalten verbessern. Solide agieren die kräftige Aluguss-Schwinge und das ebenfalls voll variable Federbein hinten. Insgesamt fällt der Federungskomfort überraschend ausgewogen aus.

So flößt die Corsaro Avio eine Menge Vertrauen ein und animiert geradezu, die mögliche Schräglagenfreiheit immer wieder auszukosten. Letztere liegt, was die Fußrasten betrifft, in einem Bereich, in den man sich besser nur auf der Rennstrecke begibt. Dort sollte man zuvor den Seitenständer demontieren, dessen Ausleger deutlich vor der Raste zu kratzen beginnt. Dem sportlichen Anspruch gemäß könnten die Bremsen etwas kräftiger zubeißen, die Beläge wirken ein wenig stumpf. Das fällt aber nur bei den Messwerten und bei sehr aggressiver Fahrweise negativ auf.

Moto Morini Corsaro Avio
Dezent und wohlgeformt: Die Corsaro sieht »live« noch besser aus als auf Fotos.

Zum hohen Wohlfühlfaktor auf der Corsaro trägt ihre gelunge Ergonomie bei. Die Sitzposition ist im besten Sinne unspektakulär, weil alles passt. Okay, der Lenker dürfte eine Winzigkeit weniger gekröpft sein und das Sitzpolster etwas weniger nach vorn geneigt. Aber dieser allererste Eindruck löst sich innerhalb weniger Landstraßenkilometer in Luft auf. Man verwächst regelrecht mit der Maschine, genießt den schmalen Knieschluss und den nicht zu engen Kniewinkel.

So gesehen wäre die Corsaro Avio durchaus für längere Touren zu haben. Wenn da nicht das Problem mit dem Gepäck wäre: Auf dem Kunststofftank haben Magnetrucksäcke verloren und die überstehenden Tankflanken erleichtern nicht eben die Befestigung mit Riemen. Haken oder Schlaufen am Heck? Fehlanzeige. Immerhin lässt sich eine Gepäckrolle »irgendwie« auf der zweiten Sitzgelegenheit unterbringen, besser jedenfalls als ein Passagier – Soziustauglichkeit stand wohl weit unten im Lastenheft. Ein Lob bekommen dagegen die praxisgerechten Rückspiegel.

Schlechter Witz: Um ans Werkzeug zu gelangen, braucht man Werkzeug, den Inbus unter dem Soziusplatz.

Der Drehzahlmesser ist bestens abzulesen, während der Digitaltacho etwas mehr Kontrast bieten könnte. Zum insgesamt positiven Bild wollen die lockeren Plastikabdeckungen um die Fahrersitzverschraubung und die ungünstige Verlegung eines Gummischlauches direkt vor den Einstellern von Druck- und Zugstufe am Federbein nicht passen.

Fazit

Für knapp 11.000 Euro bekommt der Avio-Käufer eine puristische Fahrmaschine, von deren Qualität der Hersteller sehr überzeugt ist: Drei Jahre Garantie gibt’s anderswo eher selten. Rechnet man noch den gewaltigen Fahrspaß und die hohe Exklusivität hinzu, ist die Corsaro Avio ein sehr ernstzunehmendes Angebot und allemal eine Probefahrt wert.

Moto Morini Corsaro Avio

Motorradfahrer - 11/2008

 

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Technische Daten Moto Morini Corsaro Avio

Motor: Leistung 88 kW (120 PS) bei 8500/min, max. Drehmo ment 109 Nm bei 6750/min, flüssigkeitsgekühlter 87-Grad-V2-Viertakt motor, Hubraum 1187 cm3, Bohrung x Hub 107,0 x 66,0 mm, Verdichtung 12,5 : 1, je zwei Einund Auslass ventile, über je zwei oben liegende Nockenwellen betätigt, Nasssumpfschmierung, Zünd-/Einspritz elektronik, Drosselklappen-ø 54 mm, E-Starter, G-Kat, Euro 3, Li ma 460 W, Batterie 12 V/18 Ah

Kraftübertragung: Sechsgang-Getriebe, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, O-Ring-Kette, Gesamtübersetzung: 11,6/7,9/6,3/5,3/4,7/4,3

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohr-Rahmen, vorn voll einstellbare USD-Gabel, Gleitrohr-ø 50 mm, hinten ein über Hebel angelenktes, voll einstellbares Federbein, Federweg v./h. 129/130 mm

Räder: LM-Gussräder, vorn 3.50 x 17, hinten 5.50 x 17, Serienreifen Pirelli Diablo, vorn 120/70 ZR 17, hinten 180/55 ZR 17, vorn 320-mm-Doppelschei ben bremse mit Vierkolben-Fest sätteln, hinten 220-mm-Einzelscheibe mit Zweikolben-Festsattel

Zul. Gesamtgew.: 385 kg
Tankinhalt: 18 l

Kosten: Preis 10.995 Euro (plus Nk.); Steuer 88,32 Euro/Jahr

Garantie/Wartung: drei Jahre ohne km-Begrenzung, Inspektion bei 1000 km, dann alle 10.000 km

Nicht überragend: Die Corsaro steht aus 100 km/h nach 44,5 Metern. Beeindruckend: Der Motor hält mehr, als der Hersteller verspricht.
Moto Morini Corsaro Avio
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