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Technik-Visionär

Tim Bauer

Die mehr als 100 Millionen betagten Zweitakter in Südostasien belasten das Weltklima in etwa so stark wie fünf Milliarden moderne Autos. Tim Bauer von Envirofit hat einen Umrüstkit entwickelt, der diesem Horror nun ein Ende bereiten könnte.

Text: Uli Böckmann / Fotos: Envirofit Int.

Luftverschmutzung durch Zweitakt-Motoren in Südostasien
Mit dem Smog auf Tuchfühlung: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben in Asien weit mehr als 500.000 Menschen jährlich an den Folgen der Luftverschmutzung, die zum Großteil durch den Individualverkehr verursacht wird.

Hybridmotoren, Elektroantrieb, Wasserstoffmotor – seit geraumer Zeit werden wir tagaus, tagein mit immer neuen Meldungen und Vorschlägen konfrontiert, wie wir unsere so lieb gewonnene Mobilität noch in Einklang mit der Ressourcenknappheit und – noch viel mehr – der Belastung des Klimas bringen können. Da mutet es zunächst eher archaisch an, wenn jetzt ein amerikanischer Maschinenbauingenieur aus Fort Collins mit einem wichtigen Umweltpreis geehrt wird, der mit seinem Team nichts weiter als einen Umrüstkit für Zweitaktmotoren entwickelt hat. Erstaunlicherweise jedoch könnte diese vergleichsweise – mit Verlaub – banale Entwicklung mehr zur globalen Entlastung des Klimas beitragen als alles, was wir derzeit rund um Lithium-Ionen-Akku und Brennstoffzelle diskutieren. Weit mehr.

Tuk-Tuks in Südostasien
Existenzen in der Warteschlange: Zumeist hängt die ganze Familie von den Einnahmen eines Tuk-Tuk-Fahrers ab. An guten Tagen bringt er abends fünf Dollar mit nach Hause.

Denn während Zweitaktmotoren in der westlichen Welt langsam zum Exoten werden und hier kaum noch eine Rolle drehen, mobilisiert dieses schlichte Motorenkonzept noch immer einen Großteil des asiatischen Raums. Die Heerscharen von Motorrädern, Mopeds, Drei­rädern, Rikschas oder Tuk-Tuks werden zumeist von älteren Zweitaktmotoren angetrieben und sind tagtäglich von frühmorgens bis tief in die Nacht in Betrieb. So sorgen sie über vielen asiatischen Großstädten wie etwa Neu Delhi oder Manila für eine hellbläuliche Dunstglocke, die das Atmen beinahe unmöglich macht.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ermittelt, dass pro Jahr in Asien weit mehr als 500.000 Menschen allein an den unmittelbaren Folgen der Luftverschmutzung sterben, die in wesentlichen Teilen durch den Individualverkehr verursacht wird. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass rund 100 Millionen Fahrzeuge in Südostasien von betagten Zweitaktern befeuert werden – jedes einzelne davon verpestet aufgrund der völlig überalterten Technik und der langen täglichen Betriebszeiten die Luft angeblich ebenso stark wie 50 moderne Pkw. Nimmt man diese Zahlen ernst, sprechen wir von einem Schadstoffausstoß, der in etwa dem von fünf Milliarden Pkw entspricht. So viele Autos gibt es auf der ganzen Welt nicht, aktuell sind es gerade einmal rund 700 Millionen.

Envirofit verschrieb sich nicht dem Kommerz, sondern der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in der dritten Welt.

Tim Bauer hatte schon als Kind die Zustände in asiatischen Großstädten kennen gelernt, mit seinen Eltern besuchte er Hongkong und Bangkok und hatte wahrscheinlich damals schon dieselben Tuk-Tuks herumstänkern sehen wie heute noch. Es sollte einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Schon während seines Maschinenbau-Studiums an der Colorado State University führte er im Rahmen eines Forschungsprojektes ein Studenten-Team zum Sieg bei der »Clean Snowmobile Challenge 2001«. Sie hatten ein Umrüstkit zur Benzin-Direkteinspritzung für die Zweitakt-Snowmobile entwickelt, die von den Rangern im Yellowstone-Nationalpark genutzt wurden – dort ist saubere Luft quasi ein Teil der Dienstvorschrift.

So wollte man es nicht länger hinnehmen, dass die höchst unsaubere und ineffiziente Verbrennung von Kraftstoff und Öl in den Zweitaktern enorme Emissionen von Kohlendioxid, Stickstoff, Schwefel, Kohlenwasserstoffen und Feinstaub mit sich bringt. Die von Tim Bauer und seinem Team erdachte Direkteinspritzung sorgte schließlich für eine drastische Reduzierung der Schadstoffe bei einer gleichzeitig deutlich besseren Kraftstoffverbrennung, so dass die Zweitakter nun sogar deutlich effizienter arbeiteten als ein vergleichbarer Viertakt-Motor.

Umrüstkit für Zweitaktmotoren.
Der Teil-Haber: Tim Bauer entwickelte mit seinem Team den Umrüstkit für Zweitakter und ist einer der Gründungsmitglieder von Envirofit International.

Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass man über eine weitere Anwendung dieses Kits nachdachte. Beinahe zwangsläufig landete man in Südostasien, denn nirgendwo sonst sind noch so viele Zweitaktmotoren im täglichen Einsatz. Federführend bei dem Projekt waren die »Engines and Energy Conversion Laboratories« der Colorado State University, die nun gemeinsam mit dem angegliederten »College of Business« die Machbarkeit untersuchten. Es ging um die massenweise Verbreitung dieser Kits, und nachdem auch diese Machbarkeitsstudien durchweg positiv ausfielen, wurde im Oktober 2003 »Envirofit International« gegründet, mit Tim Bauer als einem der vier Gründungsmitglieder. Das Besondere daran: Envirofit verschrieb sich nicht dem Kommerz, sondern der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, insbesondere derer in der dritten Welt. In der Startphase des jungen Unternehmens finanzierte man die weiteren Entwicklungs- und Forschungsarbeiten über Spenden und institutionelle Unterstützung, Ziel jedoch war es von Anfang an, sich durch die Vermarktung der Umrüst-Kits als Non-Profit-Orga­nisation selbst zu finanzieren und alle Gewinne in die weitere Expansion zu investieren. Envirofit International ist kein gewinnorientiertes Unternehmen, Envirofit ist eine Mission.

2006 war es dann schließlich so weit, nach unzähligen Entwicklungsstunden im Labor und in südostasiatischen Werkstätten konnte der erste Umrüstsatz vermarktet werden. Für den Start des Projektes hatte man die Philippinen ausgewählt, denn unglaubliche 94 Prozent der rund 1,8 Millionen Zwei- und Dreiräder dort werden von Zweitaktern angetrieben. Andererseits sind es auch in Indien, Pakistan oder Thailand zwischen 50 und 90 Prozent. Wa­rum dies so ist, liegt auf der Hand: Zweitaktmotoren sind billig, zuverlässig, robust und so einfach aufgebaut, dass man daran viel selber reparieren kann. Nicht selten hängt das Schicksal einer ganzen Familie davon ab, dass die Rikscha, das Tuk-Tuk oder das Lastenmoped funktioniert, auch wenn sich damit im Schnitt gerade mal vier bis fünf Dollar am Tag verdienen lassen. Doch so wichtig die Rolle der Dreckschleudern im sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhang auch ist, so negativ wirken sie sich auf die Gesundheit der Menschen aus.

Tim Bauer initiierte ein Handbuch in der Landessprache Taganrog, in dem explizit die Problematik erklärt und der Umbau beschrieben ist.

Dies hatte auch die philippinische Regierung erkannt und deshalb bereits einen Versuch unternommen, die Leute dazu zu bewegen, in ihre Fahrzeuge modernere Viertaktmotoren einzubauen. Doch dieser Versuch scheiterte an den viel zu hohen Kosten von rund 1500 US-Dollar pro Fahrzeug, außerdem mangelte es an der nötigen Infrastruktur von Teilelieferanten und Werkstätten, die mit Viertaktern umzugehen wissen.

Dennoch gab es auf den Philippinen immerhin schon ein Bewusstsein für die Problematik, weshalb es den Envirofit-Leuten für den Start als der rechte Ort erschien. Doch Bauer stieß dort zunächst auf Skepsis. Er führte in Vigan und Porto Princesa – zwei Orten am Meer, die überwiegend vom Tourismus leben, weshalb es dort sehr viele Rikschas gibt – zahlreiche Workshops durch, an denen jeweils rund 20 Fahrer und zwei bis drei Mechaniker teilnahmen. Er gab ein Handbuch in der Landessprache Taganrog heraus, in dem explizit die Problematik erklärt und der Umbau beschrieben ist. Doch die Skepsis blieb, denn die Fahrer waren bis dahin der festen Überzeugung gewesen, je mehr Qualm, desto leistungsfähiger der Motor.

Tuk-Tuks in Südostasien
Kein blasser Dunst: Es gehört zu einem weit verbreiteten Irrglauben unter Tuk-Tuk-Fahrern, dass ein Plus an Qualm auch ein Plus an Leistung bedeutet.

Ein weiterer Hinderungsgrund war zunächst der Preis für den Umbau. Zwar hatte man bei der Entwicklung schon darauf geachtet, die Kosten möglichst gering zu halten, doch tiefer als 350 Dollar ließ er sich nicht mehr drücken. Und da für einen Rikscha-Fahrer auch 350 Dollar eine enorme Investition darstellen, entwickelten Tim Bauer und sein Team auch noch ein Mikrokredit-Programm, wofür sie eine lokale Bank gewinnen konnten. Das fiel nicht einmal sonderlich schwer, denn der Umbau rechnet sich nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Rikscha-Fahrer. Nach der Umrüstung verbraucht der Motor nämlich rund 35 Prozent weniger Sprit und sogar 50 Prozent weniger Öl. Durchschnittliche Ersparnis für den Fahrer: rund drei Dollar pro Tag. Aufs Jahr gerechnet rund 1000 Dollar, was nahezu einer Verdoppelung seines Einkommens entspricht.

So schmolz der Widerstand, und im August 2008 hatten bereits 260 Rikscha-Fahrer in Porto Princesa ihren Zweitaker umrüsten lassen. Der Umbau selber dauert etwa zwei bis vier Stunden, und das Ergebnis ist verblüffend: 70 Prozent weniger Kohlenmonoxid, 89 Prozent weniger Kohlenwasserstoff, 35 Prozent weniger Kohlendioxid und eine um 70 Prozent geringere Partikelemission. Bauer macht die Modellrechnung für eine Gemeinde auf, in der 3000 Rikscha-Taxis umgerüstet werden: ca. 3000 Tonnen weniger Kohlendioxid, rund 1,4 Millionen Liter Kraftstoffersparnis und zudem noch 15 bis 20 Arbeitsplätze geschaffen. Beinahe 1,5 Millionen Dollar kommen so der lokalen Wirtschaft zugute, das alles bei einer spürbar weniger belasteten Umgebungsluft, was wiederum den Tourismus fördern hilft.  Wie gesagt, das ist der Effekt von »nur« 3000 Umrüstungen.

So kann man nur hoffen, dass sich die Umrüst-Kits von Tim Bauer und seinem inzwischen mehr als 20-köpfigen Team in Asien rasch verbreiten. Die 100.000 Dollar Preisgeld, die die Auszeichnung mit dem »Rolex Award 2008« mit sich bringt, steckt Bauer – wie nicht anders zu erwarten – zu 100 Prozent in den weiteren Ausbau von Envirofit International.

Ist es nicht gut zu wissen, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die sich in erster Linie der Allgemeinheit verpflichtet fühlen? O-Ton Tim Bauer dazu: »Nur mit unserer Arbeit, einem Zylinderkopf, ein paar Klammern und ein paar Schläuchen können wir das Leben der Menschen hier spürbar verbessern. Das ist die absolut beste Belohnung, die es für uns gibt.«

Kein Zweifel, den Preis hat er sich mehr als verdient.

Tuk-Tuks in Südostasien
Auch die besten Ideen brauchen Anschub: Weil die 350 Dollar pro Umrüstkit für jeden Fahrer eine enorme Investition darstellen, wurde von Tim Bauer auch noch ein Mikrokredit-Programm entwickelt.

zur Internetseite von Envirofit International

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