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Motorrad-Lebensläufe

Ilse Thouret: Ihrer Zeit voraus

Ilse Thouret fuhr in den vierziger Jahren nicht nur Motorradrennen, sie setzte sich auch gegen ihre männliche Konkurrenz erfolgreich durch. Und das zu Zeiten, in denen kaum Frauen auf Motorrädern unterwegs waren.

Text: Karin Schickinger / Fotos: Archiv

Ilse Thouret

Wir schreiben den 21. Februar 1932. In Hamburg starten über 800 Teilnehmer zur Winterzielfahrt nach Berlin. Nach 36 Stunden und 1167 Landstraßen-Kilometern über zum Teil vereistes Kopfsteinpflaster, durch Schnee und Wind erreicht eine Frau mit einem Horex-Gespann als Erste die deutsche Hauptstadt. Zwar kann sich auf den letzten Metern noch Hugo Schmitz an die Spitze setzen und gewinnen, doch berühmt wird durch dieses Rennen eine andere: die 34-jährige Ilse Thouret, Trainerin der deutschen Hockeydamen und zweifache Mutter.

Seit bei ihrer ersten Ausfahrt 1927 der Vergaser einer 750er-Mabeco klemmte und sie »mit rasender Geschwindigkeit auf die Ewigkeit« zuschoss, hatte das Rennvirus sie infiziert. »Warum ich Rennen fahre? Dies wird der Wahrheit am nächsten kommen: Ich sehne mich danach, den Naturgewalten nahe zu sein – die Entwicklung der Technik unmittelbar zu erleben – den unwahrscheinlichen Rausch der Geschwindigkeit zu genießen – den Wind im Gesicht zu spüren und zu wissen, was es bedeutet, zu siegen und zu verlieren. Wohl für eine Frau ein schwerer Weg. Aber ich bin ihn bedingungslos gegangen«, beschreibt Ilse Thouret ihre Leidenschaft.

Ilse Thouret

Und schwer ist der Weg von Anfang an. Bei ihrem ersten Straßenrennen, dem Rundstreckenrennen in Farmsen, gelingt ihr die viertschnellste Trainingszeit, doch bei der Startaufstellung wird sie disqualifiziert. Begründung des Deutschen Motorsportbundes: Frauen hätten in solchen Rennen nichts verloren. Erstaunlicherweise durfte der Automobilclub von München fast zeitgleich auf der Bahn von Daglfing ein Motorradrennen nur für Damen durchführen.

Ilse Thouret verlegt ihre Ambitionen auf Langstreckenrennen und Geländeveranstaltungen. Ob Bergrennen in Falkenberg, Six Days in Wales oder die 60 Mils Majtävling in Schweden, sie schlägt sich mit ihrer männlichen Konkurrenz um Punkte und Pokale und sammelt in den 30er Jahren über hundert Medaillen und Auszeichnungen. Als Grundlage ihres Erfolgs sieht sie selbst einen gesunden Ehrgeiz, Stolz und unermüdliches Training, drei Stoffe, die sie schon vor ihrer Motorradkarriere in sportliche Erfolge bündeln kann: Ilse Thouret gewinnt als Elfjährige das Hamburger Städteturnen, wird mit Anfang zwanzig mehrfache deutsche Kanumeisterin und schießt im Hockey bei einem Auswahlspiel gegen England alle drei Tore.

Doch ihre Leidenschaft gehört dem Motorradfahren, und ihre Leistungen werden mit Anerkennung belohnt. 1933 – ein Jahr nach ihrem ersten Rennen – machen die Austro Daimler-Puckwerke »die Thouret« zu ihrer Werksfahrerin, 1934 steigt sie werksunterstützt auf DKW um. Ilse Thouret wird zur bekannten Werbepersönlichkeit für Motorräder und Reifen, Benzin und Öl. Im Text einer Anzeige über die 1840-Kilometer-Strahlenfahrt zum Eilenriede-Rennen resümiert sie: »Meine 600er-DKW-Maschine mit Seitenwagen überstand diese Nonstop-Fahrt ohne geringsten Schaden, ja, ich brauchte, abgesehen von acht Reifenpannen, keinen Schlüssel anzurühren.«

Dieses auch zu damaliger Zeit kleine Understatement sagt deutlich: Auch Rennfahrerinnen sind genauso wie die männliche Konkurrenz in der Lage, ihre Motorräder bei den Wettbewerben selbst zu reparieren. »Die Tatsache, eine Frau zu sein, war niemals Grund für selbstverständliche Hilfsbereitschaft der Männer. Ich half mir immer zuerst allein und zuallererst den anderen. Eine besondere Bevorzugung lehnte ich immer ab.«

Ilse Thouret

Diese Einstellung verschafft ihr eine hohe Akzeptanz unter ihren männlichen Kollegen. Als ihr am letzten Tag der Six Days 1936, auf Goldkurs liegend, beim Start der Gaszug reißt und die Veranstalter die Zeit laufen lassen, obwohl oder weil Ilse Thouret knapp einen Meter gefahren ist, protestieren viele Fahrer. Die Funktionäre bleiben hart, Ilse flickt den Bowdenzug und verliert zwölf Minuten. Anschließend pflügt sie mit der schnellsten Zeit durch die Etappe und bringt die Bronzemedaille nach Hause. »Es war ein scheußliches Pech für die gute Ilse, dass sie so knapp ihre goldene Medaille verlor, was wir Fahrer alle bedauerten«, kommentiert Motorradkonstrukteur und Rennfahrer Carl Jurisch das Geschehen.

Ilse Thouret gehört dazu. Wenn sie nach dem Rennen den Bierkrug in ölverschmierten Händen hebt und den anderen Fahrern zuprostet, ist sie fester Bestandteil im männlichen Motorradreich geworden und dennoch ganz Frau geblieben. »Bei der 2000-km-Fahrt 1933 hatte ich beim Ziel in Baden-Baden etwas Vorsprung herausgefahren. So bin ich nicht sofort durchs Ziel gejagt, sondern habe eine Tankstelle aufgesucht und schnell mein Gesicht gereinigt. Sogar blütenweiße Handschuhe und einen ebenso weißen Schal hatte ich angezogen. Als ich dann durchs Ziel fuhr, machte selbst der Veranstalter ein ungläubiges Gesicht.«

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 50er Jahren, startet Ilse Thouret mit ihren beiden Töchtern als Thouret-Trio bei Rollerrennveranstaltungen, zuerst für NSU, später mit Vespa. 1969 stirbt sie nach langer Krankheit.

Ilse Thouret

 

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