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Motorrad-Test

Yamaha OTR 714 RR: Legende Im Rallye-Look

XT – Motorräder mit diesem Kürzel wecken seit Jahrzehnten Fernweh. XT-Spezialist »Off-the-road« hat die 660er für Rallye-Einsätze und Extremreisen optimiert. Der Testbericht zur OTR 714 Rally Raid.

Text und Fotos: Sascha Christof

Yamaha OTR 714 Rally Raid

Nur die Silhouette erinnert an das Original. Thorsten Haberkamm von  Off-the-road hat der Yamaha XT 660 eine Radikalkur verpasst, die einiges erhoffen lässt. Bereits beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Single begeistert das aussergewöhnliche Erscheinungsbild der OTR-XT. Gekürztes Heck, Rallye-Cockpitverkleidung und entsprechende Fahrwerkskomponenten zeigen, wohin die Reise geht - Offroad pur! Bereits der Standort der Firma Off-the-road auf einem alten, unter Denkmalschutz stehenden Industriegelände in Köln mit Gebäuden aus roten Backsteinen unterstreicht den traditionellen XT-Gedanken -  ein Motorrad fürs Abenteuer in rustikalem Umfeld.

Die Umbaumaßnahmen beschränken sich nicht ausschließlich auf Fahrwerk und Äußerlichkeiten. Das Herzstück des Umbaus ist sicherlich der von 660 auf 714 Kubikzentimeter vergrößerte wassergekühlte Einzylinder. Hierfür wurde der Zylinder aufgebohrt, so dass ein Schmiedekolben mit 104 Millimeter Durchmesser verbaut  werden konnte. Hinzu kommt eine geänderte  Nockenwelle, sowie die leistungssteigernde Überarbeitung des 4-Ventil Zylinderkopfes. Die für die zusätzlich  gewonnene Mehrleistung benötigte Frischluft verschafft sich die Rally Raid über den Einbau eines Racing-Luftfilters und -Luftifilterkastendeckels.

Yamaha XT 714 OTR
Das Herzstück der OTR-Yamaha verfügt nach dem Eingriff über 714 Kubikzentimeter und bietet deutlich mehr Leistung und Drehmoment.

Für entsprechenden Sound und zusätzlichen Leistungszuwachs verpasste Thorsten Haberkamm seiner XT einen SR-Racing Titan-Endschalldämpfer mit ABE und Kat und einem 2 in 1-Krümmer. Ein Zündkabel der amerikanischen Firma Nology fand ebenso Verwendung wie ein Power Commander, um der Motorabstimmung den letzten Schliff zu geben. Leider war letztere Maßnahme an unserem Testbike aus Zeitmangel noch nicht abgestimmt worden, so dass auf eine aussagekräftige Leistungs- und Drehmomentmessung leider verzichtet werden musste.

Thorsten Haberkamm spricht von einer Leistungsabgabe in Höhe von zirka 63 PS und einem Drehmoment von 78  Newtonmeter. Das würde bedeuten, dass durch die genannten Umbaumaßnahmen ein Leistungszuwachs von knapp  30 Prozent im direkten Vergleich zu einer Serien XT erreicht wurde. Und tatsächlich bestätigt sich bereits während der ersten Testkilometer dieser eklatante Leistungs- und Drehmomentzuwachs. Im direkten Vergleich zur Serien-XT bietet die OTR-Yamaha ein deutliches Plus an Drehmoment aus tiefsten Drehzahlen und beschleunigt drehfreudig bis zum Begrenzer hoch. Hier und da ist noch ein kleines Leistungsloch zu verspüren, doch liegt dies an der noch nicht hundertprozentigen Motorabstimmung, so Thorsten Haberkamm.

Yamaha XT 714 OTR
Für den Reise-einsatz spendiert Off-the-road der optimierten XT einen Satz Aluminium-Koffer inklusive Halter und Gepäckbrücke. Knapp 500 Euro sind ein akzeptabler Preis für eine derart stabile Konstrukion.

Zurück zu den Umbaumaßnahmen: Fahrwerkstechnisch erfuhr die OTR-Yamaha eine fundamentale Umrüstung. Die nicht einstellbare Serien-Telegabel musste einem White Power Upside-down-Gabelkit mit speziell angefertigter Gabelbrücke und einer Brembo-Vorderradbremsanlage weichen, bekannt aus der KTM Offroad-Modellpalette. Das nur in der Federvorspannung einstellbare Zentralfederbein am Hinterrad wurde durch ein hochwertiges und voll einstellbares Öhlins-Federbein mit Ausgleichsbehälter ersetzt, welches speziell für diesen Umbau angefertigt wurde.

Dass diese Sahnestückchen aus dem Fahrwerksbereich nicht zu den günstigsten gehören, zeigt der Gesamtpreis von mehr als 3.000 Euro. Ergänzend zu den offroadtauglichen Federelementen musste natürlich auch ein stabiler Radsatz eingesetzt werden. Hierfür wurden leichte Aluminiumnaben verwendet, wobei die Hinterradnabe ruckgedämpft ist. Zudem kommt ein Satz hochfester EXCEL-Felgen zum Einsatz, sowie jeweils ein verstärkter Speichensatz pro Rad. Inklusive zweier Bremsscheiben, einem Kettenrad, der entsprechenden Arbeitszeit und ei-nem Gutachten konnte der Radsatz für knapp 1.000 Euro realisiert werden. Für die entsprechende Reichweite der Yamaha, sorgt ein 26 Liter GFK-Tank.

Yamaha XT 714 OTR
Die SR-Racing Auspuffanlage verleiht der modifizierten XT Attribute wie Spritzigkeit und Drehfreudigkeit, nur der Sound könnte gedämpfter sein.

Um die ganze Geschichte formschön und möglichst effektiv für lange Reisen und spaßorientierte Rallyeeinsätze abzurunden, erhielt die OTR-Yamaha eine sehr wirksame, windabweisende Cockpitverkleidung mit Doppelscheinwerfer. Zugleich ermöglicht diese unter Zuhilfenahme einer eigens dafür angefertigten Leichtmetallhalterung die Anbringung von Rallye-Computer und  Roadbookhalter. Um das Fahren im Stehen zu erleichtern, wurde ein Magura X-Line Lenker montiert. Für den Schutz von Hand und Hebeleien verwendete man geschlossene Acerbis-Handschalen mit integrierten Alubügeln. Die seilzugbetätigte Kupplung wich einer hydraulischen Variante von Magura. Für einen sicheren Stand sorgen ein Paar gezahnte Fussrasten. Zum Schutz vor Schäden an der Motorunterseite wurde ein vier Millimeter starker Aluminium-Unterfahrschutz montiert. Dann wurden noch diverse Kleinigkeiten angepasst, wie zum Beispiel die LED-Blinker, der Kennzeichenhalter und das Heck. Für die Abenteuer-Reisenden gibt es noch einen Satz absperrbarer Aluminiumkoffer auf einem wieder speziell dafür angefertigten Träger mit Gepäckbrücke.

In langgezogenen, schotterreichen Kurvenpassagen lassen sich mit der OTR-Yamaha wunderbare Drifts provozieren.

Yamaha XT 714 OTR
Der sonore Sound aus dem SR-Racing Endschalldämpfer, das brachiale Drehmoment und die XT-untypische Drehfreudigkeit und Bissigkeit des 714 Kubikzentimeter großen Einzylinders begeistern von Anfang an.

Im Fahrbetrieb mausert sich die OTR-Yamaha 714 Rally Raid zu einem wahren Spaßgerät. Der sonore Sound aus dem SR-Racing Endschalldämpfer, das brachiale Drehmoment und die XT-untypische Drehfreudigkeit und Bissigkeit des 714 Kubikzentimeter großen Einzylinders begeistern von Anfang an. Jede Kurve wird zu einem kleinen Erlebnis, trotz der aufgezogenen Offroadbereifung. Mehr als einige Pumpbewegungen des Hecks und ein radierendes Hinterrad auf dem Straßenbelag tritt nicht auf. Lediglich die Soundkulisse scheint für manchen sensiblen Ortskern etwas zu laut. Hier hilft nur, den nächsthöheren Gang einzulegen und Vorsicht mit der Gashand zu beherzigen.

Das Durchschalten der Gänge erfolgt in Verbindung mit der hydraulischen Kupplung sehr geschmeidig und auch die Dosierbarkeit der Bremsanlage ist über jeden Zweifel erhaben. Im zwei-Personen-Betrieb lässt sich die OTR-Yamaha ebenfalls bewegen, doch muss hier an der Fahrwerkseinstellung auf Grund des Mehrgewichts nachjustiert werden. Im härteren Offroad-Einsatz wird dann doch deutlich, dass es sich in der Basis nach wie vor um eine straßenorientierte Allround-Enduro handelt. Zum Einen durch die entsprechende Gewichtsverteilung (Balance) auf dem Vorder- und Hinterrad und zum Anderen durch den verhältnismäßig schnell erreichten Grenzbereich beispielsweise im Drift. In langgezogenen, schotterreichen Kurvenpassagen lassen sich wunderbare Drifts provozieren.

Yamaha XT 714 OTR
Während der Fahrt sind alle Bedienungs- und Informationselemente gut ables- und bedienbar. Die Fernbedienung für Roadbook und Tripmaster lässt sich auch in schwierigen Situationen ohne Blickkontakt gut erreichen. Begeisternd: der einstellbare Scotts-Lenkungsdämpfer.

Allerdings wird der Fahrer beim extremen Driften schon mal von einem urplötzlichen Ausbrechen des Hinterrads überrascht. Natürlich ist hier das fahrfertige Gesamtgewicht von 191 Kilogramm ein ausschlaggebender Faktor. Auf der Geraden hingegen läuft die OTR-Yamaha ruhig und gleichmäßig. Hier befindet sie sich in ihrem Element - perfekter Geradeauslauf, zusätzlich unterstützt durch einen einstellbaren Scotts-Lenkungsdämpfer, der hauptsächlich auf losem Untergrund Vorteile bringt. Während der Fahrt sind alle Bedienungs- und Informationselemente gut ables- und bedienbar. Die Fernbedienung für Roadbook und Tripmaster lässt sich auch in schwierigen Situationen ohne Blickkontakt gut erreichen.

Zur Sitzposition selber lässt sich sagen, dass die OTR-Yamaha über ein weiches Sitzpolster verfügt und ansonsten eine eher fahraktive Sitzposition bietet. Hinsichtlich Wartung ist laut Thorsten Haberkamm der reguläre Ölwechsel alle 10.000 Kilometer ausreichend. Im härteren Einsatz, beispielsweise bei einer leichten Rallye, wäre es sinvoll, auf 8.000 Kilometer zu reduzieren. Ansonsten kann man sich getrost auf die Vorteile der Großserientechnik verlassen.

Die OTR Yamaha 714 Rally Raid ist sicherlich kein Sonderangebot, doch bietet sie Großserientechnik mit einem individuellen Erscheinungsbild, das überrascht. Trotz des noch nicht perfekt abgestimmten Motors hinterlässt sie einen bleibenden Eindruck. Zudem sind alle Umbaumaßnahmen eingetragen und für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen. Der legalen Individualität sind also keine Grenzen gesetzt und ermöglichen fast jede Umbaumaßnahme dank dem Enthusiasmus von Thorsten Haberkamm.

Yamaha XT 714 OTR
Yamaha XT 660 R im Rallyetrimm von OTR: Optimierungen, soweit das Auge reicht. Ideal für Extremreisen und Rallyeeinsätze.

aus MotorradABENTEUER, Heft 1/09

Titelbild MotorradABENTEUER, Heft 1/09

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