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Traumstraßen Deutschlands – Bergstrasse

Neben der Spur

»Hier fängt Deutschland an, Italien zu werden!« rief Kaiser Joseph II. hocherfreut aus, als er nach seiner Krönung in Frankfurt an der Bergstraße entlangreiste. Auch heute noch lässt sich nachvollziehen, dass er zu Recht voller Begeisterung war. Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Schwäbische Alb

Ja, stimmt, sie hat tatsächlich etwas Italienisches. Ich bin geneigt, dem alten Kaiser Recht zu geben. Nur die Begeisterung, die teilen wir nicht wirklich. Und es ist auch nicht die Toskana oder die liebliche, weite, italienische Landschaft der Apenninhalbinsel, welche mir in den Sinn kommt. Nein, es ist vielmehr der Verkehr Neapels, der dem auf der Bergstraße gleicht. Stoßstange an Stoßstange rollen die Autos zu Füßen der Hänge am Westrand des Odenwaldes. Südländische Hektik, Stimmen- und Autogewirr, Tankstelle an Supermarkt, Ampel an Ampel.

Hmm, wir hatten uns die Bergstraße etwas anders vorgestellt, aber vielleicht finden wir unser Glück auf zwei Rädern ja ein wenig abseits. Mit jedem Meter entlang des nördlichen Neckarufers weg von Heidelberg wird es grüner, beschaulicher. Links steigt die Landschaft hoch hinauf gen Odenwald, rechts fließt uns träge und entspannt der Neckar entgegen. Schwer beladene Schiffe schrauben sich auf Bergfahrt in Richtung Stuttgart.

Neckarsteinach, die Stadt der vier Burgen, scheint genau der richtige Ort zu sein, den Schlenker in die Bergwelt zu finden. Was man sich von der Bergstraße erhoffte, hier findet man es. Grünes Land, herrliche Kurven – in weiten Kehren geht es hinauf, immer höher. Schönau, der Name passt. Schön ist es hier. Bäume, Büsche, Holzgatter wischen vorbei, ein paar Pferde schauen neugierig hinter der BMW her. Hohenöd, gar nicht öde, Unter- Abtsteinach, Ober-Abtsteinach, weit fällt der Blick über das Gorxheimer Tal. Sanft ansteigende, sattgrüne Wiesen wechseln sich mit dichten Waldbeständen ab. Scheinbar ohne klare Richtung führt der Asphalt durch die Natur.

Kurz vor der Kreidacher Höhe wird die Straße breiter, wir nähern uns einer übersichtlichen Kreuzung. Und dann sind wir froh, dass heute Dienstag ist. Wäre Samstag nach 14 Uhr oder Sonntag oder ein Feiertag, müssten wir links abbiegen. Dann wäre nämlich dieses traumhafte Stückchen Straße geradeaus bis Rimbach für Motorradfahrer gesperrt. Aber jetzt am Werktag können wir es so richtig genießen. 8500 Meter lang Kurve an Kurve, kein Stückchen Gerade, eine Schräglage geht in die nächste über. Hier musst du höllisch aufpassen, manche Kurve zieht sich schneller zu, als du denkst. Das ist wohl auch der Grund für die Streckensperrung. Die eine oder andere Bremsspur, meist einspurig und oft im Grün endend, ist ein sicheres Indiz für Selbstüberschätzung und Übermut. Erstaunlich, wie anstrengend, aber auch spaßig achteinhalb Kilometer sein können.

Bei Rimbach geht’s auf die B 38 und erst mal wieder geradeaus. Vielleicht ganz gut so. Ein bisschen Durchatmen nach den herausfordernden Kurvenkombinationen. Fürth bietet Gelegenheit für die erste Pause im Café mit Blick auf die Straße. Zweirad für Zweirad passiert das Örtchen. Sind wohl auch alle auf der Flucht vor dem italienischen Flair der unten im Tal liegenden Bergstraße.

Siegfriedstraße, Nibelungenstraße – die eindeutig besseren Alternativen für den reisenden Motorradfahrer. Zackige Kurven führen über den Schenkenberg, vorbei an der Bismarckwarte und an Burg Lindenfels. Die B 47 verlassen wir für ein paar Schlenker. Kleine Weiler, grasende Kühe, die Idylle steht Spalier für uns, und ab Reichenbach tauchen wir hinab ins Modautal. Die Schilder des Felsenmeeres bringen uns bei Rödchen vom Pfad ab. Schon von der Landstraße fällt der Blick auf die monströsen Findlinge, die sich hier scheinbar in einer übermächtigen Lawine den Berg hinunterschieben. Gewaltige Blöcke, die der Sage nach die beiden Riesen Felshocker und Steinbeißer den Berg hinunterkegelten. Quer durch die Gemeinde Seeheim-Jugenheim mit ihren vielen Ortsteilen kurven wir weiter gen Norden.

Kurz vor Eberstadt stellt sich die Frage, ob man einen Abstecher hinein nach Darmstadt macht oder lieber links abbiegt in Richtung der Ruine Frankenstein. Die Darmstädter mögen uns verzeihen. Wohl wissend, welche Sehenswürdigkeiten wir in der viertgrößten Stadt Hessens verpassen, entschließen wir uns für den Besuch der Ruine. Allein die vier Kilometer lange Anfahrt durch den Wald ist es schon wert. Niemals wurde die Festung erobert oder zerstört, dennoch ist die einst wehrhafte Anlage im Laufe der Jahrhunderte arg verfallen. Schon 1835 begannen wieder die ersten Restaurierungsarbeiten. Angeblich, so munkelt man, soll Mary Shelley, Autorin des gruseligen Romans um Victor Frankenstein, in diesen Gemäuern zu ihrem Roman inspiriert worden sein. Aber vielleicht ist das ja auch nur ein Marketinggag, so schauderhaft ist die Ruine Frankenstein nun auch wieder nicht.

In Heppenheim ragt die Ruine Starkenburg in den Himmel, wacht mit ihren drei Wehrtürmen über den westlichen Hang des Odenwaldes

Darmstadt ist nicht nur das nördliche Ende der Bergstraße, auch wir kehren hier wieder um, folgen diesmal dem Hang des Odenwalds unten im Tal. Und dann finden wir uns doch auf der Bergstraße wieder. Ein kurzes Stück geht es südlich, dann rollen wir über Zwingenbergs Stadtgrenze. Hier thront der Melibocus, mit ganzen 517 Metern ist er der höchste Berg der Bergstraße. Sein Gipfel wird von einem über 20 Meter hohen Aussichtsturm gekrönt. Die Aussicht soll fantas - tisch sein. Doch diesmal ist es Pech, dass heute Dienstag ist. Der Turm und das dazu gehörende Restaurant sind nur am Wochenende geöffnet. Dass wir nur wenige Meter weiter dennoch mit einer genialen Aussicht belohnt werden, haben wir vermutlich dem Grafen Diether IV. von Katzenelnbogen zu verdanken. Dieser soll ab 1222 das Schloss Auerbach auf dem 340 Meter hohen Auerberg errichtet haben. Und das hat neben der Fernsicht von der Schlossmauer auch eine ordentliche Küche zu bieten, die von der einfachen Suppe bis zur opulenten Tafelrunde reicht.

Bensheim und Heppenheim, die beiden bildschönen Fachwerkstädtchen mit ihren alten Häusern und den schmalen Gassen locken uns, doch noch ein Stück der Bergstraße zu folgen. Hier hat sie durchaus ihre Reize, und Schlenker durch die historischen Stadtkerne bieten sich an. Über Kopfsteinpflaster lenke ich die BMW an plätschernden Brunnen, bunt blühenden, riesigen Blumenkübeln und malerischen Bauwerken vorbei. In Heppenheim ragt die Ruine Starkenburg in den Himmel, wacht mit ihren drei Wehrtürmen über den westlichen Hang des Odenwaldes. Wer mag, lässt sich in der Burgschänke nieder.

Traumstraßen Deutschlands - Bergstrasse

Unser Ziel ist der Gasthof »Zum Schwarzen Ochsen«, nur wenige Kilometer weiter in Weinheim- Sulzbach. Roman Gassner, der Wirt, hat einen ganz besonderen Draht zu seinen Motorrad fahrenden Gästen. Das erkennt man nicht nur an den zweirädrigen Oldtimern, die an seiner Scheunenmauer hängen, sondern auch am Motorradparkplatz. Motorisierte Zweiräder dürfen im »Schwarzen Ochsen« nämlich praktisch mittendrin im Biergarten parken. Und das Weizen schmeckt auch alkoholfrei.

Weinheim, so schön es auch sein mag, ist der Punkt, wo wir lieber wieder in den Odenwald flüchten. Weg vom Geschiebe auf der »strada montana«, hinein in die Serpentinen, die aus der Rheinebene auf die Höhen des westlichen Odenwalds klettern. Kaum sind wir der touristischen Straße entkommen, begrüßt uns das Gorxheimer Tal mit grünen Hängen und kurvenreichen, schmalen Landstraßen. Hier treffen wir sie wieder, die einheimischen Biker, die auf eine schnelle Nachmittagsrunde den Rand des Odenwalds streifen. Immer weiter geht es in Richtung Süden. Und je mehr wir den kleinen gelben Linien der Straßenkarte folgen, die übrigens allesamt mit der verlockenden grünen Markierung versehen sind, umso näher kommen wir Heidelberg, dem südlichen Ende der Bergstraße. Wilhelmsfeld, Peterstal, Ziegelhausen, die letzten Stationen der bergigen Region, dann geht es langsam aber sicher bergab, hinunter ins Ne - ckartal.

Heidelberg – Wir nähern uns der einstigen kurpfälzischen Residenzstadt genau von der richtigen Seite. Die Sonne strahlt auf das mächtige Schloss oberhalb der Altstadt. Unten strömt der Neckar durch die Alte Brücke, die hier seit 1788 über den Fluss führt. Schmucke Fassaden, urgemütliche Gassen und einladende Straßencafés verführen, die BMW an der Alten Brücke zu parken und uns unter die Besucher der Altstadt zu mischen. Gleich zu Füßen des alten Rathauses stärken wir uns mit einem Kaffee, dann steht der steile Aufstieg zum Schloss an. Aber jeder Meter des schmalen Fußweges lohnt sich. Nicht nur die grandiose Aussicht auf die Stadt, auch das Schloss selbst mit seinen vielen Türmen, Erkern und Ecken ist jeden vergossenen Schweißtropfen beim beschwerlichen Aufstieg wert.

In Heidelberg endet nicht nur unsere Tour, sondern auch die Bergstraße. Auch wenn wir sie meist gemieden haben, immerhin hat sie die Richtung vorgegeben, und die entdeckten Sträßchen haben Lust gemacht, den Odenwald weiterzuerkunden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Traumstraßen Deutschlands - Bergstrasse

Inhalt aus TOURENFAHRER - 6/09


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