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Motorrad-Test

Victory Vision Tour: Die Erscheinung

Victory hat sicher nicht den idealen Zeitpunkt gewählt, um den deutschen Motorradmarkt zu erobern. Doch die Cruiser-Schmiede aus Minneapolis bringt etwas mit, was man anderswo vergebens sucht: eine »Vision«.

Text:Uli Böckmann / Fotos: Till Kohlmey

Victory Vision Tour

Die aktuelle Serie zur Motorradgeschichte im TOURENFAHRER hat hier quasi einen vorauseilenden Satelliten. Denn welches Schicksal auch immer der Victory Vision Tour auf dem deutschen Markt beschieden sein wird, so sichert ihr doch allein ihre Erscheinung einen Platz in dieser Reihe. Selten zuvor hat ein Serienmodell derart radikal mit dem Mainstream gebrochen, die schwungvoll-dynamischen Linien der Vision machen gleich doppelt die Welle. Sie steht da wie eine eingefrorene Brandung, die – so viel sei vorweggenommen – auch noch zu tosen beginnt, kommt sie in Bewegung. Versuche, diese »Erscheinung« nüchtern zu betrachten, erschöpfen sich in der Erkenntnis, dass sie zwei Räder hat, eins vorn, eins hinten. Dazwischen ein großvolumiger Motor, der zu einem betörenden »Hub-Konzert« in der Lage ist. Bis dahin geht die Victory also durchaus mit anderen Motorrädern konform, alles Weitere entzieht sich allerdings dem Vergleich.

Victory Vision Tour

Die Heckpartie zum Beispiel: ein Styling irgendwo zwischen Batmobil, Jukebox und Achterbahn-Gondel, woran vor allem erstaunt, dass damit auch die Frontpartie recht treffend beschrieben ist. Dazwischen ein kuschelig-loungiges Entertainment-Center, das nicht einfach nur entworfen wurde, um zwei zumeist menschliche Körper von A nach B zu verfrachten – da muss bei den Architekten irgendwas Höheres mit im Spiel gewesen sein. Vielleicht die moderne Interpretation des »American way of life«, den authentisch zu transportieren bislang allein Harley-Davidson für sich beanspruchen konnte. Doch während die Karosserie-Teile an den Modellen der Traditionsmarke ganz und gar gewollt den Eindruck machen, als würden sie noch immer mit den Formen der Gründerzeit gepresst, sieht man sich bei Victory nicht unter dem Druck einer solchen historischen Hypothek. Die Vision macht vielmehr den Eindruck, als hätten sich die Designer mit ihr einen Kindertraum erfüllt. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie in ihrem frühen Leben verdammt oft in Marvel-Comics geblättert haben.

Erst seit rund zehn Jahren werden unter dem Victory-Logo in Minneapolis/Minnesota im Hennepin County nahe den Ufern des Mississippi Motorräder gebaut. Hinter der Marke steht das amerikanische Unternehmen Polaris Industries, seit mehr als 50 Jahren schon Hersteller von Schneemobilen und All Terrain Vehicles, womit man einen Umsatz von mehreren hundert Millionen Dollar jährlich erzielt. Doch auch wenn inzwischen mehrere tausend Victory-Bikes im Jahr das Werk verlassen, so kann man dem Konkurrenten aus Milwaukee bei den Stückzahlen nicht das Wasser reichen. Aktuell haben ohnehin beide Hersteller mit herben Umsatzeinbrüchen im US-Markt zu kämpfen, da kommt für Victory die Expansion in den deutschen Markt gerade recht.

Der 1731 ccm große, luft-/ölgekühlte 50-Grad-V2, drückt die Fuhre mit der agilen Kraft seiner rund 94 PS spektakulär vorwärts.

Victory Vision Tour

Um die Herzen der teutonischen Cruiser-Freunde zu erobern, setzt man allerdings nicht allein auf die Optik, auch was man technisch zu bieten hat, kann sich sehen lassen. Als Triebwerk dient ein 1731 cm3 großer, luft-/ölgekühlter 50-Grad-V2, der mit der agilen Kraft seiner rund 94 PS mittels carbonverstärktem Zahnriemen die Fuhre spektakulär vorwärtsdrückt. Der »Freedom Engine« getaufte Vierventiler erfreut dabei mit einem Drehmoment von 148 Nm schon bei knapp über 3000 Touren, zudem hängt er in jeder Fahrsituation ebenso souverän wie sauber am Gas. So kann man sanft bollernd untertourig durch die kleinen Dörfer rollen, um hinter dem Ortsausgangsschild wieder freudig am dicken Quirl zu drehen – völlig ruckfrei schiebt sich die Vision dann erstaunlich flink bis an den roten Bereich.

Nicht minder erstaunt ihre relative Leichtfüßigkeit. Man rechnet nicht unbedingt damit, dass sich 387 Kilo so zurücknehmen können, wenn es kurvig wird. Wenn man sich erst einmal auf die niedrige Feet-forward-Sitzposition 670 mm über dem Asphalt, den langen Radstand und den weit dem Fahrer entgegeneilenden Lenker eingeschossen hat, stellt sich rasch die Erkenntnis ein, dass das Trumm recht gut ausbalanciert ist. Die etwas schärfere Gangart wird dabei von einem sehr effektiven Bremssys­tem unterstützt, das zwar zum Markteinstieg noch ohne ABS auskommen muss, aber auch so die Fuhre punktgenau zupa­ckend gut im Griff hat.

Victory Vision Tour

Gestützt wird die Vision nicht von dem aus den anderen Victory-Modellen bekannten Stahlrohrrahmen, vielmehr bilden zwei miteinander verschraubte hochsteife Aluminium-Gussteile das Rückgrat der Maschine, wodurch auch eine gewisse Gewichtsersparnis erreicht wird. Das Hinterrad hängt in einer Zweiarm-Alu-Schwinge und wird von einem Luftfederbein gedämpft, dessen Luftdruck individuell eingestellt werden kann, vorn versieht eine eher flach angestellte Telegabel ihren Dienst. Ein niedriger Schwerpunkt und die moderate Bereifung tun das ihre dazu, der Vision auch abseits der High­ways Flügel zu verleihen, wobei jedoch eher die Hornisse als die Stechmücke als Vorbild dient.

Dennoch kommt auch auf engen Landstraßen durchaus Fahrfreude auf, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass die Schräglagenfreiheit des Kreuzers in diesem Marktsegment ihresgleichen sucht. Während Trittbrett-Cruiser dieser Gewichtsklasse ansonsten gern auch in harmlosen Kurven schon mal Funken sprühen, wartet man auf der Vision recht lange auf Bodenkontakt.

Neben Fahrwerk, Motor und Sitzposition trägt auch der Sound entscheidend zum Wohlgefühl bei. Die beidseitig obszön langen Tüten der Vision entlassen die Lebensäußerungen des dicken V2 mit moderatem Nachdruck an die Umwelt, wobei das dumpfe Ballern kernig die Stimme erhebt, verlässt man die niedrigen Drehzahlen.
Das kann man allein deshalb ungestört genießen, weil hinter der im Windkanal optimierten Verkleidung ansonsten Stille herrscht. Die per Knopfdruck höhenverstellbare Scheibe hält schon weit vorn alles vom Fahrer fern, selbst in der untersten Einstellung wartet man hinter der Glasfront vergebens auf ein wenig Kühlung. Die wünscht man sich allein deshalb, weil der V2 von unten kräftig einheizt – mag man seine Unterschenkel gerne cross, stellt man die Füße einfach weit innen auf die mächtigen Trittbretter.
An solch ein Motorrad gehört natürlich auch eine Schaltwippe, komisch also, dass die Vision keine zu bieten hat. Will man rasch durch die insgesamt sechs sauber zu schaltenden Gänge zappen, muss man die Zehen schon ein wenig strecken.

Victory Vision Tour

Das Getriebe birgt auch einen der wenigen Kritikpunkte, denn in den Gängen zwei, drei und vier arbeitet es in der Getriebeeinheit hörbar, in den Gängen darüber herrscht Ruhe, wobei der letzte Gang als Overdrive ausgelegt ist – ein akustischer Wermutstropfen, an der Funktion gibt’s nichts zu meckern. Was auch für das Komfortprogramm an Bord gilt. Das serienmäßige Soundsystem bietet knackige Klänge für Fahrer und Beifahrer, ein Anschluss für einen MP3-Player ist ebenso vorhanden wie ein Tempomat, damit man die Musik in extrem entspannter Sitzhaltung auf Fernreisen ungestört vom lästigen Gasgeben genießen kann. Apropos Fernreise: Gepäckprobleme sollten auf der Vision nicht auftreten. Die hydraulisch öffnenden, wasserdichten Koffer sind zwar zerklüftet, schlu­­-cken allerdings recht ordentlich. Was auch für das futuristische Topcase gilt, dessen Klappe eher an einen Kofferraumdeckel erinnert. Dazu kommen noch kleine Staufächer sowohl hinter den Kofferdeckeln wie auch in der Verkleidung, wer mehr Platz braucht, sollte vielleicht doch eher über einen Kleinwagen nachdenken.

Ihrer unglaublichen Präsenz auf der Straße widerspricht ihr Preis von unter 20.000 Euro.

Victory Vision Tour

So hinterlässt die Victory Vision Tour einen leicht zwiespältigen Eindruck: Ihrem extremen Custom-Look widerspricht ihr erstaunlich gutes Handling. Ihrer massigen Erscheinung widerspricht ihre bemerkenswerte Performance. Und ihrer unglaublichen Präsenz auf der Straße widerspricht ihr Preis von unter 20.000 Euro, womit sie gut und gerne 5000 Euro hinter der vergleichbaren Konkurrenz (z. B. HD Ultra Glide Classic, Honda Gold Wing) zurückbleibt.

So darf man gespannt sein, wie sich Victory ab September auf dem deutschen Markt behaupten kann. So manch potenzieller Harley-Käufer wird vielleicht ins Grübeln kommen, denn wem es in erster Linie nur um das Label »genuine american bike« geht, wird nun auch aus Minneapolis gut bedient. Amerikanischer geht es also kaum. Und es ist die Heimatstadt von Robert M. Pirsig, dem Schöpfer des Weltbestsellers »Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten«. Pirsigs Buch wurde vor allem deshalb ein solch großer Erfolg, weil seine Philosophie ganz eigene Antworten auf die Vorstellungen vom bürgerlichen Leben bietet. Denkbar, dass man es bei Victory gelesen hat.

Victory Vision Tour

aus TOURENFAHRER, Heft 9/09

Wir erweitern unser Test-Archiv ständig um die aktuellen Motorradmodelle. Wer sich einen Überblick über unser Angebot verschaffen will, wechsele zu allen Motorrad-Tests.

Weitere interessante Themen:

Individuelle Umbauten: Leserbike
Gebrauchtkaufberatung: Secondhand-Tipps
Motorradreisen im Bildersturm: Reisen + Routen

Technische Daten
Victory Vision Tour

Motor:
Leistung 69 kW (94 PS) bei 4500/min, max. Drehmoment 148 Nm bei 3250/min, luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Viertakt-50-Grad-V-Motor, Hubraum 1731 cm3, Bohrung x Hub 101 x 108 mm, Verdichtung 9,4 : 1, vier Ventile, OHC, Nasssumpfschmierung, elektr. Einspritzung, ø = 45 mm, G-Kat, Euro 3, E-Starter, Lichtmaschine 368 W, Batterie 12 V/18 Ah

Kraftübertragung:
hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Tempomat, Sekundärantrieb über Zahnriemen

Fahrwerk:
Alu-Brückenrahmen, vorn Telegabel, ø = 46 mm, keine Verstellmöglichkeit, hinten Alu-Zweiarmschwinge, direkt angelenktes Luftfederbein, Luftdruck verstellbar, Federweg v./h. 130/120 mm, 5-Speichen-LM-Gussräder, v. 3.00 x 18, h. 5.00 x 16,  Bereifung v./h. Dunlop Elite 3, Reifengröße v. 130/70 R 18, h. 180/60 R 16, Verbundbremse, vorn Doppelscheibenbr. mit Dreikolben-Schwimms., ø = 300 mm, h. Einscheibenbr. mit Doppelkolben-Schwimms., ø = 300 mm

Maße und Gewichte:
Radstand 1670 mm, Lenkkopfwinkel 61 Grad, Sitzhöhe 673 mm, Gewicht fahrfertig 387 kg, maximale Zuladung 254 kg, Tank 22,7 l

Kosten:
Preis voraussichtlich unter 20.000 Euro, lieferbar ab September 2009 in den Farben Schwarz, Rot, Hellblau, Garantie mindestens zwei Jahre, die konkrete Festlegung der Garantiespanne erfolgt in Kürze.

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