Traumstraßen Deutschlands – Lausitz
Schwer angebaggert
Die Lausitz macht an. Nicht nur durch plumpes Anbaggern mit schwerem Gerät. Beschauliche Alleen, unverfälschte Natur und sogar ein »Bergland« locken zum Streifzug durch den östlichsten Zipfel Deutschlands
Text + Fotos: Hans Michael Engelke
Ein Fluch kommt über meine Lippen, und zwar ein kräftiger. Es ist ja schön, wenn ganze Straßenzüge renoviert und Fahrbahndecken erneuert werden. Das belebt die Konjunktur, gibt Brot und Arbeit, und im Endeffekt sorgt es für eine angenehme Fahrt. Wenn einen die Umleitung aber immer wieder im Kreis führt und man zum dritten Mal in derselben Sackgasse landet, ist Schluss mit lustig. Na ja, wenigstens kommen wir so in den Genuss, ein paar Ecken Senftenbergs gleich mehrfach zu sehen. Und ganz am Rande bemerkt, jetzt, wo diese »Traumstraßen«-Folge erscheint, dürfte ein Großteil der Arbeiten schon erledigt sein.
Senftenberg, das ist das ideale Basislager zur Eroberung der Lausitz, dieses flachen Landes im Osten Sachsens und im Süden Brandenburgs. Obwohl, so ganz flach ist es eigentlich gar nicht überall. Immerhin gibt es da auch das Oberlausitzer Bergland, dessen Gipfel sich stolz jenseits der 500 Meter bewegen. Aber alles der Reihe nach.
Traumstraßen Deutschlands – Lausitz / Infos + Karte
Entspannt kreuzen wir entlang der Deutschen Alpenstraße, vorbei an Linden- und Sommerberg, an Oberreute und an Oberstaufen. Immenstadt im Allgäu lockt, den Zündschlüssel einmal auf »Off« zu drehen, spätestens aber wenn wenig später der Große Alpsee erreicht ist, sollte man es tun. Mitten in den ersten Kurven am Ufer liegt auf der linken Seite ein kleiner, unauffälliger Parkplatz, von dem aus sich der schönste Ausblick auf das glitzernde Segel- und Surfrevier präsentiert. Weiter geht es entlang der Unteren Argen. Das Flüsschen gibt den Lauf der Straße vor, und es macht seine Sache gut. Aber eigentlich ist es ganz egal, welches Stück Asphalt man im Dreieck zwischen Isny, Lindenberg und Immenstadt befährt – die Straßen hier inmitten der Landschaftsidylle sind alles andere als auf notorische Geradeausfahrer zugeschnitten, und meist hat man den Weg ganz für sich allein.
An der Oberen Argen kurven wir in großem Halbkreis um den Eistobel herum. Tobel, so nennen sich die meist dicht bewaldeten engen Schluchten des Allgäus, und der Eistobel zwischen dem Örtchen Schüttentobel und der Eistobelbrücke ist einer der schönsten. Wer nicht fußfaul ist, lässt das Bike an der Eistobelbrücke stehen und steigt via Wanderweg in die faszinierende Schlucht mit ihren unzähligen Wasserfällen und Stromschnellen hinab – es lohnt sich.
Wir umkreisen großräumig den Hahnenberg, der fast 200 Meter hoch ist, dann geht es über Milkel in Richtung Bautzen. Richtig grün ist es hier, herrliche Landschaft, urig, bäuerlich. Kein Wunder, gerade haben wir die Grenze des »Biosphärenreservats Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft« überfahren. Seit 1990 steht die Region unter besonderem Schutz. Von hier stammt auch der Name der Lausitz. »Łuža« nannten die slawischen Siedler das Land – »Sumpfland«. Daraus wurde im Lauf der Jahre Lausitz.
Bautzen empfängt uns mit strahlender Sonne, heimeligen Gassen und einer sehenswerten Altstadt. Zu Füßen des Reichenturms, dem »Schiefen Turm von Bautzen«, gönnen wir uns einen Kaffee. Wer ganz genau hinschaut, sieht es: Satte 144 Zentimeter steht die Spitze des Turms aus dem Lot. Einen klasse Blick über die vielen Türme und Befestigungen Bautzens bietet die große Brücke der B 96 in Richtung Süden. Vor den Stadttoren auf der nördlichen Seite wartet übrigens die Bautzener Talsperre mit richtigen Urlaubsfreuden auf. Als Paradies der Wassersportler bietet sie nicht nur einen herrlichen Sandstrand, es lockt auch die »Ocean-Beach-Bar« gleich neben dem Beach-Volleyball-Feld.
Wir verlassen die B 96 bei Ebendörfel und entschwinden ins Kurvenlabyrinth des »Berglands«. Hier scheinen die Uhren ein wenig langsamer zu gehen. Ruhe und Gelassenheit liegen über der Landschaft. Interessiert schauen uns ein paar Kühe von den Weiden hinterher. Kurvenreich windet sich der Asphalt durchs Grün, vorbei an kleinen Siedlungen und manchmal mitten durch herrliche Alleen, die im Westen der Republik schon längst den Kettensägen der Verkehrsplaner zum Opfer gefallen wären. Bei Rodewitz wollen wir uns die alte Windmühle anschauen. Sie steht auf Privatgrund, aber leider treffen wir niemanden an. Also stolpern wir außenherum übers Feld und machen ein paar Fotos. Kaum zu glauben, bis in die sechziger Jahre war die Mühle noch in Betrieb. In ihr mahlte und schrotete Windmüller Otto Kaiser noch bis kurz vor seinem Tod.
Irgendwann überqueren wir die A 4, es geht wieder nach Norden. Bei Quitzdorf am See passieren wir mal wieder eine riesige Talsperre. Auf deren Grund, tief unten im Wasser, liegen die Überreste des alten Quitzdorf, das, wie so viele Dörfer der Lausitz, einst bei der Flutung im See versank. Am See, dort wo es grün und etwas abgeschiedener ist, herrscht heute Idylle pur. Über dem Wasser kreisen schon mal Seeadler und Eisvögel, und an den Ufern finden sich Fischotter auf der Jagd nach Fischen und Fröschen.
Niesky mit seinem denkmalgeschützten Zinzendorfplatz führt uns weiter hinauf in Richtung Muskauer Heide. Ein gutes Stück sind wir auf der B 115 unterwegs, überholen mit einem kurzen Dreh am Gasgriff das ein oder andere Auto. Unter anderem einen museumsreifen IFA W50, beladen mit Holz und mit mehr Rost als Farbe gesegnet. Diesem DDR-Laster werden wir auf unserer Tour noch öfter begegnen, meist allerdings in viel besserem Zustand. Kein Wunder, war er doch der bedeutendste Lkw des Ostens; von ihm wurden im VEB Automobilwerk Ludwigsfelde weit über eine halbe Million Exemplare gebaut. Auch wenn die meisten davon exportiert wurden – viele Exemplare der robusten Karre rollen noch heute über deutsche Straßen.
Bei Rietschen lockt uns das Schild des Freilichtmuseums von der Straße. Und der Besuch lohnt sich. Auf dem riesigen Gelände am Erlichtteich wurden Schrotholzhäuser errichtet, die in der umliegenden Region dem Tagebau weichen mussten. Wie ein Lausitzer Heidedorf aus den vergangenen Jahrhunderten wirkt die Anlage. Zudem gibt es hier altes Handwerk zum Anfassen und leckeres Essen. Wem es gut gefällt, der darf auch gerne länger bleiben. In den urigen Holzhütten kostet die Übernachtung mit Frühstück mal gerade 20 Euro, die Halbpension gibt es schon für 28 Euro.
Gleich hinter Rietschen geht’s erstmal nur geradeaus. Halten und absteigen und dergleichen verboten. Noch bis Mitte der Neunziger durfte hier noch nicht mal gefahren werden. Wir durchqueren den Truppenübungsplatz Oberlausitz. Rechts und links üben manchmal die Truppen, ansonsten trifft man hier nur auf Natur und unendliches Grün. So viel Ruhe und Abgeschiedenheit hat durchaus ihre Vorteile. Nur so haben die Wölfe, jahrzehntelang in Deutschland durch sinnlose Jagd ausgerottet, wieder ein Stückchen Heimat gefunden.
Eingewandert über Polen, hat sich hier das erste Rudel etabliert und regelmäßig Nachwuchs in die Welt gesetzt. Die Chancen stehen gut, dass sich gerade ein zweites Rudel bildet – heile Welt mitten im Gefahrenbereich.
Drüben auf der anderen Seite des Übungsplatzes rollen wir nach Bad Muskau hinein. Direkt an der polnischen Grenze gelegen, beherbergt das Städtchen ein ganz außergewöhnliches Schmuckstück – den 750 Hektar großen Landschaftspark des Fürsten Pückler. Der Park gehört zum Weltkulturerbe und liegt zum Teil jenseits der Grenze auf polnischem Boden. Allein das Neue Schloss ist schon ein echter Hingucker, dazu kommen das Alte Schloss, das Tropenhaus, die Orangerie, Bade- und Bergpark und vieles mehr. Mit anderen Worten: genau der richtige Ort, das Mopped mal abzustellen und den müden Motorradfahrerbeinen ein wenig Bewegung zu gönnen. Und über die Brücke geht’s mal für eine kurze Stippvisite zu den polnischen Nachbarn hinüber.
Bald sind wir wieder gen Westen unterwegs. Spremberg geleitet uns zurück nach Senftenberg, was aber nicht heißt, dass hier unsere Runde beendet sein soll. Uns zieht es noch ein Stück weiter. Hoch in den Norden der Niederlausitz. Denn wenn man schon mal hier ist, muss man ihn auch gesehen haben, den Oberspreewald. Also rauschen wir über Calau nach Lübbenau. Hier liegt schon einer der zahlreichen Kahnfährhäfen, von denen die flachen Ausflugsboote durch die Spreewaldauen tuckern. Zudem locken Spreewald- und Freilandmuseum sowie das Schloss und – man höre und staune – das einzige Gurkenmuseum Deutschlands. Klar, der Spreewald ist Gurkenland. Klar ist natürlich auch, dass Kiki und ich kräftig probieren: Gurken mit Knoblauchgeschmack, Pfeffergurken, Gurken mit Senfaroma oder lieber etwas zitronig.
Die Auswahl ist riesig und ungemein schmackhaft. Dass, wie im Internet behauptet, frisch gepresste Spreewaldgurken mit Sprudelwasser versetzt unter der Bezeichnung »Brandenburgsche Gurkenschorle« in der gehobenen Gastronomie gerne als Alternative zu Prosecco kredenzt werden, halten wir aber doch für etwas übertrieben. Die Kahnfahrt fällt flach für heute. Auch unseren Besuch auf dem Eurospeedway Lausitz, dem »Lausitzring « direkt bei Senftenberg, müssen wir auf morgen verschieben. Es waren einfach zu viele Kilometer durch die kurzweilige Lausitz. Aber macht ja nichts, hier lassen sich auch locker noch ein paar Tage mehr verbringen.
TOURENFAHRER 12/09
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