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Traumstraßen Deutschlands – Erzgebirge

ERZLICH WILKOMMEN

Ein Holzkopf, wer meint, tief im Osten Deutschlands ließen sich keine Traumstraßen entdecken. Das Erzgebirge ist nicht nur eine Empfehlung für Freunde von Weihnachtspyramide und Co. – auch Biker kommen hier voll auf ihre Kosten. Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Erzgebirge

Es gibt ja die unterschiedlichsten Grußformeln in Deutschland. Im Süden der Republik wird man beim Betreten des Dorfladens mit einem herzlichen »Grüß' Gott!« begrüßt. An der Küste klingt schon mal ein »Ahoi!« über die Ladentheke. Der Kioskbesitzer an Rhein und Ruhr lässt ein eher gleichgültiges »Tach!« erklingen, bevor er die Currywurstbestellung aufnimmt. Da steht das Erzgebirge natürlich nicht hinten an. Für den Reisenden zuerst irritierend, aber bald ganz normal, wird ihm ein fröhliches »Glück auf!« entgegengeschmettert. Wähnt man sich spontan unter Tage, klingt's spätestens ab dem zweiten Tag im Mittelgebirge zwischen Sachsen und Böhmen recht vertraut.

»Glück auf!« begrüßt mich auch die Verkäuferin im Bäckerladen von Schwarzenberg. Ich tue mich noch etwas schwer und kontere mit einem neutralen »Hallo!«, bevor ich mich mit leckeren Backwaren fürs Picknick eindecke. Vor ein paar Minuten starteten wir am Ufer des Stauweihers von Geyer. Dort, nur einen Steinwurf vom riesigen Badesee entfernt und mitten im Geyer’schen Wald, liegt unser Basislager für die Erzgebirgetour – der Campingpark Greifensteine. Noch recht feucht vom nächtlichen Tau war die Landstraße über Elterlein, die letzten Nebelschwaden standen rechts und links des Asphalts. Je höher wir kommen – ab Schwarzenberg steigt die Landschaft langsam aber sicher stetig an – desto schneller verzieht sich auch der letzte Nebel.

Noch keine halbe Stunde sind wir unterwegs und mussten schon etliche Sehenswürdigkeiten links liegen lassen – eine Ruine, ein Bergwerk, ein Schloss. Erstmal egal, der Asphalt ruft, denn die erzgebirgischen Straßen sind mit ihrem steten Bergauf und Bergab eine Offenbarung, und das Vogtland lockt mit dichtem Grün und markanten Kurven. Gleich hinter Rittersgrün kommen Kiki und ich ins Stutzen. Hier waren wir schon mal, kommt uns irgendwie bekannt vor. Ein paar Meter weiter fällt es uns ein. Klar, hier stehen wir gleich am Grenzübergang hinüber nach Tschechien. Wo wir vor ein paar Jahren noch penibel kontrolliert wurden, kann man heute unbehelligt durch den einst so eisernen Vorhang schlüpfen. Machen wir aber nicht. Uns zieht es vielmehr in Richtung Fichtelberg. Satte 1214 Meter hoch ist er, der höchste Berg Sachsens, und auf dem Anstieg entlang der kurzweiligen B 95 sind wir nicht die einzigen Motorradfahrer. Oben am 1999 neu eröffneten Fichtelberghaus trifft sich regelmäßig die Zweiradfraktion. Kein Wunder, es gibt hier nicht nur Kaffee, Kuchen und andere kulinarische Genüsse, sondern dank des Aussichtsturmes auch einen fantastischen Rundblick. Zudem ist das Fichtelberghaus auch ein Hotel, und für Motorradfahrer gibt es regelmäßig besondere Arrangements.

Auf der östlichen Seite des Fichtelbergs stürzen wir uns wieder in die Tiefe, folgen der tschechischen Grenze, bis mich bei Hammerunterwiesenthal ein wildes Fauchen und Zischen heftig erschreckt. Ich ziehe kräftig an der Bremse, erwarte jeden Moment irgendein monströses Tier, das sich aus dem dichten Grün des vogtländischen Waldes auf uns stürzt. Als dann jedoch das heisere Krächzen in einen hellen, sauberen Pfiff übergeht, wird mir klar: Dieses Ungetüm hat Räder statt Beine und wird mit Kohle befeuert. Die dampfgetriebene Fichtelbergbahn schnauft mehrmals täglich die knapp 20 Kilometer lange Strecke zwischen Cranzahl und dem Kurort Oberwiesenthal hin und her. Dabei hat sie ordentlich zu tun. Oberwiesenthal, gleich unterhalb des Fichtelberggipfels gelegen, ist schließlich Deutschlands höchstgelegene Stadt.

Hinter Bärenstein biegen wir scharf rechts ab, folgen weiter dem Verlauf der deutsch-tschechischen Grenze. Bei Jöhstadt zeugen, wie überall im Erzgebirge, technische Denkmäler von der Bergbau-Vergangenheit der Region – das Besucherbergwerk »Andreas-Gegentrum-Stolln« und der Schmelzofen im Ortsteil Schmalzgrube. Und, wie sollte es anders sein, auch im anschließenden Preßnitztal schnauft ein eiserner Zeitzeuge auf Schienen umher – die Preßnitztalbahn. Wir folgen den Gleisen, die mal rechts und mal links der Straße verlaufen, in stetigem Wechsel mit dem Flüsschen, kurven um Felsen und kleine Wasserfälle herum. Immer wieder blitzt die Sonne durch das dichte Blätterdach, lässt das schäumende Wasser der Preßnitz gleißend aufleuchten oder die mit bunten Blüten gespickten Felswände am Rand der Straße erstrahlen.

Südlich der Mothäuser Heide halten wir uns wieder rechts, rollen erneut ganz am Rand der Grenze entlang. Ein paar Schritte und wir wären auf tschechischer Seite. Rübenau huscht vorbei. Hoch oben über dem Tal liegt der Aussichtspunkt Stößerfelsen. Nur mit äußerst strammen Waden kommt man zu ihm hinauf, wir lassen es lieber bleiben. Unser Ausflugsziel, bequem auf zwei Rädern erreichbar, ist das Olbernhauer Freilichtmuseum Saigerhütte. Die ehemalige Kupferhütte ist mit rund 20 Gebäuden ein einmaliges Lehrstück der historischen Metallverarbeitung. Neben dem technischen Museum gibt es ein Hotel, ein Restaurant, restaurierte Fachwerkhäuser, sogar der wasserradgetriebene Hammer funktioniert noch.
Zum Abschluss noch einen heißen Kaffee, dann rollen wir gerade mal eine Hand voll Kilometer weiter entlang der Flöha, bis wir erneut die BMW parken. Neuhausen muss man gesehen haben. Nicht umsonst gilt das Städtchen zu Füßen des Schlosses Purschenstein als DAS Ausflugsziel der Region. Nicht nur, dass die Seiffener das erste und größte Nussknackermuseum Europas mit über 5000 Ausstellungsstücken auf die Beine gestellt haben, sie präsentieren auch ein Glashüttenmuseum, in dem regelmäßig Schauvorführungen stattfinden und eine alte Stuhlfabrik als Museum. Zudem lockt natürlich das Schloss, und für Biker besonders interessant ist die Motorradausstellung in der alten Berufsschule. Hier finden sich alle in der ehemaligen DDR produzierten Motorradmodelle der Jahre 1945 bis 1989, eine eindrucksvolle Sammlung.

Die Deutsche Alleenstraße und die Silberstraße führen uns um die Saydaer Höhe herum gen Nordwesten. Kleine Dörfer, Teiche, Höfe liegen an der Strecke, es ist grün und ländlich. Haselbach, Wünschendorf, Grünhainichen – klingt ja auch schon recht beschaulich. Wer mag, kann hier allerdings alles andere als beschaulich Motorrad fahren. Die Kurven zwischen Flöha und Lößnitz, Herzbach und Zschopau und wie die Flüsschen hier noch alle heißen, fordern ordentlich Schräglage und kontaktfreudige Stiefelsohlen schließlich geradezu heraus.

Bei Oederan biege ich auf die schnelle B 173 ab, Richtung Flöha. Hinter dem Ortsschild drehe ich den Gasgriff auf, knackige Kurven warten. Ja, zu meinem Glück HINTER dem Ortsschild. Denn VOR dem Ortsschild, so erkenne ich gerade noch im Rückspiegel, steht so ein kleiner Kasten neben der Fahrbahn, mit einem Stativ und einem dunkelroten Blitz – Glück gehabt. Die dazu passende Rennleitung entdecke ich wenige hundert Meter weiter am Straßenrand, freundlich grüßend.

Traumstraßen Deutschlands

Weit weniger freundlich geht es im Besucherbüro des Schlosses Augustusburg zu. Über der gleichnamigen Stadt thront das mächtige Gemäuer, das sich im Internet als das Mekka der Motorradfahrer, als Schloss der Biker präsentiert. Neugierig erlaube ich mir, im Besucherbüro vorbei zu schauen – im Glauben, dieses sei auch für die Besucher da. Die beiden anwesenden Damen nehmen erst gar keine Notiz von mir, keine fühlt sich angesprochen. Nachdem ich meine Frage, was denn der reisende Motorradfahrer so auf der Burg vorfindet, wiederhole, werde ich erbarmungslos niedergebügelt. Dies sei das Besucherbüro, für solche Fragen sei die Direktion zuständig, und ich hätte dort einen Termin auszumachen.
Hallo? Da habe ich offensichtlich ein ganz seltenes Überbleibsel des Verwaltungsapparats des einstigen Arbeiter- und Bauernstaates angetroffen. Macht aber nicht wirklich was, wir können unsere Freizeit auch woanders verbringen, und im Schloss von Zschopau, nur ein paar Minuten weiter, werden wir dafür umso herzlicher empfangen. Zudem findet sich dort ein ganz besonders liebevoll gestaltetes Motorradmuseum. Fast hat man das Gefühl, mit der Zeitmaschine mitten zwischen all den Moppeds und der Dekoration gelandet zu sein. Hier präsentiert sich die lebendige Geschichte des traditionsreichen Motorradbaus in Zschopau.

Die Stadt hat ihren Namen vom gleichnamigen Fluss, der meist geruhsam zu Füßen des Schlosses durch das Stadtbild plätschert. Dass das nicht immer so ist, beweist das Gewässer südlich von Zschopau. Hier hat das Wasser in Jahrtausenden das fantastische Zschopautal aus dem West-Erzgebirge herausgeschmirgelt. Seinem Namen, der von dem sorbischen Šu ici abstammt, was so viel wie »die Rauschende« bedeutet, hat der Fluss damit jedenfalls alle Ehre gemacht. Uns führt das Tal in tollen Zickzack-Schwüngen gut zehn Kilometer weiter nach Wolkenstein. Wie der Name schon vermuten lässt, gibt es auch hier ein mächtiges Schloss, welches hoch in den Himmel ragt. Im siebten Himmel darf sich fühlen, wer sich im historischen Trauzimmer des Schlosses traut, sich trauen zu lassen. Dass gleich daneben die nicht weniger historische Folterkammer liegt, mag reiner Zufall sein – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die letzten Kilometer unserer Erzgebirge-Erkundung führen uns vorbei am Ehrenfriedersdorfer Besucherbergwerk. Ein letzter Hinweis darauf, wie eng verwoben die Geschichte des Erzgebirges mit dem Bergbau ist. »Alles kommt vom Bergwerk her!« lautet der hier entstandene, viel zitierte Ausspruch. Da bleibt uns nur zu sagen: »Glück auf!«

Traumstraßen Deutschlands

TOURENFAHRER 02/10


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