Traumstraßen Deutschlands – Hunsrück

AUF RAUBZUG

Auch wenn er im Hunsrück noch allgegenwärtig ist, sind die Zeiten, als der Schinderhannes dort auf Raubzug ging, längst vorbei. Stattdessen machen Motorradfahrer hier jetzt fette Beute beim Kurvenräubern.
Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Hunsrück

Wissenschaftler sind schon ein kauziges Völkchen. Da entdeckt ein Forscher mitten im Schiefer des Hunsrücks den Abdruck eines uralten Gliederfüßers, der bislang noch nicht einmal gerüchteweise bekannt war, und wie nennt er ihn? Schinderhannes! Genauer: Schinderhannes bartelsi. Na ja, wen wundert’s? Der alte Räuber ist in der Tat allgegenwärtig in dem mächtigen Schiefergebirge zwischen Mosel, Rhein und Nahe. Wohin man in dieser Region auch kommt, wohin man auch schaut, überall begegnet man dem Übeltäter. Schinderhannes- Schnitzel, Schinderhannes- Wurst, Schinderhannes- Brot, unzählige Gaststätten »Zum Schinderhannes« –warum nicht dann auch ein Arthropode mit Garnelenschwanz gleichen Namens.

Es war ein gefährliches Pflas - ter, der einsame Hunsrück, in dem sich Johannes Bückler alias Schinderhannes einst herumtrieb, um harmlose Reisende und Anwohner auszurauben und gelegentlich auch schon mal abzumurksen. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. Einsam ist es auch heute noch in den Hochwäldern, aber eben nicht mehr gefährlich. Und so machen wir uns in aller Frühe in der ältesten Stadt Deutschlands, in Trier, auf die Reifen, diesen Teil des Rheinischen Schiefergebirges zu erkunden.

Zügig steigt die B 52 aus dem noch nebligen Tal der Mosel immer weiter empor. Bald lassen wir die letzten Nebelschwaden hinter uns, blicken der Sonne mitten ins Gesicht. Bei Hermeskeil schimmern auf einmal die Silhouetten von Flugzeugen durchs Gebüsch. Eine Fata Morgana? Nein, eine Flugausstellung. Unglaublich, was die Familie Junior da auf gut 76.000 Quadratmetern zusammengetragen hat. Weit über 100 Originalflugzeuge präsentieren sich hier den Besuchern. Die berühmte Super Constellation neben dem berüchtigten Starfighter, der Harrier- Senkrechtstarter gleich hinter der kampfstarken MIG 25 – die über das Gelände verstreuten Exponate dürften nicht nur Flugfans faszinieren. Und wo sonst kann man schon einen Kaffee an Bord der Concorde trinken?

Wir steuern weiter auf die Hunsrückhöhenstraße, die uns in Schlangenlinien langsam, aber sicher in den Idarwald geleitet. Würden wir ihr folgen, kämen wir nach insgesamt 157 kurvigen Kilometern samt ungezählter reizvoller Aussichten an ihrem anderen Ende in Koblenz an. Freilich waren es nicht die guten Aussichten, die zu ihrer Entstehung beitrugen, sondern, wie so oft, militärische Gründe. In den Jahren 1938/39 wurde sie auf Befehl Görings als Aufmarschstraße zur französischen Grenze erbaut.

In Morbach verlassen wir die »Straße der weiten Aussicht«. Es geht – alles andere als langweilig – an Langweiler vorbei, halb um den 673 Meter hohen Wildenburger Kopf herum und dann gleich wieder tief hinab ins Tal der Nahe. Hier liegt Idar- Oberstein, die Stadt der Edelsteine. Kaum rollt man durch deren Straßen, fallen sofort die vielen Schilder auf. Juwelen und Edelsteine werden in Idar- Oberstein angepriesen wie andernorts die Brötchen. Natürlich nur zu einem etwas anderen Preis. Wer’s hat, kann in der Nahestadt also richtig Geld loswerden. Aber auch in der Theorie sind die edlen Mineralien interessant. Einen tiefen Einblick in die Welt des kostbaren Gesteins bietet das Edelsteinmuseum. Auch wer sich sonst eher nicht für die dicken Klunker begeistern kann, dürfte sich hier nicht langweilen.

Kurz vor Fischbach verlassen wir das Nahetal, steigen durch eines der zahlreichen Seitentäler wieder auf. Entlang der Deutschen Edelsteinstraße klettern wir hinauf auf die Hunsrückhöhen, vorbei an zahlreichen Zeugnissen der alten Bergbautätigkeiten. In weiten Schwüngen führt der Asphalt vorbei an kleinen, einsamen Höfen und durch die typischen Hunsrückdörfer.

Eine verträumte Welt, wo noch die Misthaufen mitten in der Gemeinde dampfen und die Kühe uns interessiert hinterherschauen. Bei der Bundenbacher Schiefergrube, genau dort, wo Anfang 2009 der Schinderhannes bartelsi entdeckt wurde, biege ich auf die Hunsrück-Burgenund- Schieferstraße ab, die sich eng an einen Bach geschmiegt wieder gen Tal schlängelt.

Unten, wo sie auf die Nahe trifft, liegt Kirn. Ein malerisches Fleckchen mit einer sehenswerten historischen Altstadt, bewacht von der Kyrburg. Die mächtige Burgruine hoch über Kirn ist einer der schönsten Aussichtspunkte der Region und dient immer wieder als Kulisse für Opern- und Theateraufführungen. Und noch eine historische Stätte bei Kirn lohnt den Besuch, das Schloss Dhaun. Als Burg erbaut, später zum Teil abgerissen, dann wieder aufgebaut, fungiert es heute als Bildungsstätte.

Schloss Dhaun im Rücken versinken wir bald darauf im Soonwald. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie gut sich der Schinderhannes mit seinen üblen Gesellen im dichten Grün verbergen konnte. Kilometerweit kurvt die Straße durch nichts als undurchdringlich wirkendes Blattwerk. Erst jenseits von Argenschwang, einem idyllischen Örtchen mit – wie sollte es anders sein – einer Burgruine, lichtet es sich wieder. Jetzt tauchen die ersten Weinberge auf, und wir biegen auf die Naheweinstraße ab, die nicht weniger als 35 Weinorte des Nahelands miteinander verbindet. Klein, aber fein – der viel zitierte Spruch passt selten so gut wie zur Naheweinstraße. Auf nur 130 Kilometern reiht sich entlang des Rundkurses ein Hingucker an den anderen. So zum Beispiel der Rotenfels, die höchste Felswand zwischen Alpen und Skandinavien, oder das mehr als sehenswerte Städtchen Bad Kreuznach.

Für uns ist es nur ein kurzes Intermezzo auf dem Naheweinrundkurs. Schon ab Rheinböllen tauchen wir hinab ins Mittelrheintal. Aufgepasst, die Strecke nach Bacharach ist eine kurvige Spielwiese für Supersportler. Gleich eine ganze Meute wilder Knieschleifer kommt uns bergauf entgegen. Bacharach, das ist dort, wo sich Weintouristen gleich busladungsweise in die Altstädte chauffieren lassen. Schön, aber reichlich voll. Die Altstädte, versteht sich, aber manchmal auch die Touristen. Welch ein Kontrast zu den weitläufigen stillen Hunsrückhöhen, auf denen sich meist Trecker, Mercedes Diesel und Motorräder ein Stelldichein geben. Also bloß schnell zurück dorthin, diesmal etwas nördlicher über Breitscheid.

Bacharach – welch Kontrast zu den Höhen,

wo sich statt Touristenmassen Trecker, Mercedes Diesel und Motorräder ein Stelldichein geben

Breitscheid, das klingt wie Breidscheid am Nürburgring, und ähnlich faszinierend wie der Asphalt um die Rennstrecke sind die Kilometer, die hier im Slalom hoch hinaus aus dem Rheintal führen. Oben auf der Höhe halte ich mich an die Schilder nach Simmern / Hunsrück. Und kaum ist man in dem Städtchen angekommen, begegnet er einem auch gleich wieder, der Schinderhannes. Diesmal in Gestalt des Schinderhannesturms. Es war im Februar 1799, als der Gauner zum ersten Mal festgenommen und in ebendiesen Turm gesteckt wurde. Der galt bis dahin als ausbruchssicher. Aber nur bis zum 20. August desselben Jahres. Da gelang dem Bückler nämlich kurzerhand ein Sprung aus dem Turm, und mit leichten Verletzungen machte er sich aus dem Staub, um weitere drei Jahre lang den Hunsrück unsicher zu machen.

Nordwestlich von Simmern führt uns die Deutsche Alleenstraße über Kastellaun und seine Burg in Richtung Mosel. Bevor wir ins Tal der Mosel hinabklettern, wollen wir aber noch ein Stückchen Hunsrückhöhenstraße genießen. Es sind zwar nur gut zehn Kilometer, aber bei diesen Aussichten kann es dauern, bis man sie hinter sich gebracht hat. Weit in die Ferne kann der Blick hier schweifen, über die sanften Hügel, die satten grünen Wiesen und goldbraune Felder. In Kappel setze ich schließlich den Blinker und steuere Liesenich an, wo mit dem TOURENFAHRER- Partnerhaus »Zur Moselhöhe« ein idealer Platz erreicht ist, um in gemütlicher Runde unsere Hunsrück-Traumstraßentour ausklingen zu lassen. Ein idealer Platz aber auch, um vielleicht am nächsten Tag zu einer neuen Hunsrückrunde durchzustarten. Schließlich hat Peter Schmitz, der freundliche Wirt, noch eine Menge guter Vorschläge in der Tasche.

Traumstraßen Deutschlands

TOURENFAHRER 05/10


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