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Traumstraßen Deutschlands – Thüringen

Auf dem Weg der blauen Steine

Schiefer hat den Südosten Thüringens geprägt. Aber auf einer Tour durch Deutschlands Mitte lässt sich noch etwas ganz anderes finden als das blaue Gestein: Gold!

Traumstrassen Deutschlands - Thüringen

Hund gibt es heutzutage nur noch ganz selten und nur zu besonderen Anlässen. Offiziell darf man den ja gar nicht mehr essen«, versichert mir der ältere Herr. Das verschmitzte Grinsen kann er dabei kaum zurückhalten. Lange muss ich nicht bohren, um ihm dieses Geständnis zu entlocken. Hier, tief in den Fichtenwäldern Südthüringens, ist man den Traditionen noch eng verbunden. Hundefett galt in manchen Dörfern als Heilmittel, um die Lungenkrankheiten zu lindern, die mit dem Abbau des Schiefergesteins einhergingen. Je nach geologischer Beschaffenheit wurden die Steine entweder zum Dachdecken oder zum Schreiben benutzt. Wie paradox: Die früheren Minenschauplätze und Herde der Tuberkulose sind heute oft Luftkurorte, der Bergbau ist Vergangenheit. Jetzt braucht es nur ein dünn besiedeltes Gebirge mit einer großen Auswahl anspruchsvoller Motorradstrecken, und das Umfeld einer Erkundungstour ist perfekt. Die lebendige Geschichte des Gesteins entpuppt sich als Dreingabe.

Um nicht vom längsten Autobahntunnel Deutschlands verschluckt und verrußt zu werden, verlassen wir die A 71 von Norden kommend in Gräfenroda. Während die Eiligen unter dem Gebirge hinwegtauchen können, fahren wir direkt hinauf. Der bekannte, aber deshalb nicht unbedingt schöne Wintersportort Oberhof ist unser erster Stopp. Zu DDR-Zeiten die Schmiede für Olympiasieger, werden auch heute noch Weltcups im Biathlon, Skispringen sowie im Bob- und Rennschlittenfahren hier ausgetragen. Die meisten der Sportstätten kann man besichtigen, wobei mir besonders der Blick auf die 120-Meter-Schanze im Kanzlersgrund in Erinnerung bleibt.

Traumstraßen Deutschlands – Thüringen / Infos + Karte

Doch nichts liegt uns momentan ferner als Eis und Schnee. Ein blauer Himmel und sehr angenehme 25 Grad verheißen ganz andere Freuden und animieren zum Aufbruch. Kaum haben wir Oberhof Richtung Osten verlassen, wird die Straße sehr einsam, entpuppt sich als ein Traum zum Motorradfahren. Das hat auch einen geografischen Grund. Der Thüringer Wald ist ein so genanntes Kammgebirge. Und genau entlang dieses Kammes verläuft die Route. Meist sind wir eingehüllt von dunklen Fichten, durch die – in diesen Momenten umso eindrucksvoller – ab und zu die Sonne blitzt. Gelegentlich säumen Dörfer den Weg, manchmal passieren wir auch nur ein einzelnes Haus.

Kurz vor dem mit ganzen 1105 Einwohnern etwas angeberisch getauften Neustadt gelangen wir plötzlich ans Licht. Die Bäume weichen weiten Hochwiesen und geben Aussichten in alle Richtungen frei. Über 800 Meter sind wir hoch und fühlen uns wie auf dem Dach Mitteldeutschlands. Abwechselnd schwei fen die Blicke nach Süden ins Bayerische oder gen Norden weit nach Thüringen hinein. In dem exponierten Ort fällt uns die spezielle Architektur der Gegend zum ersten Male so richtig auf. Dächer und Wände der Wohnhäuser sind mit dunkelblauem, fast schwarzem Schiefer verkleidet. »Dieser Baustoff kommt aus der Region und ist am besten geeignet, um den gestrengen Wintern hier oben zu trotzen «, erklärt der Wirt der Restaurants. »Er wurde etwas weiter östlich abgebaut und war wegen eines geringen Stundenlohnes – eine Schieferdeckung ist zeitaufwendig – auch bezahlbar. Früher, als es in dem armen Gebiet sowieso nicht viel gab, war es seine besonders hohe Witterungsbeständigkeit, die dieses Material im Gebirge so wertvoll machte. Für eine Deckung aus Thüringer Schiefer wird eine Haltbarkeitsdauer von hundert Jahren veranschlagt. Dann rosten die Nägel. Die Platten können oftmals wiederverwendet werden«, schwärmt er uns vor.

Kurz vor Masserberg müssen wir den Kamm verlassen. Ab hier geht es auf der Höhe nur noch über einen berühmten Wanderweg weiter, den Rennsteig. Der folgt für 170 Kilometer immer dem Kamm der drei zusammenhängenden Gebirge Thüringer Wald, Thüringer Schiefergebirge sowie dem Frankenwald. Wir überlassen den Berg den Wanderern und fahren ins Tal. Die Karte weist eine landschaftlich schöne Strecke in einen Ort namens Katzhütte aus. Die gerade so zwei Fahrzeugen Platz bietende Straße schlängelt sich durch den einsamen Grund. Ein Mehr an Ausbau braucht es nicht. Für die fünf Kilometer sind wir die einzigen Benutzer. Neben uns plätschert ein Bach. Die Luft riecht nach Harz. Irgendwann sind wir unten in Katzhütte, das genau so wirkt, wie der Name verspricht. Wie ein Wurm ist die Gemeinde zwischen die steilen Hänge gequetscht, sieben Kilometer lang, aber nur 2000 Einwohner stark. Wie finster muss es hier sein, wenn es das Wetter, speziell im Winter, weniger gut als heute meint? Die jetzt in der Sonne dunkelblau schimmernden Schieferfassaden werden sicher tiefschwarz. Dann müssen die Berge wohl über die eingekeilte Ortschaft direkt aufs Gemüt herunterstürzen. Selbst der am Talgrund plätschernde Fluss passt zum düsteren Szenario meiner Fantasie. Die Schwarza hat ihren Namen wegen der Farbe des über das dunkle Gestein rinnenden Wassers. Heute glitzert sie silbern im Sonnenlicht. Die Farbe täuscht. Denn so ganz nebenbei ist sie der goldreichste Fluss Deutschlands, wie wir wenig später erfahren sollen.

Der nächste Ortsname, Goldisthal, ist bereits ein erster Hinweis auf den Unterwasserreichtum. Anschließend wird die Straße nach Scheibe Alsbach plötzlich ungewohnt breit wie eine Rennstrecke. Das haben andere schon vor uns entdeckt – und sind zu weit gegangen. Kreuze am Wegesrand zeugen davon. Die fast jede Schräglage erlaubenden Kurven animieren trotzdem zu offensivem Fahrstil auf die Passhöhe, wo wir uns eine Pause gönnen. Ein Blick auf eine Tafel verrät den Grund für die in dieser Gegend überkandidelt wirkende Asphaltpiste. Die alte Route entlang des Talgrundes ist jetzt von einem Stausee versperrt. Die neue hat man in den Hang gesprengt und lieber etwas zu breit als zu schmal gebaut.

Hat Goldisthal nur Interesse am Namen geweckt, so lockt das Hinweisschild zum Goldmuseum in Theuern zur Erkundung. Kaum oben auf dem Kamm, geht es so auf der anderen Seite wieder in die Enge und Idylle des Neumannsgrundes hinab.

Das Goldmuseum ist in einer renovierten Mühle untergebracht und lädt allein schon mit seinem schmucken Äußeren zu einem Besuch ein. Die Liebe des Betreibers zu dem begehrten Element wird in jedem Detail dieses Kleinodes nur zu deutlich. Doktor Schade ist Geologe, seine Begeisterung ist ansteckend. »Gold ist meine Passion, aber nicht das Metall. Metall ist tot. Ich bin stets auf der Suche nach dem Mineral Gold, denn die Fundstücke erzählen mir immer eine Geschichte, zum Beispiel wie es entstanden ist oder wie die Elemente es geformt haben«, erklärt er. In mittlerweile 256 Bächen Thüringens hat er Gold gefunden, auch in der Grümpen vor seiner Haustür. Uns hat das Fieber gepackt. Kein Problem. Sogleich bekommen wir ein paar Stiefel und einen Schnellkurs im Goldwaschen verpasst. Es dauert nicht lange, und das Glück des Amateurs ist uns hold. Ein winziges gelbes Körnchen bleibt am Grund unserer Schüssel haften.

Über wunderschöne Landstraßen unterster Ordnung tasten wir uns am Fuß des Gebirges weiter nach Osten vor. Idyllische Dörfer mit Namen wie Rauenstein, Rabenäußig oder Mengersgereuth-Hämmern liegen entlang des Weges. Ein Minipass bringt uns hinüber nach Steinach, wo die Thüringisch-Fränkische Schieferstraße ihren Anfang hat. Der Ort hat noch eine besondere Relevanz. Seiner Existenz haben viele die Fähigkeit des Schreibens zu verdanken. Zumindest hat die Stadt dazu beigetragen. Hier verwitterte das Schiefergestein zu solch dünnen langen Stücken, dass daraus Schiefergriffel hergestellt wurden. Mit den steinernen Stiften lernten Schüler in aller Welt auf Schiefertafeln das Schreiben. Die Produktion lief bis 1968. Mit einer Art Drehmaschine wurden aus den eckigen, scharfkantigen Steinen die Griffel geformt. Die Arbeit verursachte viel Staub, was zahlreiche Lungenkrankheiten zur Folge hatte, die dann mit dem bewährten Mittel kuriert wurden: Hundefett. Das Deutsche Schiefermuseum im Alten Schloss gibt hierüber umfangreich Auskunft.

Das Gold ist

Doktor Schades Passion. In 256 Bächen Thüringens hat er es gefunden

Traumstraßen Deutschlands

Tierisch geht es weiter. Über Hasenthal und Spechtsbrunn folgen wir der Schieferstraße. Ein ständiges Auf und Ab sorgt für Kurzweil. Auf dem Kamm in Spechtsbrunn treffen wir auf einen alten Bekannten, den Rennsteig. Wir folgen ihm für eine Weile entlang der parallelen Straße und sind nach ein paar hundert Metern in Bayern – oder besser: in Franken. So hört man es hier lieber. Ein braunes Schild mit der Aufschrift »Ölschnitzsee« lockt zu einem Abstecher. Eine Erfrischung täte jetzt gut. Dass wir dafür so ein passendes Kleinod finden, ist pures Glück. Der kleine Stausee liegt eingebettet in den Fichtenwald und lädt mit seiner grünen Liegewiese zu einer ausgedehnten Rast ein. Schöner geht es kaum. Das Programm: Baden, Sonnen, Baden. Die Sonne auf dem Bauch ist so wohltuend, dass es mit einer Weiterfahrt heute nichts mehr wird. Einen angenehmeren Ort zum Ausspannen werden wir nicht mehr finden. Irgendwann, als die Schatten schon lang sind, schaffen wir es gerade so, uns wieder nach Spechtsbrunn aufzuraffen, wo wir vorhin an einer netten Pension vorbeigefahren sind.

Am nächsten Morgen bringt uns eine sehr einsame Straße tief hinunter ins fränkische Ludwigsstadt. Hier wird in einem weiteren Museum gezeigt, wie die Schiefertafeln, also die Unterlagen, worauf mit den Steinacher Griffeln geschrieben wurde, hergestellt wurden. Eine mit Stahlstiften bewehrte Maschine ritzte ein Linienmuster zum Schreiben in den Stein. Auf der anderen Seite wurde die Prozedur zweifach durchgeführt, und es entstand ein Karomuster für die Mathematik.

Nach dem geistigen ist leibliches Wohl an der Reihe. In Ludwigsstadt werden die berühmten Schokoladenspezialitäten der Confiserie Lauenstein kreiert. Bei einem Besuch der Manufaktur wird uns der Mund so richtig wässrig gemacht, bevor wir endlich zuschlagen dürfen. Mit reichlich Kalorienüberschuss folgen wir der Schieferstraße hinauf nach Lehesten, dem Ursprung all der dunkelblauen Ortschaften. Hier, in den größten Brüchen von Festlandeuropa, wurden die meisten der Schiefer, die wir bisher sahen, aus zwei Gruben aus dem Berg geholt. Eine davon ist heute ein technisches Denkmal und Museum, das beinahe gewissenhaften Staatsbediensteten zum Opfer gefallen wäre. Es stand unter »Fluchthilfeverdacht «. Unweit des Tagebaus verlief die innerdeutsche Grenze. Jedes der seit 1973 verlassenen Gebäude könnte Republikflüchtigen Unterschlupf bieten, meinten die Grenzbewacher. Da ist zum Beispiel die Spalthütte, wo uns die nette Führerin anschaulich zeigt, wie jeder einzelne Stein gespalten und behauen wurde. Eine Kunst. Und ein Knochenjob, speziell im Winter.

Das Gestein kam in großen Blöcken aus dem tiefen Loch gleich nebenan. Es ist so perfekt abgelagert, dass man einen Millimeter dünne Scheiben gewinnen könnte. Von der Schiefergrube ist es ein kurzer Fußweg den Wald hinunter bis zur Ziegelhütte, an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen. Hier gab es in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts trotz Kaltem Krieg und Eisernem Vorhang regen Grenzverkehr. Die Schiefervorkommen des Thüringer Schieferbezirkes gaben seit Generationen den Männern aus Franken Arbeit und Brot. Versuche, auf bayerischer Seite guten Schiefer abzubauen, waren fehlgeschlagen. Am 12. Juli 1948 erschien an der Gemeindetafel in Reichenbach ein Anschlag des »Volkseigenen Betriebes Schiefergruben Lehesten « mit dem Hinweis, dass es den bayerischen Schieferbrüchlern wieder möglich sei, dort Arbeit zu finden. Eine Vereinbarung der Länder Thüringen und Bayern regelte die Entlohnung. Bald gingen 250 Schieferarbeiter von West nach Ost über die Grenze zur Arbeit nach Thüringen. Lohn und Sozialleistungen wurden in DDR-Währung beglichen, zur ärztlichen Versorgung kamen die Bayern mit ihren Familienangehörigen in die DDR. Mitte September 1961 wurde den Bayern vom VEB (Volkseigener Betrieb) Schiefergruben Lehesten gekündigt und eine Entscheidung verlangt: Siedeln Sie um nach Thüringen, oder bleiben Sie in Bayern! Damals siedelte niemand.

Wir verweilen noch ein wenig in dem schmucken Ort und werfen einen Blick auf die Kirche und das imposante Gebäude der Dachdeckerschule, beides natürlich komplett mit Schiefer gedeckt. Auf fränkischer Seite geht es weiter. Immer oben auf der Höhe fahren wir über Brennersgrün, Hermesgrün und Carlsgrün, deren umgebende Natur die Namen mehr als rechtfertigt, weiter gen Osten bis nach Blankenstein an der Saale. Das Tal, wo der Rennsteig beginnt (oder endet), markiert auch das Ende unserer Tour. Oder den Anfang? Die Deutsche Alleenstraße, die Panorama- und Saaletalstraße sowie die Frankenwaldhochstraße treffen hier aufeinander. Ein Flecken, der mit so viel namenswürdigen Routen gesegnet ist, sollte genug Gründe liefern, in die Mitte Deutschlands zurückzukehren. Der Bergbau ist zwar Vergangenheit. Dafür leben jetzt die Hunde länger.

TOURENFAHRER 08/10

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