
Praxis: Gewicht und Zuladung
Weight Watchers
Leergewicht, Trockengewicht, Zuladung, zulässiges Gesamtgewicht, Leermasse – rund ums Motorrad kursieren eine Menge Begriffe um Gramm und Kilogramm, um Hüftgold und Hungerhaken. Zeit für Aufklärung.
Alle Welt redet von Gewicht, Abnehmen, Diäten, Schlankheitskuren und Fettabsaugung. Selbst Motorradfahrer sind davor nicht gefeit und verbauen an ihren Maschinen Ergal-Schrauben, Alu-Lenker und Carbonteile en masse. Alles teuer, aber schön leicht. Und natürlich sind alle Motorradhersteller bemüht, ihre Maschinen, ob Tourer oder Supersportler, schon ab Werk leicht zu halten, um sich mit einem möglichst geringen Trockengewicht brüsten zu können.
Die Jagd nach dem geringsten Gewicht treibt seltsame Blüten
Allerdings treibt diese Jagd nach dem geringsten Leergewicht seltsame Blüten. Dass jeder Produzent bei der Angabe des Trockengewichts auf den Kraftstoff verzichtet und Bordwerkzeug sowie Fahrerhandbuch beiseite lässt, mag man ja noch verstehen. Motoröl und Kühlflüssigkeit hinauszurechnen, gar Gabelöl und Bremsflüssigkeit abzuziehen, die Batteriesäure oder gleich den ganzen Akkumulator zu subtrahieren, erscheint allerdings wenig sinnvoll. Da stellt sich die Frage, wie ein derart abgerüstetes Motorrad überhaupt fahren soll. Natürlich möchte jedes Konstrukteursteam gerne damit angeben, wie weit man es mit der Leichtigkeit des Seins an seinen Entwicklungen gebracht hat, und natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Faszination, wenn eine Yamaha R1 ohne Betriebsstoffe nur 177 kg auf die Waage bringt – und das bei einer Fahrstabilität ohne Fehl und Tadel. Aber praxisgerechter ist auf jeden Fall eine Gewichtsangabe im fahrbereiten Zustand.Immerhin hat sich Honda seit letztem Herbst dazu durchgerungen, das Gewicht eines Motorrades nur noch mit allen Betriebsstoffen und vollem Tank anzugeben, und die anderen japanischen Hersteller wollen diesem Beispiel folgen. Sie machen sich damit die Sichtweise von TÜV, KBA und anderer Institutionen zu eigen, die sich wiederum an der EU-Richtlinie 92/61/EWG vom 30. Juni 1992 über die Betriebserlaubnis für zweirädrige Kfz orientieren. Dort steht unter Anhang 2 Punkt 2:
Leermasse
Masse des zum normalen Gebrauch fahrbereiten Fahrzeugs mit nachstehender Ausrüstung:
- ausschließlich zu der in Frage kommenden normalen Verwendung erforderlichen Zusatzausrüstung
- vollständige elektrische Anlage einschließlich der vom Hersteller gelieferten Beleuchtungs- und Lichtsignaleinrichtung
- aufgrund der Rechtsvorschriften erforderliche Instrumente und Einrichtungen
- angemessener Füllstand an Flüssigkeiten zur Gewährleistung des einwandfreien Funktionierens sämtlicher Teile des Fahrzeugs, wobei Elemente wie Batterieflüssigkeit, Hydraulikflüssigkeit, Kühlflüssigkeit und Motoröl einzubeziehen sind, Kraftstoff von der Messung ausgenommen ist
Leergewicht
Die Leermasse plus nachstehende Massen:
- Kraftstoffbehälter zu 90 Prozent des vom Hersteller angegebenen Fassungsvermögens gefüllt
- normalerweise vom Hersteller zusätzlich zu dem für das normale Funktionieren mitgelieferten Zubehör (z. B. Gepäckträger oder Sturzbügel)
Diese Leermasse findet sich letztlich im Fahrzeugschein unter »G« als die Masse des in Betrieb befindlichen Fahrzeugs. Doch Vorsicht: Die Leermasse beinhaltet kein außerplanmäßiges Zubehör. Eine BMW K 1200 GT hat beispielsweise eine Leermasse von 282 kg. Eine vom »Motorradfahrer« getestete GT mit Sitzheizung, Heizgriffen, elektronischer Fahrwerkseinstellung und einigem Zubehör brachte glatt 16 Kilogramm mehr auf die Waage.Doch Leichtbau hin oder her – spätestens bei der Urlaubsreise, womöglich zu zweit, stellt sich die Frage nach der erlaubten Zuladung, also dem, was im Fahrzeugschein (oder auf Bürokraten-Neudeutsch Zulassungsbescheinigung Teil 1) unter dem Punkt F1 – »technisch zulässige Gesamtmasse in Kilogramm« – steht.
Wonach richtet sich die Zuladung?
Aber wonach richtet sich das zulässige Gesamtgewicht und damit die mögliche Zuladung? Dafür sind verschiedene Faktoren ausschlaggebend, beispielsweise Dimensionierung und Material des Rahmens, die Leistungsfähigkeit der Bremsen und die Tragfähigkeit der Reifen. Letztere ist von der »European Tyre and Rim Technical Organization« (ETRTO) in einer Norm festgelegt und findet sich als Tragfähigkeitsindex als Zahl wischen 54 und 59 für vorn sowie 69 und 78 für hinten auf jeder Reifenflanke. Der Tragfähigkeitsindex richtet sich nach der Reifengröße, dem vom Hersteller empfohlenen Luftdruck und der Höchstgeschwindigkeit. Hier müssen die Reifenfabrikanten gerade für große und schwere Tourenmotorräder die Quadratur des Kreises finden, die sich aus einer hohen Fahrstabilität bei schnellem Tempo und einem hohen zulässigen Gesamtgewicht zusammensetzt. Für manche Motorräder kreieren die Gummibäcker deshalb Reifen mit Sonderkennung. Bridgestone macht das beispielsweise mit einem BT 020 mit der Sonderkennung UU für die K 1200 GT oder mit dem BT 021, Sonderkennung E, für die 1400GTR. Solche Pneus werden eigens für ein bestimmtes Motorrad entwickelt, wodurch sich allerdings für den Besitzer bei einem notwendigen Reifenwechsel die Auswahl häufig arg reduziert. Um also einen Reifen nicht gleichzeitig durch hohe Geschwindigkeit und viel Gewicht möglicherweise zu überfordern, haben viele extrem schnelle Motorräder relativ geringe Zuladungskapazitäten.
190 Kilogramm Zuladung für einen Sporttourer sind nicht praxisgerecht
Rund 180 kg bei einem Supersportler sind dem Einsatzzweck angemessen, aber Sporttourer wie Hayabusa, FZ1 Fazer oder ZZR1400, die sich mit rund 190 kg begnügen müssen, sind wenig praxisgerecht. Allerdings existieren auf dem Motorradmarkt auch langsamere Kandidaten, deren Zuladungsmöglichkeiten sich in bescheiden Grenzen halten. So müssen sich die Kawasakis Z1000 und ER-6n mit 180 kg begnügen, eine Buell Lightning Long verträgt nochmal 1000 Gramm weniger und zwei so extrem unterschiedliche Motorräder wie MV Agusta Brutale 910 und Harley-Davidson Ultra Glide dürfen sogar nicht mehr als 160 kg zuladen. Da diese Motorräder, abgesehen von der Brutale, weder besonders schwer noch äußerst schnell sind, ist es schwer nachzuvollziehen, warum sie eine dermaßen geringe Zuladungsmöglichkeit bieten. Legt man einmal als mittlere Zuladekapazität 200 kg zugrunde, kommen viele Motorräder sehr schnell an diese Grenze. Ein Beispiel: Einer Honda CBF 1000 mit ABS dürfen maximal 193 kg aufgebürdet werden. Klingt erst mal nach viel, ist es bei genauerer Betrachtung aber nicht. Der männliche Durchschnittsdeutsche wiegt laut Statistischem Bundesamt 82 kg, seine Partnerin 67 kg. Hinzu kommt jetzt die Bekleidung; Basis für deren Berechnung ist eine normales Tourenoutfit mit Klapphelm, Textilkombi, Stiefeln, Handschuhen sowie Rückenprotektor und einem Gesamtgewicht von etwa 9 kg. So bringen beide 167 kg auf die Waage. Kommen jetzt noch zwei Koffer und ein Topcase (12 kg) samt dazugehörigen Trägern(5 kg) plus ein Magnettankrucksack (1 kg) hinzu, sind 185 kg erreicht. Dann bleiben nur noch 8 kg für Kleidung, Schuhe, Waschzeug, Kamera, Literatur, eventuell Zelt und Schlafsäcke – da ist die erlaubte Zuladung schnell überschritten.
Das Risiko, wegen Überladung belangt zu werden, geht gegen Null
Aaaber: Wo kein Kläger, da kein Richter. Die Wahrscheinlichkeit, wegen Überschreitung des zulässigen Gesamtgewichtes von der Ordnungsmacht angehalten und bestraft zu werden, tendiert gegen Null. Nachfragen bei mehreren Verkehrspolizisten ergaben, dass man noch keinen Motorradfahrer wegen zu hohen Gewichts aus dem Verkehr gezogen habe. Selbst den Kollegen von der Fernreise-Fraktion, die ihre Trips häufig beladen bis an die Oberkante Oberlippe beginnen oder beenden, ist kein solcher Fall bekannt. Oder anders gesagt: Wer nicht mit den Federelementen am Anschlag wild schlingernd über die Autobahn fährt, läuft kaum Gefahr, dass ihn die Grünen wegen Überladung aus dem Verkehr ziehen. Und selbst wenn das passieren sollte, hält sich die finanzielle Belastung in Grenzen: Erst ab zehn Prozent Überladung werden 35 Euro fällig, jedoch keine Punkte. Im Fall der oben erwähnten CBF 1000 würden 212 kg Last statt der erlaubten 193 kg noch nicht einmal in den strafträchtigen Bereich fallen. Das soll jetzt natürlich kein Freibrief dafür sein, seine Maschine weit über das erlaubte Maß hinaus zu bepacken, zumal sich das Fahrverhalten bei Beladung mal mehr, mal weniger verändert.
Motorräder heutezutage sind fahrstabiler
Doch selbst hier dräut weniger Gefahr als noch vor 20 Jahren, weil moderne Motorräder heutzutage einfach fahrstabiler sind. Wer auf die Nummer Sicher gehen will, kann sich unter Umständen ein höheres zulässiges Gesamtgewicht in die Fahrzeugpapiere eintragen lassen. Das ist jedoch nicht ganz einfach, weil man vom Motorradhersteller eine Unbedenklichkeitserklärung und dann vom TÜV eine Einzelabnahme braucht. Dieses Prozedere schlägt mit einigen hundert Euro zu Buche. Doch illegal hin, Auflasten her – tatsächlich macht es der moderne Stand der Reifen- und Fahrwerkstechnik möglich, so manchem zulademäßig unterdimensionierten Motorrad mehr an zulässigem Gesamtgewicht zu erlauben, 200 kg sollten da das Minimum sein, von Supersportlern einmal abgesehen.Und abschließend hat es jeder Motorradfahrer selber in der Hand, mehr Gepäck unterzubringen, indem er am eigenen Körpergewicht ein wenig feilt. Das ist preiswert, gesund und die Kombi passt auch wieder besser.
Text: Jürgen Schons; Fotos: A. Hülsmann, T. Güldenring
Tipps für die beladene Fahrt
| 1. Beim Kauf von Koffern darauf achten, dass die Koffer möglichst vor oder auf Höhe der Hinterachse montiert werden und nicht zu weit abstehen. |
| 2. Schwere Gegenstände (Werkzeug, Fotoausrüstung) gehören in den Tankrucksack und dort nach ganz unten. |
| 3. Ins Topcase gehört nur leichtes Gepäck. Zu viel Gewicht am Heck entlastet die Front, was zu Pendeln oder Lenkerflattern führen kann. |
| 4. Auch im Koffer gehören schwere Sachen nach unten. |
| 5. Beide Seite werden gleichmäßig beladen. Gewichtslimit pro Koffer ist die Herstellerangabe, maximal aber 10 kg pro Koffer. |
| 6. Vom Koffer- bzw. Fahrzeughersteller empfohlene Höchstgeschwindigkeit beachten. |
| 7. Das Gepäck sollte die Besatzung nicht in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken. |
| 8. Kein Gepäck an Gabel oder Lenker befestigen. |
| 9. Vorsicht mit dem Tankrucksack. Ist er zu breit, kann er beim Rangieren den Lenkeinschlag einschränken. Sicht auf die Instrumente muss frei bleiben, bei einer Befestigung mit Riemen keine Schläuche und Leitungen einklemmen. |
| 10. Achtung bei Rucksäcken. Die sind zwar praktisch, belasten aber, vor allem wenn sie schwer sind, die Rückenmuskulatur. |
| 11. Feder(n) hinten vorspannen, weil sonst das Motorrad vorn weiter ausfedert, dadurch der Lenkkopfwinkel flacher wird und sich der Nachlauf vergrößert, was zu einem schlechteren Handling und zu größeren Kurvenradien führt. |
| 12. Falls vorhanden, Druckstufendämpfung erhöhen. |
| 13. Luftdruck gemäß Fahrerhandbuch erhöhen. |
| 14. Scheinwerfer einstellen, um die Blendung des Gegenverkehrs zu vermeiden. |
| 15. Schlafsäcke, Zelt und Luftmatratze flatterfrei und fest verzurren oder noch besser in einer Gepäckrolle unterbringen. |
| 16. Nicht vergessen, dass Zubehörkoffer häufig weit nach links und rechts herausragen und die Baubreite erheblich vergrößern können. |
| 17. Langsamere Beschleunigung, längere Überholwege sowie höheren Kraftstoffverbrauch einkalkulieren. |
| 18. Achtung bei Passabfahrten! Durch das hohe Gewicht können die Bremsen zum Fading neigen. |
| 19. Vor Reiseantritt erst einige Proberunden mit dem vollbeladenen Motorrad absolvieren, um sich an das veränderte Fahrverhalten zu gewöhnen. |

- Koffer, die so weit Richtung Heck montiert sind, verlagern den Fahrzeugschwerpunkt nach hinten. Die Fahreigenschaften können sich verschlechtern.

- Besser: diese Koffer sind näher am Schwerpunkt montiert. Es ist jedoch darauf zu achten, dass die Beinfreiheit des Sozius nicht eingeschränkt wird.

- Mit der Sonderkennung UU kennzeichnet Bridgestone den Tourensportpneu BT 020 für die BMW K 1200 GT.

- Auf jeder Reifenflanke ist der Tragfähigkeitsindex aufgeprägt, hier 69 W.
