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Fahrbericht Moto Guzzi Stelvio

Die Guzzi fürs Grobe

Moto Guzzis Stelvio 1200 ist der dritte Versuch des italienischen Motorradherstellers, im Bereich der großen Reise-Enduros Fuß zu fassen. Ein erster Kontakt in der Toskana bescheinigt zumindest dem Fahrwerk großes Potenzial.   

Text: Andreas Hülsmann / Fotos: Moto-Guzzi

Die neue Moto-Guzzi Stelvio

Der Frühling in der Toskana ist nicht so, wie er sein sollte: Regen und Kälte statt Sonne und Wärme. Kein guter Tag für den ersten Kontakt mit einem Newcomer. Vor mir steht die Stelvio, 1200 Kubik, 105 PS, 108 Nm – vielversprechende Werte, die neugierig machen. Schon der Name Stelvio ist in der Lage, Emotionen zu wecken. Auf Italienisch heißt so nämlich das Stilfser Joch, eine Pass-Straße, die zu den schönsten und anspruchvollsten im Alpenraum zählt.

Die Stelvio sorgte schon bei ihrem ersten Auftritt auf der Mailänder Messe im Herbst 2007 für Gesprächsstoff. Die Designer aus Mandello hätten bei der BMW R 1200 GS ziemlich genau hingeschaut, hieß es immer wieder. Etwas weit hergeholt, denn das Äußere der italienischen Reise-Enduro hat einen sehr eigenen Charakter. Und wenn die Italiener mal den einen oder anderen Blick über die Alpen geworfen haben, kann man es ihnen nicht verdenken.

Mit dem Arbeitsplatz hat sich der Fahrer trotz der neu gestalteten Lenkerarmaturen schnell vertraut gemacht. Ein Druck auf den Starterknopf und – da ist er, der sonore Sound des V2. Schön, dass solch ein Klang die immer straffer werdenden Homologations-Bedingungen überlebt hat. Los geht’s. Schon auf den ersten Metern kommt man ins Grübeln: Dieses Motorrad soll fahrfertig 265 kg wiegen? Das haben die aber gut kaschiert, schießt es mir durch den Kopf. Kaum zu glauben, wie locker und beschwingt sich die Stelvio durch die Kurven wedeln lässt. Für die unbeschwerte Fahrt auch auf verwinkelten Straßen sorgt vorn eine Upside-down-Gabel mit ordentlich dicken 50er-Gleitrohren und einem Federweg von 170 Millimetern. Im Heck agiert ein progressiv angelenktes Zentralfederbein mit 155 Millimetern Federweg, das eine Einarmschwinge abstützt. Der Komfort der Sitzbank reicht an den einer Couch heran, und von daher dürften selbst längere Touren zu den leichtesten Übungen auf der Stelvio gehören. Zumal die verstellbare Scheibe bei höheren Geschwindigkeiten guten Schutz vor dem Fahrtwind bietet.

Die Fahrt geht hinauf in die Berge, und es wird kälter. Schade, dass eine Griffheizung nicht zur Standardausrüstung der Stelvio gehört. Obwohl Moto Guzzi nicht an der Serien-Ausstattung für dieses Motorrad gespart hat: Multifunktionsdisplay, Hauptständer, in der Höhe verstellbarer Windschild, Alu-Lenker und schwarz eloxierte Alu-Felgen, Stahlflex-Bremsleitungen – alles serienmäßig.

Die Überraschung ist groß: Verhältnismäßig leicht lässt sich die Stelvio selbst durch rutschiges Terrain manövrieren

Zylinderkopf der Moto Guzzi Stelvio
Das Innenleben des neuen Vierventil- Zylinderkopfes der Stelvio.

Es wird Zeit, den Motor ein wenig zu fordern. Dieser Vierventil-V2 mit seinen 1151 Kubik Hubraum, der bereits in der großen Griso seinen Dienst tut, musste für seine neue Aufgabe in der Stelvio nur mäßig modifiziert werden. Die Leistung wurde über die elektronische Motorsteuerung zu Gunsten eines besseren Drehmomentverlaufs bei niedrigen Drehzahlen von ursprünglich 110 auf 105 PS gekappt. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Der Vierventiler fällt ab 2000/min in ein tiefes Loch, in dem er bis hinauf auf 5000 Touren verweilt, um dann richtig loszulegen. Jenseits dieser Marke kommt der V2 erst richtig aus sich heraus, was für ein Motorrad mit hohem Touringanspruch eher suboptimal erscheint.

Das Problem sei bekannt, heißt es aus Mandello, und man arbeite daran. Erfreulich hingegen sind die spontane Gasannahme und die aufregende Laufkultur des V2 mit seinen  allgegenwärtigen  Vibrationen – typisch Guzzi eben. Wie aber sieht es mit der Geländetauglichkeit aus? 265 Kilo Leergewicht stehen im Raum – da hat man so seine Bedenken. Aber dass es Moto Guzzi durchaus ernst meint mit den Offroad-Ambitionen, zeigt allein schon der stabile Motorschutz aus drei Millimeter dickem Alu-Blech, den es als Zubehör gibt. Da kommt der Feldweg gerade recht. Es hat geregnet, die Piste ist schlammig, keine Frage, das wird »Hardcore «. Doch die Überraschung ist groß: Verhältnismäßig leicht lässt sich die Stelvio selbst  durch rutschiges Terrain manövrieren. Auch bei nahezu Schrittgeschwindigkeit ist es möglich, die Italienerin lässig in die gewünschte Richtung zu dirigieren. Nur der breite Hinterradreifen sucht manchmal vergeblich nach Vortriebsmöglichkeiten.

Was der Stelvio fraglos noch fehlt, ist ein ABS, das es aber ab Juni für ca. 700 Euro extra geben soll. Denn die Bremshilfe dürfte unerlässlich sein, wenn die Reise-Enduro aus Mandello auf dem deutschen Markt konkurrenzfähig sein will. Ob sie es schafft, einige potenzielle GS-Kunden ins italienische Lager zu ziehen, wird auch nicht zuletzt davon abhängen, ob die Techniker die Durchzugsschwäche des Motors im unteren Drehzahlbereich in den Griff bekommen. Ansonsten dürfte es für die 12.750 Euro teure Stelvio nicht leicht werden, Interessenten zu finden.

Der Vierventil-V2 der neuen Moto-Guzzi Stelvio
Der Vierventil-V2 mit seinen 1151 Kubik Hubraum wurde nur mäßig modifiziert. Die Leistung wurde zu Gunsten eines besseren Drehmomentverlaufs von 110 auf 105 PS gekappt, mit mäßigem Erfolg jedoch. Ab 2000/min fällt der Vierventiler in ein tiefes Loch, doch an der Lösung dieses Problems wird bereits gearbeitet.

TOURENFAHRER - 1/08

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