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Reisebericht China

Nur mal bis zum Horizont

Katalogproduktion … klingt ja eigentlich nicht sonderlich spannend. Wenn jedoch eine Werbeagentur mit ziemlich motorradverrückten Mitarbeitern nach China geschickt wird, um dort die BMW GS 1200 Adventure in Szene zu setzen, ist das kein alltäglicher Job.

Text: Boris Dolkhani / Fotos: Peter Burgstaller

Reisebericht China

Während in München das Oktoberfest tobte, hoben wir ab: Es ging über Kopenhagen und Peking weiter nach Urumqi, mit vier Millionen Einwohnern die Hauptstadt des Uigurischen Autonomen Gebietes Xinjiang, unserer eigentlichen Zielregion im Nordwesten der Volksrepublik China. Urumqi rühmt sich, die am weitesten vom Meer entfernte Großstadt der Welt zu sein. Für mich war es vor allem eine Stadt, von der ich nie zuvor in meinem Leben gehört hatte. Wir waren alle erleichtert, als wir das Motorrad und die Ausrüstung am Containerbahnhof in Empfang nehmen konnten. Unter den neugierigen bis misstrauischen Blicken allgegenwärtiger Uniformträger verluden zahlreiche Helfer die riesigen Holzkisten, in denen wir unsere Ausrüstung sicher verpackt hatten.

Nachdem uns die Bürokratie keine Hürden in den Weg stellte und das Motorrad ohne Probleme durch den Zoll ging, waren es dann noch einmal 24 Stunden im Zug, bis wir endlich Kaschgar erreichten, den Ausgangspunkt unserer Tour durch Westchina. Jedoch war allein schon die Bahnfahrt ein Abenteuer für sich, denn im Zug herrschte eine drangvolle Enge. Das Essen war für uns mehr als gewöhnungsbedürftig, die Sprachprobleme schier unüberwindlich. Draußen vor den Fenstern zog währenddessen eine atemberaubende Landschaft vorbei, die in unseren Breitengraden sämtliche Vorstellungen von Weite sprengen würde. Den Mitteleuropäer befällt bei solch einem Anblick gerne eine gewisse Ehrfurcht. Ich hatte nur noch Eines im Sinn: Bloß raus hier und endlich mit der Adventure diese Landschaft selbst erfahren.

Doch daraus wurde erst einmal nichts, denn in Kaschgar gab es ein klitzekleines Problem: das Motorrad war nicht da. Irgendwie hatte man die GS in Urumqi vergessen. Das gab uns die ungeplante Gelegenheit zum Sightseeing an diesem ehemaligen Knotenpunkt der Seidenstraße. Kaschgar hat mit China, so wie wir es uns vorgestellt hatten, nicht viel zu tun. Die Bevölkerung ist überwiegend islamisch, was sich natürlich auch auf die regionale Küche auswirkt. Und da es in Kaschgar verdammt kalte Winter gibt – im Januar liegt die Durchschnittstemperatur bei minus 16 Grad – isst der Uigure an unseren Maßstäben gemessen überaus fett. Vegetarier haben in dieser Gegend eigentlich keine Chance, satt zu werden. Nachdem die Adventure über Nacht von Urumqi nach Kaschgar gebracht worden war, kamen wir nach ein paar Stunden Schlaf am anderen Morgen endlich in den Sattel.

Wir liessen den industriellen Großstadtdschungel hinter uns und tauchten ein in die überwältigende Landschaft und ihre Einsamkeit. Als ich dann schließlich zum ersten Mal auf Schotter unterwegs war, das Pamirgebirge voraus im Blick, fühlte ich mich wie ein Entdecker, vor dem ein unbekanntes Land liegt. Unser Ziel war das Dach der Welt. Es ging immer in Richtung des 7.546 Meter hohen Muztagh Ata, den die Uiguren ehrfürchtig »Vater der Eisberge« nennen. Höher und höher schraubte sich die Piste bis auf 3.600 Meter. Die Adventure kam wesentlich besser mit der Höhe zurecht als wir, zumindest schien ihr die Puste nie auszugehen. Ihr elektronischer Vergaser regelt das Sauerstoff-Benzin-Gemisch entsprechend, wodurch die 1200er problemlos auch Höhen von bis zu 5.000 Meter schafft.

Neben derKälte macht uns vor allem das fette Essen zu schaffen

Die Baumgrenze hatten wir inzwischen längst unter uns gelassen. Nach Sonnenuntergang sanken die Temperaturen ziemlich schnell auf den Gefrierpunkt, so dass das Equipment nun seine Stärken ausspielen konnte. Neben den ungemütlichen Temperaturen machte unseren Mägen allerdings vor allem das unverändert fette Essen zu schaffen. Für all diese Unannehmlichkeiten entschädigte jedoch das grandiose Panorama am Kara Kul See. Der tiefblau schimmernde See, umgeben von schneebedeckten Gipfeln, strahlt eine Faszination aus, die man wohl nur an wenigen Plätzen dieser Welt erleben kann – und das schon seit fünf Millionen Jahren. So lange nämlich glänzt der Kara Kul, der »Schwarze See«, schon wie ein Edelstein in der kargen Mondlandschaft, der von einem Meteoriten 200 Meter tief ins Gestein gesprengt wurde.

Reisebericht West-China

Am Fuße des 7.546 m hohen Muztagh Ata, eine Stunde neben der Passstraße, hatten wir dann eine bezaubernde Begegnung mit einer älteren Dame, eine Begegnung, die wir alle wohl nie vergessen werden. Obwohl wir in unseren Bikeroutfits für sie wie Wesen aus einer anderen Welt erscheinen mussten – hier oben, fernab jeder Zivilisation, kommen bestenfalls ab und zu mal ein paar Bergsteiger vorbei, ein Motorrad wie die Adventure hat sie vermutlich in ihrem ganzen Leben noch nie zu Gesicht bekommen – war ihre Herzlichkeit unbeschreiblich. Und hier wie auch während der gesamten Reise sorgte die BMW für eine überaus freundliche Neugier und war vor allem für die Kindern immer ein Riesenfest.

Da wir ja schließlich nicht zum Vergnügen unterwegs waren und deshalb möglichst viel vom hellichten Tag ausnutzen mussten, krochen wir meist so zwischen vier und sechs Uhr in der Frühe aus den Daunen. Wir rollten auf dem Karakorum-Highway dahin, im Rücken die Gletscher des Muztagh Ata. Unser Ziel war es, über einen der neu eröffneten Pässe nach Tashkurgan zu gelangen. Auf der 4.500 Meter hohen Passhöhe diskutierten Nils, Niki und Jörg, ob jemals so eine Maschine über diese Stelle gerollt sein mag. Uns faszinierte der Gedanke, dass wir mit der R 1200 GS Adventure auf dem Highway jetzt schier endlos nach Süden fahren könnten, immer weiter und weiter auf dem Dach der Welt, über Pässe und durch menschenleere Täler, bis hinunter nach Pakistan, nach Islamabad.

Die Grenze ist geschlossen, ein Plan B muss her – und zwar schnell …

Auf der Weiterfahrt stießen wir immer wieder auf mächtige Yaks. Bis zu zwei Meter hoch werden die imposanten Zotteltiere mit den breiten Nasen. Ob als Lastenschlepper, Wollproduzent oder Milchquelle – Yak-Milch ist rosa und hat acht Prozent Fettanteil – ohne Yaks wäre ein Leben in solchen Höhen kaum vorstellbar. Sogar Yak-Fladen werden noch als Heizmaterial genutzt.

Reisebericht West-China

Während der gesamten Reise suchten wir lohnenswerte Fotomotive, fuhren in der Gegend herum und entdeckten dabei kleine und große Sensationen wie eine gut 1.000 Jahre alte Ruine aus Marco Polos Zeiten. Wie für viele Altertümer ist auch für dieses bedeutende Bauwerk kein Geld zum Wiederaufbau vorhanden. China ist in erster Linie zukunftsorientiert, Kulturschätzen der Vergangenheit wird keine allzu große Bedeutung beigemessen, zumal dann nicht, wenn sie fernab der Touristenströme stehen.

Aber unser eigentliches Ziel war ja Tashkurgan. Es gab nur ein Problem: die Grenze war komplett dicht, man hatte Angst, dass Taliban Anschläge anlässlich des 50. Jahrestages der Annektierung von Xinjiang ausüben könnten. Den Pass, auf dem schon Marco Polo ins Land kam, konnten wir vergessen, ein Überschreiten der Grenze war unmöglich und die Stimmung sank auf den Nullpunkt. Die Arbeit an dem Katalog schien plötzlich absolut gefährdet, denn die tashkurganischen Motive waren essentieller Bestandteil unseres Shooting-Plans. Ein guter Plan B musste her und zwar möglichst schnell. >> hier mit Bildern weiter lesen


 

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