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50.000 Kilometer-Test BMW R 1200 GS

Eine Frage der Zeit …

50.000 Kilometer in nur 15 Monaten, das macht im Schnitt mehr als 112 Kilometer am Tag. Diese ungewöhnliche Strapaze ging dann auch nicht wirklich spurlos an dem Münchener Vorzeige-Boxer vorbei.

Text: Till Kohlmey / Fotos: Nitschke, Güldenring, Pfitzner, Kohlmey

Die BMW R 1200 GS

Der letzte 50.000-km-Dauer-Test des TOURENFAHRER mit einer BMW datiert aus dem Jahr 1997. Wir testeten damals eine R 1100 RT, die sich zwar wacker geschlagen hatte, aber unterm Strich schon eine ordentliche Liste an Defekten aufzuweisen hatte. Unter anderem einen heftigen Motorschaden (Auslassventil verbrannt) und einen nicht minder umfangreichen Getriebeschaden (Zwischenwelle gebrochen). Acht Jahre später, im Mai 2005, ging dann die nächste Boxer-Generation an den Start. Diesmal in Gestalt der GS, seit Jahren der Topseller auf dem deutschen Markt und daher von besonderem Interesse für eine Vielzahl von Tourenfahrern, wie auch unsere Leserzuschriften immer wieder belegen.

Lange Standzeiten wurden im Logbuch der GS nie vermeldet. Sie war zu jeder Jahreszeit das meistgebuchte Fahrzeug in der Redaktion, und es gab keinen, der nicht ein paar lobende Wort für ihre Allround-Eigenschaften übrig hatte. Und dies völlig unabhängig von der Statur und den fahrerischen Ansprüchen. Die GS hatten alle lieb, was wiederum handfeste Gründe hat: Die Flotten aus der Redaktion waren fasziniert von der Grundstabilität, der Schräglagenfreiheit und vom Handling, die Touristen unter uns vom Komfort und der beispielhaften Ergonomie.

Die erste Schadensmeldung traf bei km-Stand 4800 ein: Marcus Klass diagnostizierte am Gardasee eine rubbelnde Bremsscheibe vorn, was der BMW-Werkstattmeister jedoch nicht bestätigen wollte und daher auch nicht auf Garantie austauschte. Reiseautor Bernd Pfitzner, der allein über 10.000 km auf der GS abspulte, mokierte kurze Zeit später den zu knapp geschnittenen Windschild. Außerdem konnte er sich mit der Koffer-Arretierung überhaupt nicht anfreunden, was schlussendlich dazu führte, dass ihm der linke Seitenkoffer einmal bei 80 km/h flöten ging, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten.

Kein Einzelfall, wie sich herausstellte, wobei hier in erster Linie das als Zubehör erhältliche Topcase negative Schlagzeilen verbucht. Nach der anschließenden 10.000-km-Inspektion lief die GS wieder wie am Schnürchen. Dass der Zweizylinder frisch synchronisiert und das Ventilspiel justiert ist, merkt man dem Boxer schon an. Er hängt einfach wieder einen Tick spontaner am Gas und läuft im Leerlauf sehr viel runder. In einigen Fällen kann aber auch eine defekte Zündkerze die Ursache für einen unrunden Motorlauf sein.

Der GS ist egal, ob man Straßen- oder Enduro-Reifen montiert

Dei BMW R 1200 GS
Der R 1200 GS blieb im Verlauf unseres 50.000-km-Tests kein Terrain erspart.

Auf dem Weg zur nächsten Inspektion wurde lediglich einmal die Serienbereifung Metzeler-Tourance durch einen Michelin Anakee getauscht. In dem Zusammenhang sei lobend erwähnt, dass es der GS egal ist, ob ein Straßen- oder ein Enduro-Reifen montiert ist, sie läuft immer stabil, und zwar nicht nur geradeaus. Sogar Grobstoller wie der Conti TKC 80 und der Metzeler Karoo können die GS nicht hinreichend aus der Bahn werfen. Und das, obwohl mit den serienmäßig montierten Federelementen eine eher komfortbetonte Abstimmung gewählt wurde.

Um das zum Teil doch sehr gewöhnungsbedürftige Auf und Ab der Front bei Lastwechseln zu minimieren, würde man sich für vorn schon eine etwas straffere Dämpfung wünschen. Das hintere Federbein kommt dagegen bei voller Beladung zu schnell an seine Grenzen. Vielen GS-Treibern wird die Vorderhand bei vermehrter Hinterradlast im Zweipersonenbetrieb selbst bei maximal vorgespannter Feder eindeutig zu leicht. Abhilfe schafft hier ein etwas längeres Federbein aus dem Zubehör, das wir mit anderen Dämpfer-Alternativen im GS-Zubehör-Spezial in der November-Ausgabe genauer unter die Lupe nehmen werden.

Die vorderen Bremsbeläge haben wir nicht wechseln müssen

Bis Kilometer 20.519 passierte nichts Außergewöhnliches, bis auf die Tatsache, dass Rudolf Kuhl sich über den zu kurzen Seitenständer aufregte, womit er nicht ganz falsch liegt. Die GS war eigentlich schon reif für die 20.000-km-Inspektion, musste im Spessart aber schon beim BMW-Händler zwischenparken, da die hinteren Bremsbeläge lautstark auf sich aufmerksam machten. Insgesamt waren während der Testdistanz zwei hintere Sätze nötig, was auch auf den Einsatz des Integral-Bremssystems zurückzuführen ist. Die vorderen Beläge haben wir auf der gesamten Testdistanz nicht wechseln müssen. Probleme mit dem ABS gab es auch nicht, zumindest keine Totalausfälle. Nach dem Austausch der Drosselschraube im April setzte die Bremse vorn nicht mehr ganz so abrupt und schlagartig ein, an der reinen Bremsverzögerung hatte sich dagegen nichts geändert. Das plötzliche Öffnen der Vorderradbremse bei einem abhebenden Hinterrad bleibt weiter ein Kritikpunkt. Gewöhnungsbedürftig ist und bleibt natürlich auch der Bremskraftverstärker, der zur Saison 2007 endgültig vom Markt verschwinden wird.

Insgesamt fiel der Verschleiß eher marginal aus. Rechnet man die laufenden Kosten einmal hoch, dann liegt die GS mit ihren 0,127 Cent pro Kilometer (Wertverlust nicht eingerechnet) auf dem Niveau einer XT 660, die bei ihrem TOURENFAHRER-Dauertest nach 50.000 Kilometern zumindest optisch erheblich ramponierter durchs Ziel ging.

Die BMW R 1200 GS aus der Vogelperspektive
Auch von oben eine imposante Erscheinung: Die BMW R 1200 GS aus der Vogelperspektive

Erstaunlich auch, dass sich keiner der Test-Fahrer mehr über das BMW-Dauerthema »Getriebe« ausließ. Das funktionierte in Kombination mit der leichtgängigen, hydraulischen Kupplungsbetätigung nämlich erstaunlich unauffällig und präsentierte sich nach der Zerlegung in einem absoluten Top-Zustand. Bis zur 40.000-km-Inspektion verlief der GS-Alltag weiter in geordneten Bahnen. Der Winter kam und ging mit viel Eis und Schnee und entsprechend viel Salz auf der Straße, was der GS im Frühjahr kaum anzusehen war. Die Lackteile glänzten nach jedem Waschtag wieder wie neu, und der pulverbeschichtete Rahmen gab sich nur an wenigen Stellen die Blöße in Form von Rostspuren.

Kurz nach der vierten größeren Inspektion überschlugen sich allerdings die Ereignisse. Erst fiel das Navigationsgerät, der Navigator II, immer häufiger aus, dann ließ sich die Batterie nicht wieder zum Leben erwecken, und schließlich blieb Markus Biebricher bei Tempo 130 auf der A 1 nur noch wenig Zeit, um nach einem harten Motorschlag die Kupplung zu ziehen. Die Diagnose: Ein Auslassventil hatte sich in den Brennraum verabschiedet und dort erheblichen Schaden angerichtet. Ein zu knappes Ventilspiel, hervorgerufen durch einen Fremdkörper, der sich zwischen Ventil und Betätigung festgesetzt haben soll, wird als Ursache diagnostiziert. Glückwunsch dem, der so einen Schaden (immerhin stellte die Werkstatt 1260 Euro in Rechnung) noch auf Kulanz geregelt bekommt. Die Stellungnahme von BMW zu diesem und weiteren Vorfällen haben wir auf einer separaten Seite gebündelt.

Im Schnitt verbrauchte die GS exakt 6,0 Liter Super

Eine Woche später war die GS wieder fit ­– zumindest für die nächsten 2000 Kilometer. Dann heizte nämlich Uli Böckmann kurz mal im Ruhrpott von A nach B und stellte später einen ölverschmierten Motorradstiefel im Hausflur ab. Auf dem 30 Kilometer langen Teilstück hat er anscheinend das Getriebeöl zum Kochen gebracht, das sich nicht anders zu helfen wusste, als am Überdruckventil zu entweichen. Wenn es das tut, dann ist Vorsicht geboten, denn das Hinterrad wird unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen.

So ein unrühmliches Ende kurz vor der finalen Zerlegung hatte der GS keiner gewünscht, und irgendwie bleibt ein mulmiges Gefühl ob der progressiv zunehmenden Pannenhäufigkeit gegen Ende der Test-Distanz. Dagegen spricht allerdings der sehr beachtliche Allgemeinzustand des Motors, der nirgends gravierenden Verschleiß aufweist und bis auf die Kupplungsreibscheibe so wieder zusammengebaut werden könnte. Im Dauer-Test-Schnitt verbrauchte die GS exakt 6,0 Liter Super auf 100 Kilometer. Der Ölverbrauch betrug lediglich 0,09 Liter auf 1000 Kilometer, wobei die Großserie schon einer gewissen Streuung unterliegt, wie die Leserzuschriften beweisen.

Diese zeigen aber auch, dass die R 1200 GS trotz einiger Unzulänglichkeiten ein rundum faszinierendes Motorrad ist und bleibt und dass ihre Fan-Gemeinde ihr fast durch die Bank die Treue hält.

Die BMW R 1200 GS
Wenn wir erklimmen …: Die R 1200 GS ist seit vielen Jahren das Top-Seller-Bike in Deutschland

TOURENFAHRER - 2/08

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