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Algerien

Das Ur-Erlebnis

Im Jahr 1982 unternahmen Ingrid Zuzok und Reiner H. Nitschke eine Rundfahrt durch die Zentralsahara ins Hoggar-Gebirge und zur Oase Djanet. Die Reportage zu dieser märchenhaften Fahrt wurde zum Klassiker der Motorradreise-Literatur.

Text + Fotos: Reiner H. Nitschke

Das Hoggar-Gebirge in Algerien

Fort Gardel, 26.11.1982: Vor 18 Tagen haben wir Algier verlassen. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, die uns jetzt von der »Zivilisation« trennt. Sicher ein blödes Wort. Doch hier draußen, oder besser hier drinnen in der Zentral-Sahara, wird es wieder zum Be­griff. Man verbindet mit ihm so triviale Dinge wie Frühstücksei, Dusche, Tageszeitung, Bier, Musik und schließ­lich sogar Asphalt. Das erste Mal haben wir ihn verlassen, als wir hinter El Golea in die Dünen fuhren, um un­ser erstes Nachtlager im Freien aufzuschlagen. Wir muss­ten eine etwa 500 Meter breite Ebene durchqueren. Die Oberfläche schien fest zu sein, darunter verbarg sich weißer Staub. Ingrid lag schon nach wenigen Metern auf der Nase. Ich blieb am Gas und erreichte eine Geschwindigkeit, bei der die harte Kruste trägt. Direkt am Fuße der mächtigen Dünen stellte ich die BMW auf dem Spaten ab, um die zweite Maschine zu holen. Ingrid war ziemlich frustriert. Djanet, unser Traumziel, schien für sie plötzlich in unerreichbare Ferne gerückt.

Eine Woche später sah die Welt wieder etwas anders aus. Wir hatten im Konvoi mit zwei VW-Bussen und einem Hanomag die Piste von Reggane nach In Salah geschafft. Die Entscheidung für den Abstecher nach Reggane an der Tanezrouft-Piste fiel ganz spontan. Wir hatten gerade unser Dünen-Camp verlassen, uns mit zwei ekelhaft sandigen Umleitungen herumgeplagt, als plötzlich das Schild »Timimoun 280 km« auftauchte. Nach dem Motto »wann kommt man da mal wieder hin?« schwenkte ich nach rechts in die lang gezogene Abzweigung. Im Nachinein glaube ich, dass es auch ein unbewusstes Ausweichen, Hinauszögern war. Wären wir nämlich geradeaus weitergefahren, so hätten wir schon in wenigen Tagen vor den Toren Tamanrassets und damit auch vor der Entscheidung gestanden, uns bis Djanet durchzuschlagen oder auf demselben Weg umzukehren. Heute wissen wir, dass die Richtung stimmte. Denn Timimoun ist tatsächlich eine sehr interessante Oase, und die Piste Reggane – In Salah war ein gutes Training. Um einige wichtige Pisten-Erfahrungen reicher kehrten wir wieder zur Hoggar-Route zurück.

1978 wurde diese Straße durchgehend geteert. Schon ein Jahr später zeigte sie die ersten Schäden. Heute ist sie größtenteils praktisch unbrauchbar. Es gibt zwischen In Salah und der Arak-Schlucht noch längere Passagen, die gut befahren werden können. Doch danach ist die Straße so zerrissen, dass man selbst mit dem Motorrad nicht mehr allen Löchern ausweichen kann. Teilweise haben die Lastwagen den Teer wieder in eine graue Wellblechpiste zermahlen. Es ist, als ob die Wüste das von Menschenhand besetzte Land zurückerobert. Dort, wo die Straße wieder die Gestalt einer Naturpiste angenommen hat, fährt es sich am besten. In Salah-Tamanrasset, das sind 700 Kilometer, die man vor wenigen Jahren noch an einem Tag bewältigen konnte. Wir treffen Leute, die sind schon eine halbe Woche unterwegs.

Nachdem wir seit zehn Tagen die Sahara von ihrer langweiligen Seite gesehen haben – mit Ausnahme der Umgebung von Timimoun – saugen wir jetzt umso begieriger die interessante Landschaft in uns auf. Wir passieren große, gelbe Sanddünen, die schwarze Berge verschlingen; dazwischen Ebenen, in denen runde Felsen wie gigantische Murmeln aufgereiht sind. Mit den Strahlen der späten Nachmittagssonne erreichen wir die Arak-Schlucht. Die Straße führt am Grund eines tiefen Canyons entlang. Rundliche Basalttürme heben sich wie Scherenschnitte gegen den untergehenden Feuerball der Sonne ab und markieren damit die obere Kante der Schlucht. Hinter jeder Kurve tauchen neue Felsgestalten auf. Kupferfarbene Gesteinsbuckel glühen im Abendlicht. Wir sind begeistert. Nur die stete Präsenz des Militärs hält uns vom Verweilen ab. Auch fotografieren ist nicht erlaubt.

Immer wieder ist die Straße auf 20, 50 oder 100 Metern weggerissen

20 Kilometer hinter diesem ersten Vorboten des Hoggar-Massivs suchen wir uns einen günstigen Nachtplatz. Das ist nicht einfach hier, denn die Straße wird meist von Felsen begrenzt. Endlich finden wir ein Oued, ein trockenes Flussbett, das die Straße kreuzt. Obwohl man in einem Oued nicht schlafen sollte, da man von weit entfernten Regenfällen überrascht und samt Fahrzeug fortgerissen werden kann, erscheint uns dies als einzige Möglichkeit. Die Straße ist wie in der ganzen Arak-Schlucht deichförmig angelegt, die Bankette mit Maschendraht gesichert. Das Ergebnis ist nicht umwerfend. Immer wieder ist die Straße auf 20, 50 oder 100 Metern weggerissen. Eine tödliche Falle für Nachtfahrer. Von dem sehr hohen Bankett komme ich noch ganz gut runter, aber dann grabe ich die BMW nach 20 Metern bis zu den Kanistern ein. Sie steht wie betoniert. Wer in solchen Situationen alleine ist, muss die ganze Maschine abpacken, um wieder rauszukommen.

Im Sichtschutz eines Dornenstrauchs schlagen wir unser Camp auf. Ich suche wie jeden Abend Feuerholz, Ingrid befreit unsere Schlafstelle von Dornen und Kamelmist. Es soll unsere letzte Nacht ohne Zelt sein. In den nächsten Wochen wird es nämlich wesentlich kälter werden. Um unser Kopfende baue ich eine »Burg« aus zwei Gepäckrollen und dem Wasserkanister. Vielleicht hält dies Schlangen oder sonstige unerwünschten Nachtgäste ab ...

Während das letzte Stück Kamelmist im Feuer glüht, entfaltet sich über uns wieder der Sternenhimmel. Dieser Himmel ist es vor allem, der eine Sahara-Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis macht. Kurz nachdem sich die Sonne binnen Sekunden verabschiedet hat, glimmt der Horizont wie eine mächtige violett strahlende Leuchtstoffröhre. Das Violett wird allmählich dunkelblau und schließlich blauschwarz. Mit der schwindenden Leuchtkraft der Ionosphäre entwickelt sich über uns zugleich das Bild der Sterne. Aufgrund der geringen Luftfeuchtigkeit sieht man in der Wüste wesentlich mehr als in Europa. Wer sich konzentriert, kann sogar Zeuge der kosmonautischen Umweltverschmutzung werden: Künstliche Himmelskörper ziehen leuchtend ihre Bahn.

Die komplette Sahara-Reisereportage ist einfach zu umfangreich, um sie im Netz in voller Länge zu bringen, im TOURENFAHRER-Sonderheft »BMW GS« füllte sie annähernd 60 Seiten. Während wir die atemberaubenden Bilder nahezu vollständig oben in unserer Fullsize-Galerie untergebracht haben, würde der Text jeden Bildschirm sprengen. Deshalb hier nun die Geschichte in voller Länge als PDF-Download. Einfach herunterladen und dann im Heft-Layout am Bildschirm lesen oder ausgedruckt auf Papier. Viel Vergnügen.

Algerien-Reise

 

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