Motorradreisebericht Pyrenäenvorland
Randerscheinung / Teil 2

Mit den Resten eines in Großstädten verkümmerten Orientierungssinns und einer Portion Glück traf ich zeitgleich mit den Freunden im unalbanischen Albanya ein. Allerdings nur, um im Licht der einbrechenden Dämmerung zum Hostal La Muga aufzubrechen. Da hatten wir von einer vorangegangenen Reise noch einen Deckel offen. Nein, damals ging es nicht ums Geld. Es ging um eine katastrophale Nacht in den Bergen. Damals waren schwere Unwetter über der spanischen und französischen Mittelmeerküste niedergegangen. Katalonien hatte den Notstand ausgerufen, aber wir wussten nichts davon. Aus harmlosen Bächen waren reißende Flüsse geworden. Die immense Luftfeuchtigkeit legte Ralfs XT lahm, ein trockener Ort zum Übernachten wollte nicht auftauchen. Bis auf kleinen Schildern das Hostal »La Muga« angekündigt wurde. Herrlich, ein Hostal! Es würde warm und trocken sein. Duschen, Betten, Abendessen.
Nichts von alledem wurde wahr. Das Hostal war nur noch der traurige Überrest eines Bauernhofs, der von Vandalen heimgesucht worden sein musste. Als wir den Unrat soweit beiseiteräumten, dass wir zumindest die Iso-Matten vernünftig ausrollen konnten, fürchteten wir, unter den Bergen von Müll einen Kadaver oder gar eine Leiche zu finden. Wie gesagt, es war eine Katastrophe. Aber eines Tages wollten wir wiederkommen, um uns für diese Nacht von besserem Wetter und der herrlichen Berglandschaft entschädigen zu lassen. Genau das hatten wir gestern getan.
Halb sechs. Mein Rücken schmerzt. Irgendwie muss ich im Schlafsack beim Feuer eingenickt sein. Die anderen schlafen noch. Ein kleines Nickerchen kann ich mir noch gönnen, denke ich, als mir ein erster kalter Tropfen ins Gesicht schlägt. Der Wind frischt auf. Ich blinzle in den Himmel. Eine schwarze Wolkenfront schiebt sich genau in unsere Richtung. Minuten später sind alle wach. Der Wind wird zum Sturm, die Tropfen zum handfesten Schauer. Rasch bauen wir die Zelte auf und verkriechen uns hinter dem Stoff. Die Böen klatschen uns die nassen Zeltwände ins Gesicht. Es hilft nichts: Wir müssen noch mal raus, um die Zelte ordentlich abzuspannen, sonst halten sie dem Winddruck nicht mehr lange stand. Der Wind presst so viel Luft in die Lungen, dass das Atmen absurderweise schwerfällt. Die Katastrophennacht von La Muga lebt weiter.
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