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Yamaha Ténéré-Szene

Völlig angefressen

In der Szene ist er bekannt wie ein bunter Hund. Ob Internet-Auftritt, Karikaturen oder Umbauten – wenn es um Ténérés geht, führt kein Weg an Ingo Löchert vorbei. Seit mehr als 20 Jahren lebt der Berliner das Thema wie kaum ein Zweiter.

Text + Fotos: Christoph Driesen

Yamaha Ténéré-Szene

Wer die Wohnung von Familie Löchert betritt, unten im Süden von Berlin-Lichterfelde, findet wenig Indizien, mit wem er es hier zu tun bekommt. Gut, da ist das Poster im Flur, das die italienischen Werks-Ténérés bei der Pharaonen-Rallye zeigt. Und im Wohnzimmer ist eine Vitrine für eine Hand voll Ténéré-Modellmotorräder von Protar reserviert. Maßstab 1 : 9, liebevoll zusammengebaut und verfeinert, bis aus dem Ursprungsmodell ein Haufen verschiedener Rallye-Versionen entstand. Aber sonst deutet wenig darauf hin, dass Ingo Löchert vom Ténéré-Bazillus infiziert ist wie wohl kein Zweiter. Die anderen Poster, die hat er abgehängt der Familie zuliebe, aber sobald Ingo den PC anschaltet, gibt es kein Halten mehr. Während eine Bilderflut von Ténérés über die Mattscheibe flimmert, beginnt er zu erzählen, erläutert jedes einzelne Detail jeder Maschine – ob Dakar-Renner oder Privatumbau, französischer Prototyp oder  italienisches Werksmotorrad. Sein Wissen über das Wüstenschiff und dessen Rallye-Einsätze ist so umfangreich, dass Yamaha selbst schon Detailanfragen an ihn richtete, die sie nicht mehr recherchieren konnten.

Modelle der Yamaha Ténéré

Wer über eine solch geballte Ladung Ténéré-Know-how verfügt, will dies auch anderen Enthusiasten zur Verfügung stellen: Nachdem Ingo das von ihm mitentwickelte XT-600-Forum im Internet nicht mehr genügend Raum bietet, stellt er nach vier Jahren Arbeit 2002 schließlich seine eigene Website ins Netz: www.rallye-tenere.net. Die weltweit wohl umfangreichste Internet-Präsenz zum Thema, garniert mit Karikaturen Löcherts, der nebenbei ein begnadeter Zeichner ist und auch Kinderbücher illustriert. Dass seine Leidenschaft für die Wüsten-XT auch andere teilen, bekommt er mittlerweile zu spüren: Die Seite wird so oft angeklickt, dass Ingo regelmäßig Nachzahlungen an den Server-Bertreiber entrichten muss. Dass sich sein Enthusiasmus nicht aufs Virtuelle beschränkt, dürfte klar sein. Seit 20 Jahren fährt er Ténérés, veredelt die Wüstenschiffe für sich und seine Freunde, hat zwei Schmuckstücke in der Garage und sich erst vor einem halben Jahr schweren Herzens vom dritten getrennt.

Seine Leidenschaft beginnt 1985, da sitzt der heute 41-Jährige noch auf einer DT 80 LC, ist fasziniert von den bollernden Dickschiffen. Zwei Jahre später steckt der erste Gesellenlohn in der Tasche, eine Ténéré muss her. Doch die vier Jahre alte 34L, die er sich ausgeguckt hat, soll 3500 DM kosten, zu viel für den Bauklempner. Täglich schaut er bei der geparkten Ténéré vorbei wie bei einer heimlichen Liebe, ein halbes Jahr später ist das Geld endlich zusammen. Doch als Ingo mit Crosshelm unter dem Arm vor der Tür steht, will der Eigner nicht mehr verkaufen. »Ich lief zwei Stunden im strömenden Regen nach Hause und heulte wie ein Kind, das seine Familie verloren hatte.«

Ténéré-Szene-Guru Ingo Löchert

Andere Gebrauchte sind in Berlin nicht zu bekommen, die gerade neu erschienene, verkleidete 3AJ gefällt Ingo nicht, doch sein Händler besorgt ihm noch eine neue 1VJ. Zwei Wochen später ist sie Totalschaden, zerschellt an einem Pkw. Noch eine neue 1VJ ist 1988 nicht mehr zu bekommen, schweren Herzens greift Ingo zur verkleideten Version, doch »es war nicht dieses unsagbar geile Gefühl wie bei der 1VJ«. Also macht er Zeichnungen von seinem Wunschmotorrad, beginnt dann, sie umzusetzen, Jahr für Jahr wechselt er neue Teile aus, bis die XT mit ihrem 48-l-Tank und den originalgetreuen, selbst gefertigten Aufklebern aussieht wie ein italienischer Werksrenner von 1986.

Aus der umtriebigen Berliner Ténéré-Szene ist er längst nicht mehr wegzudenken, gemeinsam baut man die Maschinen wieder und wieder um. Doch die alte Liebe lässt Ingo keine Ruhe. 1997 ersteht er für 500 DM eine 34L – wie das Schicksal es will, ist es genau die Maschine, die ihm zehn Jahre zuvor vorenthalten wurde. Vier Wochen später erstrahlt sie in neuem Glanz, 2000 gesellt sich eine 1VJ dazu, die als Rallye-Replika umgebaut wird. Ingo bewegt die Motorräder täglich, jeden Tag eine andere, jede in genau abgestimmter Bekleidung, doch seine Sternstunde soll erst noch kommen.

Auf die Bitte an Yamaha Motor France nach einigen Fotos der dort aufgereihten Dakar-Renner lädt Präsident und Rallye-Haudegen Jean-Claude Olivier, der von Ingos Aktivitäten und Website begeistert ist, ihn und seine Freunde in die heiligen Hallen ein. Der Flieger verspätet sich, Olivier hat ein Meeting und nur noch eine halbe Stunde für einen kurzen Rundgang. Doch der Rallye-Enthusiasmus der Deutschen erfasst auch den Yamaha-Chef mit seinen Babys. Zwei Stunden lässt er seine Geschäftspartner warten und widmet sich lieber den Ténéré-Fans. »Außer der Geburt meiner Tochter, meiner Hochzeit und dem Abholtag meiner 1VJ der schönste Tag meines Lebens«, sagt Ingo.

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