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Tourentest Aprilia NA 850 Mana

Der Automat

Aprilia wagt nach langer Zeit wieder einmal den Versuch, ein Automatik-Motorrad am Markt zu platzieren. Die NA 850 Mana räumt dabei mit dem Vorurteil auf, dass nur alte Männer mit Hut nicht mehr schalten wollen.   

Text: Till Kohlmey / Fotos: Till Kohlmey, Christina Güldenring

Die Aprilia NA 850 Mana

Die linke Hand greift zwar ins Leere, aber der Dreh am Gasgriff wird eins zu eins in Vorschub umgesetzt. Die Mana zieht spielend am Rest der Testgesellschaft vorbei und platziert sich ganz vorn. Bevor die anderen überhaupt die Kupplung gezogen, den ersten Gang eingelegt und die Gratwanderung zwischen maximalem Vortrieb und aufsteigendem Vorderrad gemeistert haben, hat die Mana schon die ersten Meter hinter sich gebracht. Das sieht zwar unspektakulär aus und hört sich auch nicht sonderlich prickelnd an, aber es geht kinderleicht von der Hand.

Aprilia hat die weit fortgeschrittene Rollertechnik in ein anständiges Zweirad adaptiert und dies auch noch ordentlich motorisiert. Der moderne 90-Grad-V2 von Piaggio wurde bereits 2001 erstmalig auf einer Messe gesichtet und galt ursprünglich als Motorisierung für Cagiva- und Gilera-Modelle. Tatsächlich trägt auch Gileras Großroller GP 800 exakt den gleichen Motor zwischen den Rahmenzügen. Nun kommt halt die Tochter Aprilia in den Genuss des Vau, der dank Einspritzung, G-Kat und Doppelzündung dem Stand der Technik entspricht und dessen Sekundärantrieb via O-Ring-Kette – ganz untypisch – auf der rechten Seite verläuft. Auch wenn der Zweizylinder im Innern mit nur einer oben liegenden Nockenwelle etwas simpler gestrickt zu sein scheint, entspricht er doch voll und ganz dem Wesenszug eines Allrounders.

Laufruhe und hohes Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen sind genau die Attribute, die der Mana gut zu Gesicht stehen. Nominell sollen die 839,3 Kubik Hubraum für maximal 76 PS bei 8000 Touren gut sein, was der Leistungsprüfstand nicht bestätigen kann, da die Verlustleistung der Automatik nicht messbar ist. Am Hinterrad der Mana haben wir schlussendlich nur 56 PS bei 8100/min gemessen, was nicht weiter verwunderlich ist, da die Verlustleistung zwischen Motor und Hinterrad erwartungsgemäß hoch ist. Das hängt ganz einfach damit zusammen, dass der Primärtrieb via Riemen im CVT-Getriebe von Hause aus mit hohem Schlupf arbeitet. Dies garantiert natürlich auch sehr geschmeidige Übergänge zwischen den vermeintlichen Gangstufen, womit wir auch schon mittendrin sind: Es kann zwar mit Fuß und Hand kräftig hin- und hergeschaltet werden, aber so richtige Gangstufen gibt es nicht, da es sich um eine stufenlose Getriebeautomatik handelt, die Übersetzungssprünge nur vorgibt.

Dies tut sie allerdings auf sehr elegante Art und Weise, denn man hat nicht das Gefühl, am Gummiband zu hängen und monoton gleichmäßig beschleunigt zu werden. Die Software gibt sich schon richtig Mühe, so etwas wie Motorrad-Feeling aufkommen zu lassen, und wer sich darauf einlässt, wird sich der Dynamik, die dahintersteckt, auch nicht verschließen können. Denn die Fahrleistungen stehen denen von Motorrädern mit Schaltgetriebe und ähnlicher Leistung nicht viel nach. Die Beschleunigung von null auf 100 km/h ist mit exakt 5,0 Sekunden gut, und in puncto Elastizität macht der Automatik ja eh so schnell keiner was vor. Auf einer separaten Seite haben wir das Antriebskonzept der Aprilia Mana etwas detaillierter beleuchtet.

Die Mana ist kein weichgespülter Automatik-Allrounder

Die Aprilia NA 850 Mana
Die Aprilia NA 850 Mana ist der zeitgemäße Versuch, ein Motorrad zum Vollautomaten zu machen, ohne das es deutlich an Dynamik verliert. Das darf man als gelungen betrachten.

Im Schnitt begnügt sich die Mana mit 5,4 Litern Super auf 100 Kilometer, was in Kombination mit dem kleinen 15-Liter-Tank unter der Sitzbank Reichweiten von über 250 Kilometern zulässt. Das reicht allemal, zumal Mana-Fahrer primär als Solisten durch die Länder streifen werden. Denn hintendrauf wird es selbst die beste Sozia von allen nicht lange aushalten. Zu hoch die Sitzbank, zu klein und zu knapp gepolstert das Sitzkissen. Für den Fahrer selbst passt dagegen vieles: Der Rohrlenker streckt sich einem angenehm gekröpft entgegen, und die Sitzmulde mit dem schlanken Knieschluss passt auch auf Anhieb. Größere Piloten ab 1,85 Meter werden vielleicht den sportlichen Kniewinkel beklagen, der aber eigentlich zum Image dieses Motorrads gehört.

Die Mana ist weit davon entfernt, als weichgespülter Automatik-Allrounder durchzugehen, sie soll in ihrer Heimat vor allen Dingen die wilden Vierzylinder-Naked-Bikes à la Hornet und FZ6 mit frischen Tugenden in Schach halten und geht ihre Aufgabe entsprechend sportiv an. Mit ihren 225 Kilo Eigengewicht gehört sie zwar nicht zu den Leichtgewichten, aber sie baut kompakt, integriert den Fahrer nah am Vorderrad und ist sportlich straff abgestimmt. Aufgrund der relativ ungünstigen Gewichtsverteilung mit 54 Prozent Hinterradlast steht die Gabel zu Recht relativ tief in der Feder. Ausgleichend sollte das Federbein leicht vorgespannt werden, damit das Motorrad gut in der Waage steht. Derart vorbereitet wuselt die Mana recht behände durch kurviges Terrain. Sie verlangt zwar schon sehr eindeutige Lenkimpulse, aber dank des breiten Lenkers und des guten Knieschlusses sitzen die Radien in der Regel auf Anhieb. Einzig das allzu breit dimensionierte Hinterrad im 180er-Format, montiert auf einer 6.00-Zoll- Felge, verlangt gerade in engen Kehren nach erhöhter Aufmerksamkeit, da das Vorderrad schneller abwinkelt, als das Hinterrad bereit ist zu folgen. Nichts Schlimmes, aber ärgerlich, weil ein schmalerer Hinterradreifen das Handling hier nachhaltig verbessern könnte.

Kein Handlungsbedarf besteht bei der Vorderradbremse: Die ist großzügig dimensioniert, lässt sich gefühlvoll dosieren und verzögert die Mana auf höchstem Niveau. 38,62 Meter aus 100 km/h verzögert bis zum Stillstand – ein Spitzenwert. Die zu diesem Fahrzeugtyp gut passende ABS-Option soll laut Aprilia in Kürze von Brembo folgen.

Die Mana 850 ist nicht zuletzt auch wegen des großen Helmfachs ein famoses City­Bike, das jedoch Punktabzüge wegen des großen Wendekreises (5,20 m), dem fehlenden Hauptständer (Zubehör) und des schwer erreichbaren, kippeligen Seitenständers erhält. Pluspunkte sammelt die Aprilia für ihren informativen, vom Lenker aus abrufbaren Bordcomputer, die langen Inspektionsintervalle von 10.000 Kilometern (alle 20.000 km Zahnriementausch) und die wertige Verarbeitung. Für 8949 Euro kein ganz preiswertes, aber zumindest ein sehr einzigartiges Vergnügen mit erschreckend hohem Unterhaltungswert.

Die Aprilia NA 850 Mana
Famoses City-Bike mit Tourer-Ambitionen: Die Aprilia NA 850 Mana bietet sich durchaus auch für die Reise an, zumindest, solange auf dem Soziusplatz nur die Gepäckrolle mitreisen muss. Welches Tourer-Equipment Aprilia dafür im Programm hat, zeigen wir in der Mana-Bilderstrecke.

TOURENFAHRER - 3/08

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