Motorrad-Winterreise Mongolei

Schwarze Tage

Unterwegs bei minus 30°C, Ersatzteile im Garten und Gummiteile in der Lunge. Die letzten zwei Tage unserer Motorrad-Winterreise durch die Mongolei waren sehr ereignisreich.

Wirklich kalte Temperaturen verlangen einen besonderen Umgang mit dem Material, besonders Plastik hat eine ganz starsinnige Einstellung zu Minusgraden. Zum Kürzen von Kabelbinden braucht es kein Werkzeug, weder Seitenschneiden noch Messer. An der gewünschten Stelle einfach abknicken – fertig.

Irgendwann unterwegs zeigte das Thermometer – 30°C, zwar nur für wenige Kilometer, um sich danach um die –20°C einzupendeln. Dennoch gibt es kein Foto von diesem für uns »historischen« Augenblick. Warum? Eine Aufnahme unter diesen Bedingungen braucht Zeit. Anhalten, absteigen, Handschuhe ausziehen, entkabeln, Hände wärmen, Fototasche öffnen, Hände wärmen, Kamera einschalten, Motiv im Sucher einrichten, Hände wärmen… Fotografieren unter diesen Bedingungen ist eine durchaus unangenehme Sache. Also dann doch lieber muckelig eingepackt weiterfahren. Ich gebe zu, bei dieser Kälte erstarrt meine Disziplin.

Motorrad-Winterreise Mongolei #10
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Motorrad-Winterreise Mongolei #10

  Dicke Luft und technische Probleme auf der Etappe nach Murun

Trotzdem war wenig später ein Stopp nötig. Zu unserer Freude in einem Gebiet, in dem die Temperaturen »nur« um die -20°C lagen. Benzingeruch lag in der Luft. Selbst einige Dutzend Meter hinter Rainers Dayun war dieser Geruch von Sprit wahrnehmbar. Ein Not-Stopp an einer Tankstelle brachte es an den Tag. Ein Riss im Tank, aus der Öffnung drängt die brennbare Flüssigkeit an die Luft und tropfte auf den heißen Motor. Die Schweißnaht an der Tankaufhängung war gebrochen. Weiterfahren unmöglich. Weder Kaltmetall noch Silikon waren zur Hand und wahrscheinlich würden sich diese Materialen bei der Kälte ohnehin nicht verarbeiten lassen.

Es dauerte nicht lang und eine kleine Schar männlicher Dorfbewohner versammelte sich um die Unglücksstelle. Unsere beiden Begleiter Ugtaa und Tulgaa nahmen diese Zusammenkunft zum Anlass, die Ersatzteilbeschaffung zu organisieren. Die Dayun 200 ist der VW Golf der Mongolei. Auf dem Land sind viele Familien im Besitz eines solchen Fortbewegungsmittels. Und tatsächlich – in irgendeinem Garten fand sich noch ein verbeultes und angerostetes Exemplar in Orange. Zwar verdreckt und vereist, aber dieses Problem würde sich mit dem Einsatz von heißem Wasser lösen lassen. Keine halbe Stunde später war die kleine Dayun im neuen Look und mit dichtem Tank wieder fit für die kommenden Kilometer. 

Durch diese unfreiwillige Unterbrechung war das Ziel des Tages, Murun unerreichbar. Schon ohne Zwischenfall wäre es zeitlich eng geworden, aber jetzt nach mehr als zwei Stunden Zwangspause mussten wir umdisponieren. Bulgan sollte es nun werden, eine Stadt ohne jeglichen Reiz. Trist, grau, heruntergekommen und mit einer unfreundlichen Polizei gesegnet. Kontrolliert wurde mitten auf der Straße. Der Effekt, ein sofortiges Verkehrschaos im Stadtzentrum. Diesmal geht es nicht nur um Fahrerlaubnis und Versicherung. Auch unsere Pässe sind Gegenstand der Kontrolle, alles wird akribisch geprüft. Zum Schluss gibt es noch eine Gesichtskontrolle, Helm ab, Sturmhaube runter – alles okay. Dann plötzlich macht der Polizist Dampf, mahnt zur Eile, denn schließlich blockieren wir den Verkehr.

Ein Hotel in Bulgan zu finden, ist nicht schwer, es gibt nur eine Unterkunft. Die Motorräder parken in der Nacht einen Kilometer entfernt in einem Autowaschsalon. Der nächste Morgen schmeckt nach Ruß und der Geruch von verbranntem Gummi schleicht durch die Stadt. Bulgan macht sich warm für den Tag. Das Heizmaterial für die Fernwärme-Kraftwerke sind alte Autoreifen. Aus den Schloten der Öfen dringt pechschwarzer Rauch und über der ganzen Stadt liegt ein dunkelgrauer Wolkenschleier.

Unterwegs nach Murun meldet sich noch einmal der Dreck in Rainers neuem Tank und verstopft die Arterie zur Brennkammer. Immer wieder sind Zwangsstopps nötig, wir müssen die Schwimmerkammer des Vergasers entwässern und den Filter reinigen. Für ein paar Kilometer geht es dann weiter. Doch irgendwann schnurrt die Dayun wieder, und es gibt keine Verzögerungen mehr. Aber auch diese Stopps haben Zeit gekostet, und erst in der Dunkelheit erreichen wir Murun. Bis zum Khovsgol sind es nur noch 100 Kilometer. Morgen geht es aufs Eis!

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