Andreas Burgard

Kommt der »Kran« mit? Diese Frage stellen sich viele Endurofahrer vor einer Rallye-Nennung. Denn wenn Andreas Burgard mit von der Partie ist, gilt das als eine Art Lebensversicherung. Er hat bisher noch jeden Gestrauchelten aus dem Sandmeer der Sahara geborgen. 

Text + Fotos: Dirk Köster

Delta-Mike-Sierra-Lima-Tango ruft Unimog!« Doch der Funkspruch von Rallyepilot Tom geht ins Leere. Das dringend benötigte Bergefahrzeug ist außer Reichweite, also mindestens 150 Kilometer entfernt. Beim letzten Büchsenlicht ist Tom mit seinem Ultraleichtflugzeug auf dem »Heimflug« zur Behelfslandepiste an der Wüstenoase Ksar Ghilane. Dann sieht der Pilot, fernab von der eigentlichen Rallye-strecke, eine Leuchtrakete aufsteigen. Er steuert drauf zu und bemerkt in der einzigen Sanddüne weit und breit eine orange-farbene Enduro. Der Fahrer winkt aufgeregt. Das Vorderrad liegt neben ihm. In den Sand haben die »Gestrandeten« das Wort »Unimog« geschrieben.

Eine ernste Panne, aus der sich der Endurofahrer sicher nicht selbst befreien kann. Doch eine Landung in der felsigen Wüste ist unmöglich, hier muss Bergegerät her. Und der Unimog ist unerreichbar weit weg. Dann erscheint am Horizont im Licht der sinkenden Sonne eine riesige Staubwolke. Zu weit weg, um zu sehen, wer die verursacht. Tom fliegt näher ran und macht einen LKW als Verursacher aus. Weiß und groß, das können nur die Burgards sein. Tom kennt die Hilfsbereitschaft des Paares, doch sie sind »Teilnehmer in Wertung« und haben daher kein Funkgerät mit der Frequenz der Rallye-Organisation.

An der Position des Motorrads hat Tom die Koordinaten genommen und auf einem Zettel notiert. Er drückt den Steuerknüppel nach vorn und fliegt den Truck frontal an. Kurz vor dem MAN zieht er die Maschine hoch. Das selbe Manöver noch mal, dann wirft Tom den Zettel direkt vor den Truck. Fahrer Andreas steigt in die Bremsen, Ehefrau Sabine springt aus dem Fahrerhaus. Während Tom Kreise dreht, signalisiert Andreas, dass er verstanden hat.

Er treibt den mächtigen MAN durch die Steinwüste, Tom setzt die Landeklappen und fliegt mit Mindestgeschwindigkeit voraus in Richtung des Havaristen. Der MAN wirbelt in dem schweren Gelände mächtig Staub auf. Der Flieger muss immer wieder kreisen, um nicht davonzueilen. Nach nur wenigen Minuten erreicht der Helfer den Motorradfahrer und mit vereinten Kräften wird die Enduro mit Gurten vorn am MAN festgerödelt.
Als Andreas am Abend mit dem Havaristen das Camp erreicht, ist das Hallo groß. Ein »Bergebier« ist fällig, das genügt als Honorar. Für die Burgards ist die gelungene Bergung Lohn genug. Andreas grinst wie ein Honigkuchenpferd über die gelungene Hauruck-Aktion. Den Zettel mit den Koordinaten hat Sabine Burgard noch heute. Diese besondere Bergeaktion soll auf ewig unvergessen bleiben.

Die Burgards lieben die langen Abende in den Sahara-Rallyecamps. In geselliger Runde wird reichlich »Wüstenfahrergarn« gesponnen, da gibt es viel zu erzählen. Wie die Geschichte vom Engländer, der in der Nähe der algerischen Grenze völlig die Orientierung verlor und damit begann, seine Ausrüstung zu verbrennen, um durch Rauchwolken auf sich aufmerksam zu machen. Beduinen fanden den Kerl schließlich halbnackt und brachten ihn zurück in die Zivilisation. Oder die Geschichte vom Lampenmann: Ein blaues Lichtlein, fernab der Rallyestrecke, erregte nachts die Aufmerksamkeit der Retter. Schließlich entdeckten sie in den Dünen einen leicht bekleideten Mann, der in Unterhose durch die Nacht irrte. Der Gute campte mit einigen Endurokumpels in den Dünen und verspürte Drang zum »Spatengang«. Dabei kletterte er über ein paar Dünen, verlor nachhaltig die Orientierung und fand nicht mehr ins Camp zurück.

Bergen, helfen und retten ist für Andreas Burgard nicht nur Selbstverständlichkeit sondern Beruf. Und Berufung: Die Burgards betreiben ein ADAC-Abschlepp- und Kranunternehmen. »Kran-Burgard« unterhält eine ganze Flotte von Abschleppwagen und Autokrane. Sein Revier sind die Autobahnen Mittelhessens. Wer hier eine Panne hat und sich über den ADAC-Notruf meldet, wird oft von dem Butzbacher Abschlepper aufgepickt.
Nicht nur aufladen und wegbringen ist dabei angesagt. Eine lange Erfahrung macht Andreas Burgard und seine Leute auch zu wahren Meistern der technischen Improvisation. Geht nicht gibt’s nur selten. Irgendeinen Kniff haben die Pannenhelfer meist parat.
Das Wissen um Improvisation und Bergung kommt Andreas Burgard nicht nur im Job, sondern auch in der Freizeit zugute. Wann immer es sein Zeitplan zulässt, macht sich Andreas auf zu irgendeiner Rallye. Nicht mehr als Teilnehmer, sondern stets als »Lumpensammler«.

Der spektakuläre Hilfseinsatz mit Rallye-LKW und Zettel-Luftunterstützung war die Initialzündung zu einer großen Idee: Ein spezieller Berge-LKW für die Wüste, einer der garantiert überall hinkommt, das wär’s. Mit einer Ladevorrichtung, die es erlaubt, »gestrandete« Autos und Motorräder auch unter schwierigen Bedingungen zu laden.

Also gab es einen Plan für die Zukunft: Der Wüstentruck wurde verkauft und Andreas suchte sein Idealauto. Natürlich wieder einen MAN. Auch wenn sich der bisherige MAN Kat 1  in den Dünen gut bewährt hat: es gibt Besseres. Zufällig wird Andreas Burgard bei der Bundeswehr fündig. Ein verunfallter MAN KAT 1A1.1 der neuesten Bauart, mit 450 PS, das sind stolze 160 PS mehr als beim alten Truck. Dazu kommt eine regelbare hydropneumatische Federung, damit das Niveau des Fahrzeugs verändert werden kann, um das Aufladen zu erleichtern. Und das Wichtigste: Der MAN hat eine Wechselbrücke. Für die Rallyebegleitung wird eine Ladefläche montiert, geschlafen wird im Dachzelt. Wenn die Burgards aber mal so »richtig« in den Urlaub fahren wollen, wird ein moderner Wohnmobilaufbau montiert. Da Urlaub bei den Butzbacher Abenteurern stets auch Action im Gelände bedeutet, verfügt der luxuriöse Wohnaufbau über eine Garage, groß genug für ein Quad oder für das Solo. Ein legendäres Sechsradfahrzeug aus den 70ern, schwimmfähig und ex-trem geländegängig.

Auf der ersten Wüstenrallye als »Besenwagen« muss der neue MAN zeigen, was er kann. Bei der Erg-Oriental gibt es wieder jede Menge Arbeit. Die Koordination aus der Luft erledigt wieder Tom Huber mit seinem Ultraleichtflieger. »Flieger an MAN, Motorradfahrer bei Position 3° 03´ 19,8 Nord, 9° 40´ 45,4 Ost. Fahrer wohlauf, kann die Fahrt nicht fortsetzen!« Andreas Burgard bestätigt und setzt den Motorradfahrer auf seine Liste. Auf der stehen schon mehrere Motorräder und ein Auto. Die Reihenfolge der Bergung richtet sich nach Dringlichkeit und Position. Wer unverletzt ist und Wasser und Verpflegung hat, muss länger warten als jemand, der verletzt ist oder beim Sturz seine Wasserreserven verloren hat. Im Notfall werden Wasser- und Nahrungsrationen schon mal per Flieger abgeworfen, um die Wartezeit zu überbrücken.

Der 6x6 MAN kann selbst in Dünen fast Luftlinie fahren

»Mit unserem MAN können wir im Sand fast Luftlinie fahren. Wir arbeiten die GPS Positionen der Reihe nach ab und laden die Fahrzeuge vor Ort auf. Wenn die Fahrer verletzt sind, wurden sie teilweise schon von den geländegängigen ORMS-Rettungsfahrzeugen von Klaus Spörl abtransportiert, dann laden wir nur die Motorräder auf. Ansonsten nehmen wir die Fahrer auf der Pritsche mit«,  erklärt der »Gelbe Engel« der Wüste.

Dröhnend setzt sich der MAN in Bewegung und baggert sich eindrucksvoll durch die Dünen. »Manchmal gehen dabei gut 200 Liter Sprit pro 100 km durch, aber wir sind schnell bei den Fahrern. Wenn wir kommen, gibt es schon mal richtige Freudentänze«, freut sich Andreas. Zum Bergeteam gehören stets Ehefrau Sabine Burgard und Thomas Wahl, die Andreas tatkräftig unterstützen. Sabine kümmert sich dabei um die Navigation, Andreas ist mit der Kurbelei am Lenkrad voll beschäftigt. Thomas ist der »Mann für alle Fälle«. Ob beim Laden, bei eventuellen Notreparaturen oder einfach, um sich um die Fahrer zu kümmern, Thomas und Sabine packen an.

Weil das Bergeteam selbst unter sengender Saharasonne stets mit leuchtgelben ADAC-Overalls mit der Kran-Burgard-Aufschrift gekleidet ist, nennen die Motorradfahrer Andreas nur »den Kran«. Dieser Titel mag natürlich auch mit seiner Statur zusammenhängen: Größe und Körperbau zeugen von hoher Zupackfähigkeit.

Ein Arbeitstag in der Wüste ist lang. Schon frühmorgens machen Burgards ihren MAN startklar. Unmengen Wasser werden verpackt. Man kann ja nie wissen, welche Überraschungen in der Wüste auf das Team warten. Zusätzlich ist eine komplette Pannenhilfsausrüstung an Bord. Wenn ein Fahrzeug vor Ort repariert werden kann, ist das stets besser als es aufzuladen. Dass jede Menge guter Verpflegung an Bord ist, versteht sich von selbst, schließlich sind Übernachtungen im Dünenmeer nicht auszuschließen und schwer arbeitende Körper verlangen ja nach reichlich köstlichen Kalorien.

Ungeplante Nächte in den Dünen sind für die Burgards kein Drama, sondern der Höhepunkt ihrer Einsätze. Sabine Burgard gerät ins Schwämen: »Der Sternenhimmel über der Wüste ist unbeschreiblich schön. Dazu kommt die absolute Ruhe. Die Nächte da draußen sind unvergesslich. Und dann noch die unglaublichen Sonnenaufgänge!«

Doch nicht nur in der Wüste sind die Retter unterwegs. Für Rallyes, bei denen es mehr auf Pannenhilfe ankommt, hat Andreas ein Toyota-Buschtaxi aufgebaut. Diese rollende Werkstatt ist extrem geländegängig und fährt dem Teilnehmerfeld hinterher.

Mittlerweile hat das Kran-Burgard-Team schon unzählige Rallyes begleitet:  in Libyen, Tunesien und sogar Sibirien. Für die Teilnehmer sind sie immer eine Beruhigung und eine Art Lebensversicherung. Und deshalb fragen die Motorradfahrer eben immer öfter die Veranstalter, ob denn der »Kran« auch dabei sei. Um mit der Sicherheit starten zu können, im Falle eines Falles zuverlässig aus den Dünen geborgen zu werden.

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