Leslie Porterfield: Süchtig nach Highspeed

Auch wenn sie so aussieht, gehört die Amerikanerin Leslie Porterfield nicht gerade zu den zart besaiteten Damen. Die Motorradhändlerin aus Dallas/Texas ist mit 376,9 km/h vielmehr die schnellste Bikerin der Welt.

Text: Tobias Kloetzli / Fotos: Michael Föhn

Es war vor zwei Jahren, als Leslie Porterfield zum ersten Mal zu den »Speed Trials« auf den legendären Salt Flats bei Bonneville (USA) auftauchte. Dabei erregte sie in der von Männern dominierten Highspeed-Szene nicht nur wegen ihres Äußeren Aufsehen, auch ihr erster Ritt auf dem Salz verlief alles andere als unspektakulär, denn beim Versuch, die 200-Meilen-Marke zu knacken, stieg sie in der Beschleunigungsphase böse ab. Porterfield: »Ich fuhr das erste Mal mit jenem Motorrad und hatte die optimale Körperhaltung noch nicht gefunden. Die Bedingungen waren alles andere als optimal, es gab viele Spuren im Salz. Bei gut 170 Sachen schlug es mir den Lenker hin und her. Für zusätzlichen Grip hatten wir damals 55 Kilo an der Schwinge befestigt. Als dann das Heck ausbrach, war nichts mehr zu machen, und ich wurde vom Motorrad geworfen.« Mit insgesamt sieben gebrochenen Rippen und einer bösen Lungenverletzung blieb die Blondine bewusstlos liegen und musste umgehend ins Krankenhaus geflogen werden.

Wenige Tage später stand die Motorradhändlerin jedoch schon wieder bei der Arbeit und dachte bereits an die nächsten Speed Trials. »Für mich stand von Anfang an fest, dass ich wieder antreten würde. Als es 2008 so weit war, wurde ich jedoch schon richtig nervös«, gesteht die schnelle Texanerin.

Diesmal war Porterfield deutlich erfolgreicher: Neben einem nationalen Rekord mit 209 mph (336 km/h) auf einer unverschalten Suzuki Hayabusa setzte sie den Weltrekord für seriennahe Bikes mit einer Honda CBR 1000 RR auf 192 mph (309 km/h) und stellte schließlich auf einer aufgebohrten, verkleideten Turbo-Hayabusa mit rund 360 PS den absoluten Rekord von 234,2 mph (376,9 km/h) auf – zuvor war keine Frau auf einem Motorrad jemals so schnell gefahren. Damit wurde Porterfield als erste Frau in der 60-jährigen Geschichte der Bonneville Speed Trials in den 200-mph-Club aufgenommen.

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Als 16-Jährige kaufte sich Porterfield ihr erstes Motorrad, welches anfangs ausschließlich als Transportmittel diente. »Doch ich bekam allmählich richtig Freude daran und kaufte weitere Motorräder.« So ging sie ihrer Begeisterung an Rundstrecken-, Motocross- und Enduro-Rennen nach. »Meine Eltern sind eher konservativ, fahren überhaupt nicht Motorrad und hielten mich deshalb zweifelsohne für ziemlich verrückt!« Dennoch wurde ihr Traum, einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord aufzustellen, immer intensiver.

Leslie Porterfield ist auch leidenschaftliche Enduro-Fahrerin

Die heute 32-jährige Texanerin, die auch ihrer Leidenschaft fürs Enduro-Fahren weiterhin frönt und noch dieses Jahr die berühmte Baja 1000 bestreiten will, ist überzeugt, dass ihr dieses Enduro-Know-how auch auf dem Salzsee nützlich ist: »Ich denke, meine Offroad-Kenntnisse waren sogar noch wichtiger als jene auf Straßen-Bikes. Auf dem Salz dreht das Hinterrad ständig durch, das Motorrad ist dauernd in Bewegung. Es ist ein Gefühl wie auf einem großen Geländemotorrad. Mit über 300 km/h über den Salzsee zu brettern ist einfach unbeschreiblich. Du bist in einem absoluten Rausch, es passiert unglaublich viel gleichzeitig. Das Motorrad ist unruhig und muss dauernd korrigiert werden, vor allem dann, wenn noch Wind dazukommt. Auf den Instrumenten müssen Ladedruck, Benzindruck, Drehzahl, GPS-Speed usw. ständig beobachtet werden. Besonders wichtig ist dabei natürlich, dass der Körper stets die aerodynamisch richtige Position hat.«

Wie bereits angemerkt, ist Highspeed ein klassisches Macho-Ding. Deshalb wird die attraktive Porterfield – zumindest im Renneinsatz – von manchen Männern nicht gerne gesehen. Einige trifft es möglicherweise sogar schmerzhaft, wenn der blonde Feger sie an der Messschranke alt aussehen lässt.  »Ja schon, aber das stört mich nicht wirklich, ja, ich genieße es sogar. Kaum jemand erwartet, dass ich Motorrad fahre, und viele sind geschockt, wenn sie von meinen Rekorden hören. Trotzdem sind die meisten sehr nett zu mir.«

Doch ist sie für die harte Highspeed-Welt nicht körperlich im Nachteil? »Nein, da ich kleiner und leichter bin, habe ich sogar aerodynamische Vorteile. In Bonneville fuhr ich mit derselben Maschine zehn km/h schneller als mein Kollege. Ich kann mich hinter der Verkleidung einfach besser verstecken. Nur bei den unverkleideten Bikes habe ich einen Nachteil: Da ich leichter bin, muss ich mich umso stärker festklammern, um nicht vom Motorrad zu fliegen.«

Die Betreiberin eines 1400  Quadratmeter großen Motorradgeschäfts in Dallas ist eine Allrounderin und packt auch mal bei Reifenwechseln oder Servicearbeiten in der Werkstadt an. Auch sie bekam die Krise zu spüren. »Die Verkäufe haben schon etwas nachgelassen. Von den Banken Geld zu bekommen ist inzwischen besonders schwierig. Tragisch ist die Situation allerdings nicht – ich bin immer noch o.k.«

60.000 Dollar habe sie 2007 für die ersten Weltrekordversuche investiert, heute seien es natürlich deutlich mehr. Doch die werbewirksame Texanerin fand nach ihren ersten Rekorden natürlich schnell auch weitere Sponsoren. Inzwischen ist die Rede davon, dass sie in diesem Jahr für das Swiss Performance Team in Bonneville antreten könnte.

So oder so hat sich die von der AMA (American Motorcyclist Association) als »Female Rider of the Year« geehrte Leslie Porterfield fest vorgenommen,  nochmal kräftig nachzulegen: »Ich bin verrückt nach Bonneville, das so genannte Salzfieber hat mich gepackt. Ich werde wohl immer wieder dort antreten. Mein großes Ziel ist es, die 400-km/h-Marke zu knacken!«

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