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Traumstraßen Deutschlands – Nordhessischen Bergland

Bei Frau Holle

Keine Angst, obwohl Frau Holle mittendrin wohnt, sind die Straßen im Nordhessischen Bergland nicht permanent verschneit. Und solange der alten Dame keiner die Kissen aufschüttelt, ist die Runde um den Hohen Meißner eine märchenhafte Tour. Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Nordhessischen Bergland

»Weit sind wir jetzt aber noch nicht gekommen!«, klingt die Stimme meiner Passagierin hinter mir. Stimmt, keine sechs Kilometer hinter uns liegt die Stadtgrenze Kassels, dem Startort unserer Tour durch das Hessische Bergland. Sechs Kilometer quer durch den Söhrewald, genau der richtige Einstieg ins Grün. Und grün ist auch die Uniform des jungen Mannes, der zielgerichtet und nachdrücklich seine Kelle auf uns richtet, als sei er Anakin Skywalker und seine Winkerkelle das unbesiegbare Laserschwert.

Auch ich zücke. Nicht das Laserschwert, sondern Führerschein und Fahrzeugpapiere. Und ruckzuck sind wir auch wieder entlassen aus der Obhut des Ordnungshüters. Tja, haben uns eben nichts zu Schulden kommen lassen, oder vielleicht war auch nur die Macht mit uns.

Es ist noch früh, die Straßen sind noch ein bisschen feucht, und die letzten morgendlichen Nebelschwaden treiben noch über der Straße. Riesige Rapsfelder schälen sich aus dem Dunst, und die dichten immergrünen Nadelwälder am Horizont nehmen langsam klarere Konturen an. Auf den Nebenstrecken des Söhrewaldes ist man üblicherweise am Morgen noch alleine. Wenn nicht gerade Kontrolltag ist. Fast ohne Übergang tauchen wir vor Eschenstruth in dichten Laubwald ein. Kurvig zwängt sich die Straße zwischen den Bäumen hindurch bis zur B 7. Ganze zwei Kilometer, dann setze ich den Blinker, begebe mich wieder auf schmaleren Asphalt, und wir genießen erneut die vorbeihuschende Einsamkeit der kleinen Höfe, der dichten Wälder und der gelben Rapswiesen.

Ein kurzes Stück begleitet uns die Fulda, dann ist Melsungen erreicht. Das bildschöne Fachwerkstädtchen ist die Heimat der Bartenwetzer. Will man die Melsunger Bürger ein bisschen ärgern, nennt man sie noch heute so. Haupterwerb der Melsunger war einst der Holzeinschlag. Morgens verließen die Holzfäller ihre Stadt über die steinerne Brücke und wetzten ihre Barten – so nannte man früher die Äxte – auf deren Sandstein. Die tiefen Rundkerben im Geländer zeugen noch heute davon.

Weiter geht der Zickzack- Kurs, erneut führt uns die Landstraße gen Osten in Richtung Hessisch- Lichtenau, und wieder fließen die Kurven durch Wald und Feld. Hätten wir nicht gerade schon jede Menge Fachwerk genossen, Hessisch-Lichtenau wäre das perfekte Ziel. Das »Tor zum Frau- Holle-Land«, wie sich die Kleinstadt selber nennt, wartet mit einer charmanten Altstadt und einer tollen Umgebung auf. Und natürlich mit Frau Holle. Die, so schreiben sich die Hessen der Region auf ihre Fahne, habe schließlich auf dem nur wenige Kilometer entfernten Hohen Meißner gelebt. Also wird die Zauberfrau touristisch vereinnahmt, und wer mag, kann im stadteigenen Frau- Holle-Park wandeln und alles über die Kissenaufklopferin erfahren.

Hoher Meißner? Da war doch etwas. Richtig, der gut 750 Meter hohe Bergrücken gilt als höchste Erhebung im Nordosten von Hessen und beherbergt auf seinem Plateau den Frau-Holle-Teich. Der Sage nach ist er grundlos und bildet den Eingang ins Frau- Holle-Reich. Mit einem letzten großen Schlenker über das so genannte Stölzinger Gebirge bei Spangenberg und einem kurzen Abstecher zur Burg Spangenberg steuere ich auf den Meißner zu. Frau-Holle- Reich, na ja, wer’s glaubt. Kurvenreich aber auf jeden Fall. Der Weg zum eigentlichen Gipfel, der Kasseler Kuppe, kennt jedenfalls keine nennenswerten Geraden. Deutlich kühler als im Tal ist es hier oben, wo es in Schlangenlinien quer durch dichten Wald geht. Zwischendurch gibt das Grün in breiten Lücken herrliche Panoramen über die ganze Region frei. Weit fällt der Blick über das hessische Land, bevor die nächste Kurvenkombination auch gleich schon wieder die volle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Oben auf der Kuppe lockt der Berggasthof. Die Abzweigung ist ausgeschildert, und nur wenige Meter am Gasthof vorbei liegt einer der schönsten Aussichtspunkte des Meißners. Ein kühler Schluck zur Erfrischung, dann stürzen wir uns auf der Nordostseite des Massivs wieder in die Tiefe. Vorbei am Frau-Holle- Teich und einem Bergwerksstollen schraubt sich der Asphalt über Kammerbach in die Tiefe. Bei der B 27 überfährt man dann die Werra, und es fällt die Beschilderung des Grenzmuseums Schifflersgrund ins Auge. Schon der Empfang im Kassengebäude ist einfach freundlich. Ob wir nicht Helme und Jacken ablegen wollten, werden wir gefragt und gleich in ein Gespräch über west- und einstige ostdeutsche Zweiradproduktion verwickelt.

Mit der beschaulichen Atmosphäre ist es nur wenige Meter weiter schnell vorbei. Beim Anblick der ehemaligen Grenzanlage, dem »antifaschistischen Schutzwall«, kommt eher Gänsehaut auf. Welche perfiden Ideen die Oberen der DDR so hatten, um ihr Volk einzusperren, wird bei einem Blick auf die vielen Exponate deutlich. Für uns am beeindruckendsten ist ein einfacher Trecker mit Frontlader. Mit ihm versuchte am 29. März 1982 Heinz-Josef Große genau hier in Höhe des Museums den Sperrzaun zu durchbrechen und seinen Traum von einem Leben in Freiheitzu rea - lisieren. Neun Schüsse aus den Waffen der Grenzsoldaten setzten nicht nur seinem Traum, sondern auch seinem Leben ein Ende.

Es geht weiter auf die Deutsche Märchenstraße, die uns in Richtung Nordwesten, zur Ruine Hanstein führt. Kurz davor, gleich an der kurvigen Straße, liegt der Klausenhof. Geschützt unter mächtigen Laubbäumen lädt der urige Biergarten zur Rast ein. Ritteressen, Wurstmuseum, historische Tafeln oder mittelalterliches Schlaflager – der Klausenhof überrascht mit einem reichhaltigen Angebot. Und wer sich anschließend die Kalorien gleich wieder abarbeiten möchte, macht sich auf die Socken zur Ruine Hanstein den Berg hinauf. Die größte Burgruine Mitteldeutschlands ist auch außerhalb ihres legendären Mittelalterfestes stets einen Besuch wert.

Traumstraßen Deutschlands - Westerwald

Wieder im Sattel folgen wir ein ganzes Stück der Werra, wo die B 80 nicht nur als Deutsche Märchenstraße, sondern auch als Deutsche Fachwerkstraße firmiert. Ruhig und beschaulich, immer mit dem Blick auf dem glitzernden Wasser rauschen wir am Kaufunger Wald vorbei quer durch den Naturpark Münden. Der Hohe Hagen, 508 Meter hoch, dient als Wegmarke in Richtung Bramwald. Hier an der Weser, gleich bei Reinhardshagen, liegt einer der beliebtesten Motorradtreffs der Region. An der Weserfähre trudeln bei schönem Wetter jede Menge Motorradfahrer auf einen Plausch im gemütlichen Gasthaus, im Biergarten oder einfach nur auf den Wiesen am Flussufer ein. Wir bleiben ein bisschen, rollen dann schließlich doch noch auf die Fähre, um uns auf die andere Seite schippern zu lassen. Der Reinhardswald wartet auf uns. Das ideale Terrain für weitere Abstecher.

Über die Straße der Weserrenaissance geht es schließlich nach Hannoversch Münden. Auch wenn es dem Besucher schwerfällt, viele Einwohner nennen ihre Stadt nur noch so, wie sie sich auch schreibt: Hann. Münden. Sich selber bezeichnen sie allerdings als Mündener. Aber egal, wie man es ausspricht, in einem sind sich fast alle Mündener einig: Die südlichste Stadt Niedersachsens ist mit ihren rund 700 Fachwerkhäusern allein im Stadtkern, dem Welfenschloss und dem historischen Rathaus ein Prunkstück. Darüber hinaus hat sie so viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, dass man wohl einige Tage in der Drei-Flüsse-Stadt verbringen könnte, von der der Forschungsreisende Alexander von Humboldt angeblich gesagt haben soll, sie sei »eine der sieben schönstgelegenen Städte der Welt«.

Sie legt sich schwer ins Zeug, die B 496, die Hann. Münden gen Süden verlässt. Ein paar spannende Schwünge hat sie zu bieten, bevor sie dann jenseits der Autobahn A 7 plötzlich zur kleinen Nebenstrecke mutiert. Es ist genau die richtige Strecke, um den Kaufunger Wald zu queren. Kleine Dörfchen stehen Spalier, noch kleinere Weiler liegen rechts und links der Straße. Ländlich ist es hier, Hektik findet woanders statt, und eigentlich tut es uns ja Leid, an dieser Stelle unsere Tour durch das Nordhessische Bergland zu beenden. Schließlich ist die Region groß, und es gibt hier und da immer noch genug zu entde - cken. Aber was soll’s, morgen ist ja auch noch ein Tag.

Traumstraßen Deutschlands - NORDHESSISCHES BERGLAND

Inhalt aus TOURENFAHRER - 8/09


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