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Traumstraßen Deutschlands – Ostfriesland

Gleich hinterm Deich

Oh ja, es geht auch im flachen Land. Serpentinen, Pässe, steile Auf- und Abstiege glänzen im hohen Norden durch Abwesenheit. Dennoch ist Ostfriesland eine Reise wert, und wer genau hinschaut, entdeckt gleich hinterm Deich so manche Traumstraße.
Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands -Ostfriesland

Warum ist Ostfriesland so flach? Ist doch klar, damit die Ostfriesen schon am Mittwoch sehen, wer sie am Wochenende besucht. Ostfriesenwitze, meist sind sie so flach wie das Land selber. Dennoch waren sie in den siebziger Jahren schwer in, und kaum jemand konnte nicht wenigstens drei dieser unsäglichen Kalauer aus dem Ärmel schütteln. Den Küstenbewohnern war es nur recht. Sie gingen gelassen damit um, freuten sich vielmehr über den steigenden Bekanntheitsgrad. Sie wussten schließlich, was ihre Region so zu bieten hat und dass man keine acht Landsleute braucht, um eine Kuh zu melken.

Obwohl, das mit dem flachen Land, da ist schon etwas dran. Platt wie ein Frühstücksbrettchen präsentiert sich uns das Ammerland, die grüne Region rund um Westerstede. Hier, gleich neben der Autobahn A 28 starten wir unsere Expedition durch den äußersten Nordwesten der Republik. Schnell finden wir in der Kreisstadt die Ausschilderung der Grünen Küstenstraße und folgen ihr gen Westen. Für Nicht-Nordlichter gibt es rechts und links des Weges jede Menge zu sehen. Allein die aus rotem Stein oft kunstvoll gemauerten Häuser, Scheunen und Türmchen sind schon Hingucker. Liebevoll gepflegte Gärten huschen an uns vorbei, Baumschulen mit ganzen Plantagen von Rhododendren und Buchsbäumen, dazwischen eingezäunte Wiesen, auf denen entspannt die glücklichen friesischen Kühe grasen – landschaftliche Idylle pur.

Auffallend heute am Sonntagvormittag ist die Dichte der Motorrad fahrenden Fraktion. Das hätten wir hier oben im Norden gar nicht so erwartet. Ist aber trotzdem kein Wunder, gleich hinter Großoldendorf findet sich der angesagteste Motorradtreff der Region, das Waldhaus Hollsand oder liebevoll Eilis Bikertreff genannt. Mindestens dreißig, vierzig Moppeds stehen hier herum, die Besatzungen genießen gerade auf der gemütlichen Terrasse ihr Frühstück. Leckerer hausgemachter Kuchen ist die Spezialität, es gibt aber auch jede Menge andere Köstlichkeiten. Uns lockt der frische Kaffee, den wir uns nicht entgehen lassen wollen. Zudem steht hier so manches sehenswerte Motorrad herum, und für ein Schwätzchen unter Gleichgesinnten nehmen wir uns immer ein bisschen Zeit.

Ein paar schmale Nebenstrecken und ein kurzes Stück der Deutschen Fehnroute führen uns weiter nach Leer. Fehnroute, das hat nichts mit den elfengleichen Gestalten aus dem Märchen zu tun. Fehn ist die niederländische Bezeichnung für Moor, und so dreht sich hier auch alles um Moorkultivierung und Fehnbesiedlung. Und längst sind die Routen durch die flache Landschaft nicht so arm an Kurven, wie wir dachten. So mancher Schlenker fordert sogar die Bodenfreiheit unserer BMW heraus. Leer, die quirlige Seehafen-Stadt, gilt als das Einkaufsparadies Ostfrieslands. Inmitten der schönen Altstadt und des Zentrums lässt sich herrlich bummeln und shoppen. Wir wollen aber Motorrad fahren, drehen nur eine kurze Runde durch ein paar schmale, urige Gassen, dann lassen wir die drittgrößte Stadt Ostfrieslands hinter uns und halten auf die Ems zu.

»Ostfriesland ist ein schönes Land, wie die Schweiz und Österreich. Denk dir nur einmal die Alpen weg, was da bleibt, das ist mein Deich!« Dieses schöne Beispiel wertvoller deutscher Dichtkunst stammt, wie sollte es anders sein, von Otto dem Ostfriesen. Gut, ich gebe zu, kein echtes literarisches Meisterwerk, aber irgendwie passt es. Stimmt, natürlich erwarten uns hier keine Serpentinen, keine Pässe undauch keine nicht enden wollenden Kurvenorgien. Aber die Fahrt gleich hinterm Deich hat auch etwas. Und so genießen wir entspannt die Reise zwischen dem scheinbar unendlichen Grün des Moormeerlands und dem mit wolligen Schafen gespickten Damm, der ganz Ostfriesland vor den Unbillen der Nordsee schützt. Bis Emden folgen wir den sanften Schwüngen des Asphalts, lassen reetgedeckte Häuser und grasende Kühe an uns vorbeihuschen.

Nur drei, vier Kilometer hinter Emden biege ich von der B 210 ab und steuere die Kirche von Suurhusen an. Sie ist bestens ausgeschildert. Kein Wunder, hat sie doch etwas Besondereszu bieten, den berühmten Schiefen Turm von Suurhusen. Wer bisher glaubte, Pisas Turm sei schon besonders schräg, der wird hier eines Besseren belehrt. Satte 5,19 Grad hängt der Turm vom Kirchenschiff ab, der absolute Weltrekord. Einst auf Eichenstämmen erbaut, stand der gut 27 Meter hohe Turm kerzengerade. Bis man dann auf die Idee kam, das Grundwasser abzusenken. An dasHolz kam Luft, und es verfaulte. Es kann einem schon schwindelig werden in dem schrägen Gemäuer.

Es geht wieder auf die Grüne Küstenstraße und quer durch das Krummhörn bis an die Grenze des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Bei Greetsiel erreichen wir die Küste. Der kleine Hafent an der Leybucht gilt als der schönste unter den Küstenorten Ostfrieslands. Hier konnte sich das alte Stadtbild bewahren, die beiden Zwillingswindmühlen, eine davon über 300 Jahre alt, heißen Besucher willkommen, und im Hafen dümpeln auch heute noch über zwanzig Krabbenkutter. Das alte Siel von 1798, das ist ein verschließbarer Wasserdurchlass im Deich, die historischen roten Backsteinbauten, Schöpfwerk und Leuchtturm, das alles sind nur einige der vielen Sehenswürdigkeiten, die einen Besuch Greetsiels zum echten Muss machen. Das alte Zentrum ist zwar für den motorisierten Besucherverkehr gesperrt, aber den großen Besucherparkplatz kann man mit dem Motorrad links liegen lassen. Gleich bei den Einfahrten finden sich genügend Parklücken fürs Zweirad.

Immer an der Küste lang geht es weiter, mal mehr, mal weniger nah am Wasser. In Norddeich, wo die Fähre zur Insel Norderney ablegt, gönnen wir uns leckere frische Matjesbrötchen und sehen der Fähre beim An- und Ablegen zu. Viele Touristen nutzen die Gelegenheit, mal für einen Tag in See zu stechen. In umgekehrter Richtung, ins Landesinnere, gelangt man von hier nach Halbemond. Für Motorsportfans ein echtes Mekka. Hier steht das größte reine Motorrad-Speedway-Stadion Europas. Die Rennstrecke gehört zu den schnellsten Speedway-Kursen der Welt. Lokalmatador Egon Müller schaffte es hier im September 1983 als erster und bisher einziger Deutscher, einen Speedway-Weltmeistertitel in die Republik zu holen.

Traumstraßen Deutschlands - Ostfriesland

Bis Neuharlingersiel bleiben wir der Küstenlinie treu, schauen ab und an mal über den Deich und den Schafen beim Grasen zu. Dann geht es wieder ins Hinterland, durch unendliches Grün. Ich steuere Jever an. Jever, klar, das kennt jeder. Friesisch herb, wie das Land, so das Jever. Seit 1848 wird im Friesischen Brauhaus zu Jever Pils gebraut. Aber nicht nur Brauerei und Biermuseum locken mit Besichtigungstouren, auch Jever selber mit seiner historischen Altstadt und dem Schloss ist einen Besuchwert. Aber Vorsicht, es kann anstrengend werden. Jever liegt auf einem Sandrücken, der sich sage und schreibe siebenbis acht Meter über die Region erhebt – beinahe alpine Verhältnisse.

Ativ nichts zu sehen in dem kleinen Nest, also weiter gen Süden und mitten hinein in die Moorlandschaft. Marcardsmoor, Legener Meer, zahlreiche Kanäle und kleine Tümpel zeugen von dem ungeheuren Wasserreichtum der Region. Durch Dutzende glitzernde Wasserflächen arbeiten wir uns wieder in Richtung Ammerland vor. Barßel, das kleine Städtchen mit seinem Moor- und Fehnmuseum wartet auf uns. Das Flüsschen Aue umfließt den Ortskern, und neben seiner ansehnlichen Windmühle und dem Elisabethfehnkanal ist natürlich das Fehnmuseum ein Publikumsmagnet. Schon mal im Moortretbecken gewandelt? Fühlt sich urig an. Schon mal in einem Haus ganz aus Torf gewesen? Riecht ziemlich aromatisch. Diese und noch viele weitere Sinneseindrücke und einen interessanten Einblick in die Geschichte der Region gibt es für kleines Geld im Torfmuseum.

Und zur Belohnung für so viel Kultur wird dann ein kleines fahrerisches Highlight gereicht. Von Barßel bis nach Nordedewecht sind mal wieder Schräglagen angesagt. Ostfriesische Schräglagen halt, aber dennoch, sie machen richtig Spaß, und vom Straßenrand winken die Windmühlen. Die stehen dann auch für die letzte Etappe Spalier. Rechts und links des Asphalts bei Ohrwege. Hier geht es nach Bad Zwischenahn. Ein kleines, gemütliches Kurstädtchen. Idyllisch gelegen, gleich am Zwischenahner Meer. Das Meer ist mehr See als Meer, aber es lädt zum Baden ein, und auf dem Gewässer verkehren auch einige Ausflugsschiffe. Also, wer Lust auf eine kleine Kreuzfahrt hat, kann sich gemütlich auf Deck ausstrecken und die Landschaft und die Reise genießen. Kaffee und Ausblick gibt es aber auch am Seeufer und dazu gleich noch ein Heimatmuseum »für umsonst«. Rund um die Parkplätze am See sind zahlreiche alte Gebäude, Scheunen und eine Mühle zu besichtigen.

Für uns genau der richtige Platz, unsere Tour durch das flache Land ausklingen zu lassen, die wir heute morgen nur wenige Kilometer entfernt von hier starteten. Apropos flach – und dann war da noch der Ostfriese, der ein Paar Wasserski geschenkt bekam. Seitdem ist er auf der Suche nach einem abschüssigen See.

Traumstraßen Deutschlands - Ostfriesland

Inhalt aus TOURENFAHRER - 9/09


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