Traumstraßen Deutschlands – Allgäu

Wie im Bilderbuch

Sattgrüne Wiesen und ansehnliche Dörfer vor den hoch aufragenden Gipfeln der Alpen – wer das typische Bayern- Bild sucht, wird im Allgäu ganz sicher fündig. Kein Wunder, dass hier der Motorradfahrer besonders auf seine Kosten kommt. Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Allgäu

Die Sieben war schon immer eine magische Zahl. Ob die sieben Todsünden, die sieben Tugenden, die sieben Weltwunder oder einfach nur die sieben Zwerge, die Sieben ist eben etwas Besonderes. Schön, wenn man seine sieben Sinne beisammen hat. Und im siebten Himmel wird sich fühlen, wer als Einstieg in das Allgäu die sieben Kehren der B 308 befährt. Eben gleiten wir noch träge vom Bodensee kommend über gemächlichen Asphalt, da warnt das erste Verkehrsschild vor scharfen Kurven, und schon fällt der Blick auf das nächste Schild, das die Aufschrift »Kehre 7« trägt. Sieben Kehren, dazwischen ein paar angedeutete Richtungswechsel zur Auflockerung und ein paar Kurven zum Warmwerden – ein netter Empfang für Motorradfahrer, den das Allgäu da bietet.

Und so wie uns diese gastliche Region an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern empfängt, so geht es auch weiter. Zwar sind die Kurven nicht mehr ganz so zackig, aber fürs Fußrastenkratzen sind sie allemal noch gut. Und dazwischen weiten sich Panoramen, wie es sie nur in der Allgäuer Voralpenlandschaft gibt. Satte, grüne Berge, gespickt mit kleinen Dörfern, rot gedeckten Höfen und dichten, dunkelgrünen Wäldchen. In die Nase steigt der Duft von frisch gemähten Wiesen, und in den Ohren klingen die Glocken der Kühe. Wie war das noch mal mit den sieben Sinnen?

Entspannt kreuzen wir entlang der Deutschen Alpenstraße, vorbei an Linden- und Sommerberg, an Oberreute und an Oberstaufen. Immenstadt im Allgäu lockt, den Zündschlüssel einmal auf »Off« zu drehen, spätestens aber wenn wenig später der Große Alpsee erreicht ist, sollte man es tun. Mitten in den ersten Kurven am Ufer liegt auf der linken Seite ein kleiner, unauffälliger Parkplatz, von dem aus sich der schönste Ausblick auf das glitzernde Segel- und Surfrevier präsentiert. Weiter geht es entlang der Unteren Argen. Das Flüsschen gibt den Lauf der Straße vor, und es macht seine Sache gut. Aber eigentlich ist es ganz egal, welches Stück Asphalt man im Dreieck zwischen Isny, Lindenberg und Immenstadt befährt – die Straßen hier inmitten der Landschaftsidylle sind alles andere als auf notorische Geradeausfahrer zugeschnitten, und meist hat man den Weg ganz für sich allein.

An der Oberen Argen kurven wir in großem Halbkreis um den Eistobel herum. Tobel, so nennen sich die meist dicht bewaldeten engen Schluchten des Allgäus, und der Eistobel zwischen dem Örtchen Schüttentobel und der Eistobelbrücke ist einer der schönsten. Wer nicht fußfaul ist, lässt das Bike an der Eistobelbrücke stehen und steigt via Wanderweg in die faszinierende Schlucht mit ihren unzähligen Wasserfällen und Stromschnellen hinab – es lohnt sich.

Wir kurven weiter, drehen eine Runde durch Isny und finden uns schließlich an der nächsten Argen wieder. Diesmal ist es die Wengener Argen, die für den gewundenen Lauf der Straße zu Füßen des 1118 Meter hohen Schwarzen Grat verantwortlich ist. Wer nicht spätestens hier zum Allgäu-Fan wird, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen. Als seien sie extra für die Zweiradfraktion angelegt, winden sich die Landstraßen hier durch eine Bilderbuch- Landschaft. Fahrspaß garantiert. Dafür hat selbst der Linienbusfahrer Verständnis, der an der nächsten Abzweigung hält, nur um uns überholen zu lassen. Die wenigen Autos zwischendurch sind schnell überholt, und die Hinterlassenschaften der Allgäuer Kühe auf dem Teer dienen als willkommene Pylonen für knusprige Schräglagen.

Kempten im Allgäu ist eine der ältesten Städte Deutschlands und quasi die Metropole des Allgäus. Das Kornhaus mit dem Allgäu-Museum, die Basilika, Stifts- und Hildegardsplatz, die Residenz oder einfach nur die einladenden Ufer der Iller, es gibt eine Menge lohnender Ziele in der Hoch schulstadt. Aber irgendwie zieht es uns dann doch wieder hinaus ins Grüne, in die weite Landschaft.

Die lässt auch nicht lange auf sich warten. Höfe und Weiler bleiben rechts und links der Straße liegen, unter kreisenden Greifvögeln hindurch, vorbei an grasenden Pferden folge ich den Schildern nach Kaufbeuren. Je weiter wir in den Nordosten des Allgäus kommen, umso flacher wird das Land. Wobei man »flach« nicht falsch verstehen darf. Mit der Norddeutschen Tiefebene hat auch der flache Teil des Allgäus nichts gemein. Immer noch windet sich die Strecke wie ein Lindwurm durchs Land, umkurvt bucklige Hügel und schmiegt sich an rauschende Bäche.

Der Sachsenrieder Rotwald ist die Wendemarke in Richtung Süden. Mit seinen über 8000 Hek tar ist das Waldgebiet eines der größten in Oberbayern. Die dichten, kühlen Rotfichtenbestände sind der ideale Unterschlupf für unzählige Wild- und Waldtiere. Irgendwie habe ich beim Durchfahren dieser Forste immer eine besonders bremsbereite Hand am Lenker. Es wäre nicht das erste Mal, dass auch am helllichten Tag ein kapitaler Bock mal eben die Straßenseite wechseln möchte. Scheinbar endlos reiht sich Baum an Baum. Der Schriftsteller Ludwig Ganghofer verbrachte hier einen großen Teil seiner Kindheit. Kein Wunder, dass der Heimatdichter so oft vom Deutschen Wald schwärmte.

Traumstraßen Deutschlands

Dann lichtet sich der dichte Bewuchs, mehr und mehr meldet sich wieder die Sonne zur Stelle, und bald erreichen wir das Ufer des Lech, folgen seinem Lauf und stranden schließlich am Forggensee, dem Freizeitsee der Region. Überhaupt mangelt es in der Füssener Ecke nicht an Freizeitmöglichkeiten, und nicht zuletzt wachsen hier die beiden Traumschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein in den Himmel. Aber auch hier heißt es für uns: Wir wollen fahren. Auf der schnellen B 16 geht es weiter gen Süden, und statt eines Bootes lassen wir eben nur die Blicke über den See schweifen.

Ein kleiner Schlenker lässt uns den Hopfensee umrunden, und schon finden wir uns auf der Deutschen Alpenstraße wieder. Vorbei am Grüntensee wechseln wir auf die B 310 und sind dem nächsten Allgäu-Highlight auf der Spur – der Jochstraße, die entlang der deutsch-österreichischen Grenze gen Süden führt. Und bloß nicht den Aussichtspunkt »Kanzel« oben zu Beginn der Jochstraße verpassen. Der Blick hinunter ins Tal ist atemberaubend. Und wer ein Faible für Kitsch hat, wird am Angebot des hiesigen Kiosks seine Freude haben: Tirolerhüte, Murmeltiere aus Plüsch, Plastikkühe und vieles mehr.

 

 

Angeblich sollen es 106 Kurven sein, die auf den 300 Höhenmetern hinab nach Bad Hindelang in die Tiefe führen. Wir haben uns das Nachzählen gespart, garantieren also dafür nicht. Für den Fahrspaß allerdings, da gibt es eine definitive Garantie auf der Straße, die keine Geraden kennt. Nach den »Drei Linden« noch zwei, drei Kurven, dann beruhigt sich die Streckenführung langsam, und es geht geruhsamer weiter. In Bad Hindelang kommen wir mit einem Einheimischen ins Gespräch, der uns von den geschichtsträchtigen Motorsportrennen auf der Jochstraße erzählt. Schon seit 1923 wird dort um Sekunden gerungen. Besonders die Motorradrennen in den ersten Jahren sollen spannend gewesen sein, war der Pass doch noch weitgehend ungeteert und von Schlaglöchern übersät. Übrigens, beim allerersten Motorradrennen 1923 fuhr unter 80 Teilnehmern die zur Münchner Motoren- Dynastie gehörende Ada Otto die schnellste Zeit. Noch heute werden regelmäßig die Jochpass-Oldtimer-Memorials ausgefahren.

Die B 308 bringt uns schließlich nach Sonthofen. Eigentlich ist es von hier ein Katzensprung, um in Immenstadt unsere Runde zu vollenden. Doch einen kleinen Abstecher haben wir noch anzubieten. Wer von Sonthofen den Südwesten ansteuert, den Schildern nach Ofterschwang folgt, der kann noch einmal mit allen Sinnen genießen. Schmale Landstraßen streben in die Höhe, mäandern quer durch Wiesen und Weiden. Links geht der Blick hinunter ins Tal der Iller. Hinter Obermaiselstein wartet ein Felsdurchbruch, in dessen Nähe die Sturmannshöhle liegt. Sie ist die einzige begehbare Höhle des Allgäus und führt rund 300 Meter in die Tiefe. Wer die Kondition für 180 Stufen mitbringt, sollte sich das nicht entgehen lassen. Aber Vorsicht: Jacke anlassen! Frische vier Grad herrschen das ganze Jahr über dort unten.

Oberstdorf entlässt uns schließlich noch ein kleines Stückchen mehr in den Süden, bis in die Spielmannsau am Ende des Trettachtales. Diese Sackgasse lohnt sich allein schon wegen des unvergleichlichen Blicks auf die umgebenden, bis auf runde 2600 Meter anwachsenden Berge. Dann heißt es umkehren, wir vertrauen uns dem Flusslauf der Iller an und landen schließlich wieder in Immenstadt. Ende für heute! Was morgen auf dem Programm steht? Vielleicht ein Trip hinüber zu unseren österreichischen Nachbarn, ein Ausflug an den Bodensee oder einfach nur ein Badetag an einem der unzähligen Allgäuer Seen. Denn auch rund ums Allgäu hört der siebte Himmel noch lange nicht auf.

Traumstraßen Deutschlands
TOURENFAHRER November 2009

Inhalt aus TOURENFAHRER - 11/09


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