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Traumstraßen Deutschlands – Pfaffenwinkel

KEHREN, KLÖSTER, KILOMETER

Glitzernde Seen, verlockende Klosterschänken, reizvolle Routen – der südbayerische Pfaffenwinkel ist nicht nur ein Ziel für Fromme, auch die weltlichen Genüsse kommen im Land zwischen Lech und Loisach nicht zu kurz. Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Pfaffenwinkel

»Eine Gegend vor dem Gebirg, die mehr als andere mit Klöstern ersten Ranges gesegnet ist.« Der Raistinger Dorfpfarrer Franz Sales Gailer tat diesen Spruch im Jahr 1756. Er beschrieb damit das herrliche Fleckchen Erde zwischen Lech und Loisach, zwischen Ammergebirge und Augsburg. Und weil es ebendort so viele sakrale Bauten gab, in denen Heerscharen von Geistlichen ihren frommen Dienst verrichteten, nannte er das Land »Pfaffenwinkel«. Aber es sind nicht die unzähligen christlichen Bauwerke, die uns in das Land der Kirchen, Klöster und Kapellen locken, sondern die idyllische Hügellandschaft mit ihren kurven- und aussichtsreichen Nebenstrecken, auf denen es sich vortrefflich Motorrad fahren lässt.

Landsberg am Lech, das »bayerische Rothenburg«, die mittelalterliche Stadt am Ufer des wild schäumenden Lech, entlässt uns am frühen Morgen auf unserer BMW. Ausgeschildert als »Radroute Romantische Straße« führt der schmale Asphalt gen Süden. Zwischen den morgendlichen Nebelschwaden ist weit und breit kein Radler erkennbar, wir sind ganz alleine unterwegs. Nur ein paar Krähen lassen laut protestierend die Überreste eines Igels im Stich, den sein Schicksal unter irgendeinem Autoreifen ereilt hat. Sanft gewellt ist das Land, gerade richtig, um die Reifen langsam anzuwärmen und die Blicke über die Landschaft streifen zu lassen.

Landsberg am Lech, das »bayerische Rothenburg«, die mittelalterliche Stadt am Ufer des wild schäumenden Lech, entlässt uns am frühen Morgen auf unserer BMW. Ausgeschildert als »Radroute Romantische Straße « führt der schmale Asphalt gen Süden. Zwischen den morgendlichen Nebelschwaden ist weit und breit kein Radler erkennbar, wir sind ganz alleine unterwegs. Nur ein paar Krähen lassen laut protestierend die Überreste eines Igels im Stich, den sein Schicksal unter irgendeinem Autoreifen ereilt hat. Sanft gewellt ist das Land, gerade richtig, um die Reifen langsam anzuwärmen und die Blicke über die Landschaft streifen zu lassen.

Nur wenige Minuten sind wir unterwegs, da huscht schon das achte oder neunte Gotteshaus an uns vorbei. »Pfaffenwinkel«, klar, wie es schon der Name sagt. »Zur Schmerzhaften Maria« heißt die Kirche in Vilgertshofen, die wir soeben passieren. Dass mir in diesem Zusammenhang die Seriensitzbank unserer GS einfällt, möge man mir bitte verzeihen. Gleich hinter Issing wechseln wir auf breiteren Teer. Das bedeutet auch mehr Gas, und bis Wessobrunn sind dann auch die Flanken unserer Reifen ordentlich auf Betriebstemperatur gebracht.
Im Wessobrunner Kloster, einem Ruhepol unter sanft rauschendem Blattwerk, wurde einst das »Wessobrunner Gebet« entdeckt, das älteste erhaltene Dokument in althochdeutscher Sprache. Die Schrift entstand um das Jahr 814 und sollte wohl die heidnischen Sachsen auf ihre Taufe vorbereiten. Die Rockband »In Extremo« machte aus dem Text einen ihrer erfolgreichen Songs – so ändern sich die Zeiten.

In Zellsee, am gleichnamigen Gewässer, setze ich den Blinker rechts. Vor uns biegt ein Auto mit einem überlangen Anhänger ab, dessen Fahrer mir auf der engen Straße zwischen den Wiesen gleich Platz zum Überholen macht – ein feiner Zug. Er ist auf dem Weg zu einem der beiden Segelflugplätze nur wenige Kilometer weiter, auf denen schon am frühen Vormittag reger Betrieb herrscht. Unser Ziel liegt aber noch ein paar Minuten weiter und gilt als der angesagteste Moppedtreff des ganzen Pfaffenwinkels. Allein die Anfahrt auf den 988 Meter hohen Gipfel des Hohen Peißenbergs lohnt schon die ganze Tour. Enorm weit fällt der Blick auf das umgebende Bergland, und ganz oben, beim Terrassen-Café »Bayerischer Rigi«, präsentiert sich der angeblich schönste Panoramablick Bayerns. Wir sind geneigt, das durchaus zu glauben. Zwar treffen wir jetzt unter der Woche nur auf zwei motorisierte Gesinnungsgenossen, aber Artur, der ortskundige Aprilia-Fahrer, versichert uns, dass sich feiertags bei schönem Wetter schon mal locker weit über hundert Motorradfahrer auf dem Gipfel einfinden.

In Richtung Norden stürzen wir uns den Berg wieder hinunter und schlagen in einem großen Bogen über Sankt Leonhard den Weg nach Schongau ein. Kleine Höfe, überschaubare Weiler, viel Grün und noch mehr Kühe geleiten uns in die historische Stadt auf dem Lechberg. Die fast vollständig erhaltene Stadtmauer beschützt noch heute die uralten Bauwerke der Altstadt – genau der richtige Ort, um es sich inmitten alter Gemäuer im Straßencafé gemütlich zu machen und seine Blicke über Mensch und Markt schweifen zu lassen. Übrigens, der einst so wichtige Handelsplatz hat auch heute noch eine Menge zu bieten. Bekannt und beliebt sind unter anderem die Stadtführungen »Mit der Henkerstochter durch das mittelalterliche Schongau«, bei denen man Spannendes über Henker, Hexen und Historie erfährt.

Doch was heute eher eine Gaudi ist, war früher alles andere als lustig – was hier leider viele Menschen am eigenen Leib erfahren mussten. So wurden allein im größten bayerischen Hexenprozess in Schongau um 1590 herum 63 Frauen hingerichtet. Zum Tod auf dem Scheiterhaufen reichten schon ein neidischer Nachbar, feuerrote Haare oder ein paar nette Worte zur eigenen Katze.

Immer näher kommen wir den Gipfeln des Ammergebirges. Die B 23, die mit Aussichtspunkten gespickte Landstraße, führt uns über Rottenbuch ins immer bergigere Land und über die Echelsbacher Brücke, die in 76 Metern Höhe über dem Ammertal schwebt. Schon 1929 fertiggestellt, war sie mit gewaltigen 130 Metern Bogenspannweite die weitgespannteste Bogenbrücke der Welt. 87.000 Nieten halten das Bauwerk bis heute zusammen.

Bad Bayersoien und Bad Kohlgrub, die beiden Kurorte an der Romantischen Straße, bedienen eher das Ruhe suchende und ältere Semester. Wir haben dafür gleich das Städtchen Murnau ins Herz geschlossen. Direkt am Ufer des Staffelsees gelegen, lockt Murnau mit seinem Schloss und dem Museum zur Kunst- und Regionalgeschichte, seinem schönen Stadtbild und dem fantastischen Blick auf die umliegenden Walchenseeberge und die Ammergauer Alpen. Die Künstler des »Blauen Reiters« fanden in und um Murnau zahlreiche ihrer faszinierenden Motive.

Traumstraßen Deutschlands

Ein bisschen flotter geht es weiter entlang der breiten B 2. Zwischen Riedsee und Staffelsee hindurch geleitet sie uns ein kurzes Stück nach Norden, dann schwenke ich nach Westen, bis Habach. Unser Ziel ist der Starnberger See. Zwar könnte man ihn von hier aus auch direkt erreichen, aber mit einem Umweg über die kleinen Nebenstrecken im Südosten von Weilheim macht es einfach mehr Spaß. Ob sich noch ein Besuch in der Kreisstadt einschieben lässt, muss jeder für sich selber entscheiden. Mit seiner netten Fußgängerzone und dem einladenden Marienplatz ist das Mittelzentrum jedenfalls durchaus einen Besuch wert.

Wir entscheiden uns lieber fürs Fahren und gelangen nach einer ordentlichen Portion Kurvenschwünge dann doch irgendwann an das Seeufer bei Seeshaupt. Nicht immer führt die Straße über Bernried und Tutzing direkt am See entlang. Oft fällt nur der Blick zwischen Bäumen hindurch oder an mondänen Wasservillen vorbei auf das glitzernde Nass. Aber oft genug bietet sich auch eine Gelegenheit, die warmen Motorradfahrer-Füße ins kühlende Wasser zu strecken. Wenn es dabei, so wie in Tutzing, auch noch eine verlockende Terrasse mit freundlicher Bedienung gibt, ist es umso besser.

Und wer mal einfach das Motorrad stehen lassen möchte und dennoch einen schönen Blick auf die Region genießen mag, der kann in Bernried, Tutzing oder Feldafing auch auf die komfortablen Boote der Bayerischen Seen- Schifffahrt umsteigen. Die gleiten kreuz und quer durch das fünftgrößte Gewässer der Republik und locken sogar mit Bruchfahrt oder historischer Rundfahrt auf königlichen Spuren. Man sollte jedoch darauf achten, dass man nicht das Schicksal des sagenhaften Märchenkönigs Ludwig II. teilt. Der ist bekanntlich am 13. Juni 1886 auf mysteriöse Weise im Starnberger See ums Leben gekommen. Ob Selbstmord oder nicht, es wird wohl nie mehr geklärt werden können.

Jetzt geht’s vom See zum See. Den Starnberger im Rücken halte ich auf den Ammersee zu. Das ist relativ einfach. Man muss nur der Beschilderung in Richtung des Kloster Andechs folgen. Das liegt hoch über dem Ammersee, auf dem Heiligen Berg. Und weniger das Sakrale oder die Ruhe und Beschaulichkeit eines Klosters sind es, wonach das ganze Jahr über Tausenden von Touristen gelüstet. Nein, die rein weltlichen Gelüste locken – in die Klosterschänke. Urkundlich nachgewiesen wird hier seit 1455 Bier gebraut. Und nicht irgendein Bier, sondern Vollbier, Spezial Hell, Bergbock Hell, Export Dunkel sowie helles und dunkles Weißbier. Und jedes davon ist ein Genuss. Ausgeschenkt werden sie im Bräustüberl und im Klostergasthof. Schade, dass wir noch fahren müssen, aber das »flüssige Brot« gibt es ja auch rundum in den Gaststätten und Unterkünften. Schließlich verlassen jährlich rund hunderttausend Hektoliter Andechser die Brauerei. Außerdem ist in unseren Boxen ja noch ein wenig Platz, und Flaschen zum Mitnehmen gibt’s in den Läden ringsum allemal.

Entlang des Ostufers streifen wir am Ammersee entlang. Von der Straße aus präsentieren sich herrliche Ausblicke weit über die Wasserfläche. Wäre das Wasser um diese Jahreszeit nicht ein wenig zu frisch, wir blieben glatt zu einem Badespaß im Strandbad. Gleich fünf davon gibt es am südlichen Seeende. Überhaupt ist der Ammersee das Gewässer für Wassersportfreunde. In Dießen liegt eine der größten und traditionsreichsten Binnen-Segelschulen Deutschlands. Wer mag, kann sich hier auch gleich ein Segelboot leihen und in See stechen. Natürlich geht es auch etwas profaner mit dem Tretboot.

Unsere letzten Kilometer durch den Pfaffenwinkel wollen sich noch mal besonders kurzweilig präsentieren. Vor Utting steigt die Straße vom Seeufer auf, führt an der Kittenalm vorbei, und mit einem letzten kleinen Schwenker zum See geht es dann wieder in Richtung Landsberg – Start und Ende einer Traumstraße quer durch das Land der Kirchen, Klöster und Kapellen.

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