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Traumstraßen Deutschlands – Werdenfelser Land

ES SPITZT SICH ZU

Wetterstein, Karwendel und Zugspitze wachen über das Werdenfelser Land – eine fantastische Landschaft, die von der letzten Eiszeit aus dem Fels geformt wurde. Den Traumstraßen, die kreuz und quer hindurchführen, folgten Angelika und Michael Engelke. Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Werdenfelser Land

Spannende Schwertkämpfe, Ritter, die mit wilden Schlachtrufen ihre Streitrösser durch wogende Heere lenken, todesmutige Männer, die über lange, kippelige Leitern scheinbar unbezwingbare Festungsmauern erklimmen oder sich an langen Seilen im Pfeilhagel steile Felswände hinaufkämpfen. So stellt man sich die Geschichte einer Burgruine vor. Mächtiges Bollwerk, das stolz dem Ansturm des Feindes trotzt. Die Burg Werdenfels erlebte nichts von alledem. Im Gegenteil, für läppische 4800 Liter Wein und 20 Pfund Münchner Pfennige verschacherte Graf Berthold III. von Eschenlohe die Feste an das Hochstift Freisung bald nach ihrem Bau, und fortan hockten lediglich Verwalter und Richter zwischen den dicken Mauern. War ja auch mehr Schau als Bau, denn mit den wenig armierten Mauern hätte die Werdenfels wohl nie einen ernsthaften Angriff abwehren können. Als historische Stätte eher unauffällig, machte sie sich dafür als Namensgeber einer ganzen Region unsterblich. Das Werdenfelser Land, zwischen dem Pfaffenwinkel und der österreichischen Grenze gelegen, ist gespickt mit Bergen wie dem Ammergebirge, dem Ester- oder dem Wettersteingebirge. Dazwischen liegen glitzernde Berg- und Stauseen und fantastische Täler. Das klingt nicht nur nach Motorradland, das ist es auch.

Nur wenige Kilometer südlich der Ruine Werdenfels liegt Garmisch- Partenkirchen, das kulturelle Zentrum des Werdenfelser Landes. Die Marktgemeinde ist nicht nur ein viel gefragter Wintersportort, hier ist auch im Sommer eine Menge los. Zudem ist sie das ideale Basislager für Touren durchs Land. Unsere Erkundungstour ab Garmisch führt uns als Erstes über die Deutsche Alpenstraße gen Osten, in Richtung Mittenwald. Idyllisch zwischen Karwendel- und Wettersteingebirge gelegen, besticht der oberbayerische Markt gleich durch sein herrliches Stadtbild. Die romantischen Hausfassaden, oft verziert mit riesigen Lüftlmalereien, geleiten uns bis an die Isar, die sich hier ihr Tal zwischen die mächtigen Zweitausender geraspelt hat. In Wallgau wollen wir weiter der Deutschen Alpenstraße folgen. Zweimal rolle ich an der Abzweigung vorbei, entdecke erst im dritten Anlauf die schmale Einmündung Richtung Vorderriß. Vor uns schleicht ein Unimog durch die schmale Gasse, seine Rückspiegel berühren auf beiden Seiten das üppige Grün. Aber nur ein paar Meter, dann hat der Brummifahrer Mitleid und lässt uns bei der ersten Ausweiche passieren. Gerade rechtzeitig vor der Mautstelle. Schlappe drei Euro kostet der Tageserlaubnisschein, wie das Ticket auf Amtsdeutsch heißt. Damit dürfen wir der Vorderriß-Straße weiter folgen.

Gut investiertes Geld, die Route macht einfach Laune. Rechts unter uns plätschert die noch junge Isar, reflektiert die Sonnenstrahlen auf die Felswände des Mitterbergs und der Falkenwand. Einladende Picknickplätze bieten tolle Ausblicke über das Tal. Wir warten mit unserer Pause bis zum Sylvenstein-Stausee. Der hoch gelegene Aussichtspunkt gleich an der Staumauer protzt mit einem fantastischen Panorama über das Gewässer, das seit 1959 den Hochwasserschutz für das Isartal sichert. Auch wenn viele Anwohner seitdem etwas ruhiger schlafen können, ökologisch ist der Bau umstritten. Die Schotterbänke des Isartals, früher durch die Fluten oft umgelagert und neu sortiert, beherbergen eine ganz eigene Flora und Fauna, die den nun vordringenden Wald- und Grünbeständen zum Opfer fällt.

Nun heißt es, am See scharf rechts abzubiegen und dann den Schildern in Richtung Achenpass zu folgen, immer entlang der B 307. Die ist hier ein kleines Unikum, für ein kurzes Stückchen, rund 1000 Meter, verläuft sie über österreichischen Boden. Achenpass, das klingt irgendwie nach spektakulärem Verlauf, nach Motorradtreff und Gipfelhütte. Klingt aber nur so. Nett und beschaulich ist es hier, keine Frage, aber wäre das kleine Schild nicht gewesen – »Achenpass 941 m über N. N.« –, wir hätten ihn nicht erkannt. Macht aber gar nichts, Fahrpaß gibt es hier trotzdem. Jenseits des Passes geht es wieder leicht bergab. In ruhigen, sanften Schwüngen führt uns die Deutsche Alpenstraße nach Rottach- Egern. Rottach, das ist sozusagen das Tor zum Tegernsee. Wer hier ankommt, hat die Qual der Wahl. Soll es rechts- oder linksherum um den See gehen? Wir entscheiden uns für links, dort liegt Bad Wiessee, wo mehr als ein Straßencafé zur Rast lockt.

Das bildschöne Bad Tölz mit seiner Marktstraße, seinen alten Bauwerken und den prachtvollen Fassadenmalereien führt uns wieder in südliche Richtung. Hier beginnt der Isarwinkel, das langgestreckte Tal, welches am Sylvensteinstausee wieder ausläuft – am kleinen Örtchen Fall. Dem setzte einst Ludwig Ganghofer mit seinem Heimatroman »Der Jäger von Fall« ein literarisches Denkmal. Ich biege aber vorher ab. Gleich hinter Lenggries, wo die Jachenau sich nach Westen öffnet. Ebenfalls ein lang ausgedehntes, idyllisches Tal, das von seinen Bewohnern gerne auch »Das Sonnental« genannt wird. Dessen schönster Teil beginnt direkt hinter dem gleichnamigen Örtchen Jachen - au, wo die Berge rechts und links bis knapp 1600 Meter in den Himmel ragen. Erst der laute Ruf der besten Sozia der Welt holt mich schlagartig in die Realität zurück. Um ein Haar wäre ich an der Mautstelle vorbeigerauscht. Kein Wunder, nur eine kleine Holzhütte, besetzt mit einem leicht phlegmatischen Vollbartträger, weist auf die Zahlungspflicht hin. Wieder wechseln drei Euro den Besitzer, und schon geht es über die schmale Teerstraße in Richtung Walchensee, dem Estergebirge entgegen.

Mit reichlich Freibädern ist der Walchensee ein echtes Badeparadies. Im Hochsommer sicher eine willkommene Abwechslung auf der Tour, jetzt ist es aber doch ein wenig frisch zum Plantschen. Also bleiben wir im Sattel unserer GS, umkreisen die südliche Hälfte des Sees und gelangen nach ein paar Minuten und einem kurzen Tunnel auf die absolute Motorrad-Traumetappe der Region – die Kesselbergstraße. Viele heimische Zweiradpiloten aus dem Werdenfelser Land bezeichnen ihre Hausstrecke als eine der schönsten Motorradstrecken Deutschlands. Das hatte in der Vergangenheit natürlich Folgen. Der eine oder andere übertrieb es heftig, es gab reichlich Unfälle, die nicht alle nur mit Blechschäden ausgingen. Logische Konsequenz: Stre - ckensperrung. Zum Glück nur in eine Richtung und auch nur am Wochenende und an Feiertagen. In Süd-Nord- Richtung ist die Fahrt unter der Woche frei, und trotz 60-km/h- Beschränkung und Überholverbot ist die neun Kilometer lange Etappe mit ihren unzähligen Kurven und Kehren immer noch mächtig beliebt. Kiki und ich gesellen uns in einer der Kurven zu den vielen anderen Zuschauern und fachsimpeln ein wenig über Schräglagen, Kurventechniken und Polizeikontrollen, während auf dem Asphalt die Post abgeht.

Kesselbergstraße ihr nördliches Ende. Es geht um den Kochelsee herum und weiter gen Westen. Wir überqueren die Loisach und steuern Murnau an. Und wieder liegen romantische Seen rechts und links der Piste. Der Riegsee, der Staffelsee, beide beliebte Bade- und Freizeitseen. Gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, liegt das Murnauer Moos. Mächtige 32 Quadratkilometer groß, ist die riesige Fläche das größte zusammenhängende Moor Euro - pas. Quer durch die einmalige Landschaft mit ihren Orchideenwiesen und den seltenen Eiszeitrelikten führt ein kurzweiliger Rundwanderweg. Keine Angst, wer sich mal die müden Moppedfahrerbeine im Moor vertreten möchte, läuft nicht gleich Gefahr, im feuchten Morast zu versinken. Der Weg ist gut gekennzeichnet und sicher. Verlassen sollte man ihn jedoch lieber nicht. Allzu leicht teilt man sonst das Schicksal mit der Kräutersammlerin, die im Januar 2009 aus dem Moor geborgen wurde. Sie war Monate vorher eingesunken und konnte sich nicht mehr selbst befreien.

Ein paar Kilometer, dann finden wir uns auf der B 23 wieder und rollen damit erneut über die Deutsche Alpenstraße. Das letzte größere Ziel der Werdenfelser Runde steht an –Oberammergau. Das sehenswerte Örtchen ist weltweit bekannt durch seine Passionsspiele. Alle zehn Jahre führt die Ortsbevölkerung das Schauspiel auf, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1633 zurückreichen. Es tobte die Pest, und wie fast überall kostete die Seuche auch zahlreiche Einwohner von Oberammergau das Leben. In ihrer Verzweiflung gelobten Oberammergaus Bürger, fortan Passionsspiele aufzuführen, wenn nur ihr Leiden bald ende. Angeblich, so der Mythos, habe es ab diesem Moment keine weiteren Opfer gegeben. Wahr oder nicht, beliebt und bestens besucht sind die Aufführungen allemal und bei Eintrittspreisen von bis zu 165 Euro sicher auch außerordentlich lukrativ.

Eigentlich sind es jetzt nur noch ein paar wenige Kilometer über Ettal, Ober - au und vorbei an der namensgebenden Ruine Werdenfels bis zum Ende unserer Runde, wenn da nicht noch ein kleiner, aber feiner Abstecher ins Naturschutzgebiet Ammergebirge locken würde. Das Graswangtal beherbergt ein ganz besonderes Kleinod, das man sich nicht entgehen lassen sollte: die königliche Villa Schloss Linderhof. Nicht schlecht, was sich Ludwig II. da für seine Jagdausflüge gebaut hatte. Man konnte ihm vieles nachsagen, Bescheidenheit jedenfalls nicht.

Traumstraßen Deutschlands

TOURENFAHRER 03/10


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