Traumstraßen Deutschlands – Bodensee

Mediterrane Momente

Einladende Seepromenaden am Rande historischer Altstädte, geschmückt mit Zypressen und Oleander. Grüne Alleen wie in der Toskana und drumherum herrliche Motorradstrecken. Herzlich willkommen an den Ufern des Bodensees.  Text + Fotos: Hans Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Bodensee

Die alten Römer nannten ihn nach dem Ort Constantia, dem heutigen Konstanz, Lacus Constantinus. Eigentlich hat sich dieser Name auch durchgesetzt. In Frankreich heißt er Lac de Constance, die Briten nennen ihn Lake Constance, und die Italiener singen förmlich seinen Namen – Lago di Constanza. Und wir nennen ihn schlicht Bodensee. Dabei würde so ein wohlklingender mediterraner Name eigentlich viel besser passen. Zumindest wenn man in einem der Überlinger Cafés sitzt, rechts und links flankiert von südländisch anmutenden Pflanzen, wärmend angestrahlt von einer mittelmeermäßigen Sonne und den Blick gerichtet auf eine glitzernde, scheinbar endlose Wasserfläche, die ein wenig so tut, als sei sie die Riviera.

Überlingen ist ein prima Ort für ein Bodensee-Basislager. Unterkünfte satt, eine ansprechende Gastronomie und nette Gassen und Plätze zum Bummeln. Wer mag, kann an der ewig langen Seepromenade lustwandeln oder am Kai mit der Bodenseeflotte in See stechen. Wir wollen uns auch auf die Socken machen, allerdings via Asphalt. Also rauf auf die BMW und entlang des Seeufers ab in Richtung Nordwesten. Entspanntes Rollen zwischen dichtem Grün auf der einen Seite und dem silbernen Leuchten links unter uns mit Kurs auf Bodman, die kleine Gemeinde im Norden des Sees. Man vermutet, sie sei ausschlaggebend für den deutschen Namen des Bodensees. Bodman-See soll er einst genannt worden sein. Daraus wurde dann Bodensee.

Für uns ist Bodman auf jeden Fall die Wendemarke hinüber auf den Bodanrück, einen mächtigen Bergrücken zwischen dem Überlinger See und dem Untersee, beides Teile des Bodensees. Gemeinsam mit dem Schiener Berg ist diese Ecke ein Muss für Motorradfahrer. Gleich hinter dem Großen Ried, dem Naturschutzgebiet bei Bodman, arbeitet sich der Asphalt in die Höhe. Die ersten leichten Kurven kündigen sich an, und zwischen Wiesen und Feldern geht es mit herrlicher Aussicht über Liggeringen und Langenrain gen Südosten. Hier kommen uns nur wenige Autos entgegen, die meisten nutzen die B 33 am südlichen Ende des Bodanrücks. Unten bei Dingelsdorf landen wir bald wieder am Wasser und gleich danach an einem der schönsten Ziele der Bodenseeregion, der Blumeninsel Mainau. Die heben wir uns allerdings für einen anderen Tag auf. Genau wie Konstanz – die größte Stadt am Bodensee.

Hinter Konstanz finden wir uns auf einmal auf der Deutschen Alleenstraße wieder. Kaum zu übersehen, schließlich ist der Damm, der uns hinaus auf die Halbinsel Reichenau führt, von zwei dichten, im Wind rauschenden Pappelreihen flankiert. Auch Reichenau ist ein beliebtes Ausflugsziel, von denen es rund um die Ufer des Bodensees so viele gibt. Die Altstadt lockt zur Rast zwischen alten Brunnen und bildschönen Fassaden, dann geht es weiter um den Untersee. Wir umrunden Radolfzell und landen am Schiener Berg. Motorradrevier, unverkennbar, kommen uns doch hier immer wieder Zweiradfahrer entgegen, bei denen man das viel zitierte Dauergrinsen im Gesicht zu erkennen glaubt. Wen wundert’s, nicht nur die Runde um den Berg, sondern besonders die Auffahrt von Wangen hinauf auf den 708 Meter hohen Gipfel hat ihren besonderen Reiz. In teilweise extrem engen Kurven schraubt sich die Straße in die Höhe. Schräglage im Dauerzustand, auch die Abfahrt wieder hinunter nach Moos hält da mit. Prompt irre ich mich in Moos beim Abbiegen, muss die ganze Runde noch mal drehen. Tatsächlich ein Irrtum oder unbewusst doch gewollt?

Zurück und vorbei am Überlinger See steuern wir kurz entschlossen den Linzgau an. Hier waren die Rheingletscher während der letzten Eiszeit aktiv, schliffen eine sanft gewellte, liebliche Landschaft. Zwischen Apfelplantagen, grasenden Kühen und plätschernden Wiesenbächen geht es durch ländliches Terrain. Einladende Bänke unter Schatten spendenden Laubbäumen huschen an uns vorbei, das eine oder andere Wegkreuz winkt hinter uns her. In Salem lassen wir es uns nicht nehmen, vor der mächtigen und beeindruckenden Klosteranlage auszurollen. Es locken nicht nur das Schloss und das gotische Münster, sondern auch das Schnapsbrenner- Museum, das Feuerwehrmuseum sowie die historische Schmiede und vor allem ein höchst sehenswerter Weinkeller. Bei dessen Besuch müssen wir uns natürlich zurückhalten, schließlich liegen ja nicht nur die Kehren rund um Heiligenberg vor uns, sondern auch die gewundenen Nebenstrecken entlang der Deggenhauser Aach, der Rotach und all der anderen kleinen Flüsschen des Linzgaus.

Eine knackige Runde um den Gehrenberg, dann laufen wir in Friedrichshafen ein. Genau hier, am Ufer des Bodensees, startete am 2. Juli 1900 der erste Zeppelin zu seiner Jungfernfahrt. Zwar dauerte die gerade mal 18 Minuten und endete mit einer Notwasserung, aber dieses Ereignis war der Startschuss für die rasante Entwicklung der Starrluftschifffahrt. Wer darüber mehr wissen will, ist im Friedrichshafener Zeppelinmuseum richtig. Beeindruckende Exponate informieren über diese faszinierende Ära der Luftfahrt.

Auch die letzten Kilometer entlang des deutschen Bodensee- Ufers in Richtung Osten nehmen wir unter die Räder. Langenargen, Wasserburg und schließlich das einladende Lindau führen bis kurz vor die Schweizer Grenze. Dann heißt es links abbiegen, und quer über die Argen kurven wir wieder in nördliche Richtung. Sanft gewellt und hügelig setzt sich die Reise durch das Hinterland des Bodensees fort. Ab und an kreuzen wir die Oberschwäbische Barockstraße, werfen weite Blicke ins Land. Immer wieder taucht in den Panoramen der Bodensee auf. Zwischen den Anhöhen, manchmal versteckt, manchmal breit und protzig, glitzert die weite Fläche in der Sonne. In Tettnang übermannt uns schließlich der Hunger. Kein Problem, das schöne Städtchen präsentiert zwischen seinen historischen Mauern so manches einladende Straßencafé.

Auch Ravensburg lockt – die historische Altstadt, Türme und Tore sowie die Veitsburg sind echte Highlights. Aber wir widerstehen, schließlich liegen im Süden Oberschwabens noch jede Menge reizvolle Strecken. Und so geleiten uns sonnenverwöhnte Rebstöcke erneut durch das wellige Grün. Auch Hanfgewächse sieht man hier, angebaut in riesigen Feldern und meterhoch. Nein, der Cannabis-Anbau ist hier nicht legalisiert, aber Hopfen gehört ja auch zu den Hanfgewächsen. Und das daraus gewonnene Produkt kann bekanntlich auch einen Rausch auslösen.

Hier startete 1900 der erste Zeppelin.

Die Jungfernfahrt dauerte gerade 18 Minuten und endete dann mit einer Notwasserung

Wir berauschen uns lieber an der schönen Gegend. Vorbei am Pfunger Ried, einem der größten Moorgebiete Südwestdeutschlands, kreuzen wir erneut durch den Linzgau, nehmen diesmal Kurs aufs Donautal. Kurven findet man auch hier, unser eigentliches Ziel ist aber ein ganz anderes. Südlich von Immendingen, wo die Donau im karstigen Gestein versickert, liegt auf einem der hohen Hegaugipfel der Hegaustern. Auf dem ehemaligen Vulkan Hohenhewen, in 812 Meter Höhe, hat sich hier der beliebteste Motorradfahrertreff der Region entwickelt. Im Sommer stehen hier schon mal ein paar hundert Motorradfahrer beisammen, schwatzen, genießen Kaffee und vor allem den fantastischen Weitblick über viele Kilometer hinunter an den Bodensee. Genau der richtige Platz, eine Tour am Lago di Cons tanza zu ausklingen zu lassen.

Traumstraßen Deutschlands

TOURENFAHRER 04/10


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