Traumstraßen Deutschlands – Spessart

Im Wald, da sind die Räuber

Der Spessart, eines der größten Waldgebiete Deutschlands, war einst fest in der Hand zwielichtiger Gestalten. Unter Räuber sind wir bei unserer Spessartrunde zwar nicht gefallen, haben aber selber kräftig geräubert – und zwar jede Menge Kurven. Text + Fotos: Michael Engelke

Traumstrassen Deutschlands - Spessart

Er war schon ein heißes Pflaster, der Spessart – nicht so augenzwinkernd lustig, wie uns die Fünfziger-Jahre-Filmkomödie »Das Wirtshaus im Spessart« glauben machen will. Hier ging wirklich die Post ab; auf dem weit verzweigten Wegenetz eines der größten Laubwälder Deutschlands kam es regelmäßig zu Mord und Totschlag. Überfälle auf Reisende und Bauernhöfe waren an der Tagesordnung, Räuberbanden machten mit spektakulären Aktionen Furore. Von der Spessarter Chaussee zwischen Rohrbrunn und Esselbach, wo heute weit weniger aufregend die A3 verläuft, ist einer dieser Überfälle dokumentiert. Im November 1787 benutzten die Räuber hier Blendgranaten und einen schusssicheren Kopf- und Leibpanzer. Zwar erbeuteten sie rund 5000 Gulden, aber die nützten ihnen langfristig nichts. Zwei Jahre später wurden sie in Aschaffenburg einen Kopf kürzer gemacht.

Das weit verzweigte Wegenetz gibt es noch heute. Zwar geht es hier jetzt ungleich friedlicher zu,   aber wie früher winden sich die schmalen Pfade um zahlreiche Hügel herum, führen kreuz und quer durch den dichten Wald und folgen den Bachläufen durch ihre ausgewaschenen Täler. Die einst holprigen, schlaglochübersäten Rumpelpisten sind heute asphaltiert, und als Motorradfahrer wird man hier nun also zum Kurvenräuber. In Aschaffenburg, wo früher der Henker sein Schwert schwang, starten wir unsere Erkundungstour durch diese vielversprechend abwechslungsreiche Region.

Nur wenige Kilometer Richtung Südosten sind es, bis uns das Hinweisschild von Schloss Mespelbrunn neugierig macht. Irgendwie kommt uns  diese spannende Kulisse bekannt vor. Klar, dämmert es mir, im Film diente das markante Schloss als Schauplatz. Weiter geht es auf einladenden Landstraßen gen Süden. Nicht nur dichte Eichen- und Buchenwälder beherrschen den Spessart heute, wie manch einer vielleicht vermutet. Es finden sich auch offene, sanft gewellte Landschaften. In weiten Schwüngen führt die schmale Straße mal durch dichtes Laubwerk, dann wieder entlang weiter, grüner Wiesen und Weiden. Birken bilden Spaliere für romantische Alleen. Obwohl Wochenende ist, hält sich der Verkehr in Grenzen. Nur ab und an begegnen wir anderen Motorradfahrern oder überholen hier und da ein Auto oder einen Trecker.

Bei Oberwintersbach bietet sich die Gelegenheit, noch mehr Panorama zu genießen. Auf der 521 Meter hohen Geißhöhe wartet der Ludwig-Keller-Turm mit exponierter Lage und einem fantastischen Rundblick auf. Allein die Auffahrt zum Turm ist den Abstecher schon wert. Die schmale Zufahrt schraubt sich in abenteuerlichen Kurven durch den dichten Wald in die Höhe. Noch 60 Stufen zu Fuß, dann genießt man den Blick über den Spessart und die nahegelegene Rhön. Eine gute Idee, die der Spessartbund hatte, als er das Bauwerk 1936 hier errichtete. In Klingenberg ist dann vorerst Schluss mit Schieflage. Dafür tröstet das Städtchen am Main mit purer Schönheit. Die alte Burgruine macht sich oberhalb des Weinbergs breit, gleich darunter ragt das Stadtschloss in den strahlend blauen Himmel. Rechts und links der Gassen stehen bildhübsche Fachwerkhäuser mit vorstehenden Erkern, spitzen Giebeln und romantischen Verzierungen – eine Fahrt hinein ins Mittelalter.

Ein riesiger Stein am Straßenrand weckt unsere Neugierde 

Wir folgen weiter dem Main, lassen uns bei Großheubach nochmal in die Berge des Spessart entführen, um kurz darauf bei Stadtprozelten erneut auf den Fluss zu stoßen. Jetzt schon mit der Fähre an das südliche Ufer übersetzen? Nein, lieber noch eine große Runde durch die Land-   schaft des südlichen Spessart drehen. Altenbuch, Heimbuchenthal, Rohrbrunn, Schollbrunn – kurvenreiche Abschnitte wechseln sich zwischen den Orten mit schnurgeraden Etappen durch den Wald ab. Goldgelbe Felder und blühende Büsche wischen an uns vorüber. Zwischen Rohrbrunn und Schollbrunn weckt ein riesiger Stein am Straßenrand unsere Neugierde – ein Grenzstein, wie ein Schild besagt. Eine Grenze, hier? In der Tat: Zwar handelt es sich nur um eine Sprachgrenze, die aber scheint immens wichtig zu sein. Immerhin trennt sich hier das Rheinfränkische vom Mainfränkischen. Oepfelmoust gegen Äppelwoi – vorsichtshalber schaue ich über meine Schulter, auf der Suche nach bewaffneten Grenzposten.

Traumstraßen Deutschlands - Spessart

Zurück in Stadtprozelten entern wir die kleine Main-Fähre. Mit uns beiden und der BMW als einzigen Passagieren tuckert sie wenige Minuten später quer über den Fluss und entlässt uns am südlichen Ufer. Das kurze Stück bis Marktheidenfeld haben wir noch den Main zur Linken, dann biegen wir in den Fürstlichen Löwensteinschen Park ab. Enge, fast einspurige Sträßchen führen durch diesen Waldgürtel zwischen Rothenfels und Rothenbuch entlang des Flüsschens Hafenlohr. Die Strecke ist ein Traum, schon Kurt Tucholsky schwärmte 1927 über das Hafenlohrtal: »Dies ist eine Landschaft, die gibt es gar nicht mehr.« Aber es gibt sie eben doch, bis heute hat sich hier so gut wie nichts verändert. Bei Rothenbuch stoßen wir auf die Deutsche Ferienroute Alpen- Ostsee, verlassen diese aber gleich wieder, folgen ein kleines Stück dem Lohrbach und anschließend dem Wegweiser nach Jakobsthal.

Hier an der Spessart-Höhenstraße treffen sich am Wochenende und bei schönem Wetter fast immer eine ganze Menge Moppedfahrer beim »Engländer« – keine Zweigstelle des Ace Cafe, sondern ein Forsthaus, 1846 von König Ludwig I. von Bayern höchstpersönlich eingeweiht. Heute dient es als Gasthaus mit großem Außenbereich, das bei Wanderern und Bikern gleichermaßen beliebt ist. Von Heigenbrücken bis Partenstein teilen wir uns das Tal mit der Eisenbahnstrecke. Macht nichts, geschlossene Schranken muss man nicht befürchten. Hier und da mal ein Seitenwechsel unter den Gleisen hindurch, aber dazwischen kann man ungestört die Rasten kratzen lassen.

Hier fällt es nicht leicht, den Gashahn auf gemütlich zu stellen

Vorbei am kleinen Wiesbüttesee düsen wir Richtung Norden, lassen die Flörsbacher Höhe rechts liegen und rollen wieder hinunter in den Jossgrund. Hier, am Oberlauf des Flüsschens Jossa, übertreffen sich die Straßen endgültig selbst. Eine asphaltierte Achterbahn, in der man sich schwindlig fährt und obendrein noch prächtige Ausblicke genießen kann. Falls man zwischen den Bremspunkten Zeit dazu findet, denn hier fällt es nicht leicht, den Gashahn auf gemütlich zu stellen.

Längst des Sinntals erreichen wir bald Burgsinn. Der Ort wird dominiert von einer mächtigen Wasserburg, die gut 1000 Jahre alt ist. Ihr gewaltiger, 22 Meter hoher Bergfried überragt das ganze Dorf. Schade nur, dass er langsam, aber sicher verfällt – wie auch die gesamte Burg. Über Mittel- und Obersinn folgen wir der gut ausgebauten Bundesstraße nach Norden. Schnell erreichen wir Sinntals Ortsteil Jossa. Hier wollten wir eigentlich unsere Fahrt im TOURENFAHRER- Partnerhaus »Zum Jossgrund « beenden. Aber als Namensgeber für Ödengesäß würden wir nicht taugen, haben wir doch immer noch nicht genug. Schließlich gibt es da noch die Runde nach Schwarzenfels.

Dort, über dem Dorf, thront die gleichnamige Ruine. Zwar stehen von der eigentlichen Festung nur noch Mauerreste, der Bergfried jedoch ist begehbar und bietet eine fantastische Rundumsicht über die Region. die man sich nicht entgehen lassen sollte. Schließlich beenden wir unsere Spessartrunde dann doch bei Frank Zeller, der in Jossa mit seiner Familie in der fünften Generation den Landgasthof Jossgrund betreibt. Der ideale Ort, um es sich nach solch einer langen Tour gut gehen zu lassen. Außerdem hält Frank vielversprechende Tipps für spannende Touren auf der anderen Seite des Jossgrunds bereit. Da liegt nämlich die Rhön. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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TOURENFAHRER 12/2007


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