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Fahrbericht Yamaha XT 660 Z Ténéré

Staub aufgewirbelt

Schon die Nachricht, dass Yamaha die legendäre Ténéré auferstehen lässt, hat in der Szene mächtig Staub aufgewirbelt. Nun konnte der TOURENFAHRER mit der Wüsten-XT schon mal durch Marokko stauben.

Text: Christoph Driesen / Fotos: Yamaha

Die neue Yamaha XT 660 Z Ténéré

Auf der Piste hinter Asrir erblinden sie alle. Alle außer Omar, denn Omar ist der Guide, Omar fährt an der Spitze. Meterhoch steigen die Staubwolken auf, verdunkeln den Himmel, dringen in jede Pore der Haut. Sand knirscht unter den Augenlidern, in der Nase, und der Geschmack des gerade erst getrunkenen Pfefferminztees wird von mahlenden Sandkörnern übertüncht. Nicht mal das Vorderrad ist mehr zu erkennen, rumpelt in tiefe Löcher, verliert immer wieder eine lange Schrecksekunde jegliche Führung in tiefen Sandrinnen. Auch wenn ein legendärer Name die Tankflanken ziert, der eine ganze Generation von Wüstenfüchsen geprägt hat – blindes Vertrauen wäre jetzt zu viel des Optimismus. Also Gas zu, zurückfallen lassen, und langsam schält sich aus dem privaten Sandsturm des Vordermanns die spektakuläre Kulisse des marokkanischen Anti-Atlas. Traumziel abenteuerhungriger Enduristen, ideale Bühne für die Wiederauferstehung einer Legende: der Yamaha Ténéré.

Vor einem Vierteljahrhundert pflügte das erste Wüstenschiff mit dem mythischen Namen durch afrikanischen Sand, die letzten paar Jahre war es von der Bildfläche verschwunden, nun dürfen Globetrotter wieder aufatmen. Die Ténéré 2008 ist nicht einfach eine aufgepeppte XT 660, die mit ein bisschen Expeditionsklimbim vom Mythos zehren will, man hat rund um den bewährten Einzylinder quasi ein neues Motorrad entwickelt, das für Reisen auf Asphalt wie Piste gleichermaßen taugen soll.

Ein schlank bauender, trotzdem 23 Liter fassender Tank markiert nicht mehr das rallyetaugliche Extrem der Ur-Ténéré, sollte aber für 400-Kilometer-Etappen reichen. Hoch reckt sich zudem die Frontverkleidung mit den übereinanderliegenden Scheinwerfern gen Himmel, um den Winddruck auf schnellen Straßenetappen zu lindern. Sogar eine Doppelscheibe im Vorderrad hat man der Ténéré nun verpasst, weil die meisten wüsten Ritte wohl eher auf der Straße stattfinden werden und man bei enormen 225 Kilo (!) Zuladung an einem 211 Kilo schweren Motorrad bei Passabfahrten sonst ins Schleudern kommen könnte.

Federwege von 210 mm vorn und 200 mm hinten reichen zwar nicht für eine Dakar-Teilnahme, allemal aber für ausgedehnte Offroad-Touren.

Cockpit der Yamaha XT 660 Z Ténéré
Falls doch mal eine Asphaltetappe zu absolvieren ist, sorgt die Verkleidung vor dem aufgeräumten Cockpit für ordentlichen Windschutz.

Der 48 PS starke 660-cm3-Vierventiler selbst blieb dagegen unangetastet, schließlich stellt er mit 58 Nm ordentliches Drehmoment zur Verfügung, ist gut für echte 170 km/h, bietet sich aber vor allem wegen seines niedrigen Verbrauchs Fernreisenden an: Eine XT 660 R benötigte im 50.000-km-TF-Dauertest im Schnitt nur 4,9 Liter. Die Peripherie des Singles wurde allerdings mit 6,8-l-Airbox, vergrößertem Kühler und neuer Auspuffanlage mit endlich seitlich statt unter dem Motor verlegten Krümmern auf strapaziösere Touren vorbereitet, auch die Gasannahme will man verbessert haben.

Aufgehängt ist der Einzylinder im bekannten Rahmen mit den doppelten Oberzügen, der auch der XT 660 R ordentliche Stabilität beschert, die Radführungen sind dagegen neu. Die 43-mm-Gabel verfügt nun über eine einstellbare Federbasis, hinten kommt statt einer billigen Stahlschwinge ein großzügig dimensioniertes Exemplar aus Aluminium zum Einsatz, das sich via Umlenkhebelei an einem ebenfalls neuen Sachs-Federbein mit Ausgleichsbehälter abstützt. Federwege von 210 mm vorn und 200 mm hinten sind zwar keine Empfehlung für eine Dakar-Teilnahme, sollten für Offroad-Touren aber reichen. Um allzu rasches Durchschlagen zu vermeiden und hohe Straßenstabilität zu erreichen, hat man die Federung zudem straff abgestimmt.

Die Ténéré ist kein Power-Paket für spektakuläre Ritte, aber verlässlicher Partner für stressfreie Offroad-Ausflüge und diffizile Passagen.

Hinten ein bisschen zu straff, wie die Wüstenetappe zeigt. Von Piste keine Spur mehr, stattdessen querfeldein. Ein Slalom zwischen buckligen Kamelgrasbüscheln, bei dem das störrische Heck mehr als einmal in ansehnliche Höhen katapultiert wird. Das neue Federbein ist also kein Quantensprung gegenüber der normalen XT, besseres Ansprechverhalten wäre auch hier wünschenswert. Die Gabel dagegen arbeitet souverän, lässt niemals das Gefühl aufkommen, einen Presslufthammer in den Händen zu halten.

Ein Schlenker, und die Piste hat uns wieder. Geröllgespickt, mal vom Sand verweht, mal tiefe Bachbetten querend. Ténéré-Domäne. Dritter Gang, 70 km/h auf der Uhr, und nichts kann einen erschüttern. Locker steht man in den Rasten, unter deren Gummiüberzug sich nun endlich Krallen befinden, keine Tankwülste stören den Knieschluss, kein übermäßiges Buckeln beim Griff zum hochgelegten Stahllenker verursacht Kreuzschmerzen – es passt. Sanft geht der Einzylinder ans Gas, hackt nicht großartig auf der Kette herum, falls nicht früh genug heruntergeschaltet wird, dreht aber agil hoch, wenn Gas angelegt wird. Ohne ausbrechendes Hinterrad, ohne plötzlichen Leistungseinsatz. Kein Power-Paket für spektakuläre Ritte, aber ein verlässlicher Partner für stressfreie Offroad-Ausflüge und diffizile Passagen.

Die neue Yamaha XT 660 Z Ténéré

Was man von den bei der Präsentation aufgezogenen Reifen nicht behaupten kann. Ob geländetaugliche Profile freigegeben werden, entscheidet sich noch, die montierten Tourance, Anakee und Co. sind mit ihrem Babypopo-Profil im Sand jedenfalls kein Spaß. Aber dort, wo er am tiefsten ist, staubt’s natürlich am schönsten, weshalb die Fotografen uns exakt dort sehen wollen – und ganz nebenbei eine hübsche Auswahl an Sturzbildern schießen können. Schäden können sie dagegen nicht ablichten. Wo an früheren Modellen knittrige Beulen im Tank jeden Ausrutscher dokumentierten, bleiben am aktuellen Modell höchstens ein paar Schrammen im austauschbaren Kunststoffprotektor des Tanks zurück.

Nach 50 Kilometern Wüstenetappe rollen die Reifen wieder auf Asphalt, darf der Hintern wieder die Sitzbank berühren. In tiefer Mulde sitzt man dort, unverrückbar einzementiert. Nicht unbequem, aber weiche Polsterung und die Unmöglichkeit des Positionswechsels werden am Abend, wenn der Tageskilometerzähler 300 Kilometer zeigt, den Hintern spüren lassen. Ob echte Langstreckentauglichkeit gegeben ist, wird erst ein Test zeigen. Um Windschutz muss man sich jedenfalls wenig Gedanken machen. Die hoch bauende Verkleidung schützt effizient und ohne Verwirbelungen am Helm, das Cockpit liegt im Sitzen wie im Stehen gut im Blickfeld. Einziger Nachteil der Plastikverschalung: Statt des eh nur leise säuselnden Auspuffklangs dringt primär die mechanische Geräuschkulisse des Einzylinders ans Ohr. Nein, von ganz vorne, dort wo Omar fährt, ist dumpfes Ballern zu hören, wie es zu einer Ténéré eigentlich dazugehört. Omar fährt Akrapovic, und fortan weiß man, dass Yamaha den slowenischen Edelauspuff (1123 Euro) nicht ohne Grund ins eigene Zubehörprogramm aufgenommen hat.

So hallt also kein Donner durch die Schluchten des Anti-Atlas, als die Ténéré um die Kurven wedelt. Das tut sie traditionell mit leichtfüßigem Handling, dem man das opulente Maschinengewicht kaum anmerkt. Für zügige Gangart ist bei 48 PS zwar gelegentliches Ausquetschen des Singles erforderlich, doch für ein Motorrad, das nicht als Straßenfeger, sondern als Abenteuer-Bike konzipiert ist, stimmt die Leistung des bekannt unverwüstlichen Eintopfs. Dass die auch offroad gut dosierbare vordere Doppelscheibe im Solobetrieb über jeden Zweifel erhaben ist, wundert wenig, hinten würde man sich dagegen etwas bessere Dosierbarkeit wünschen.

Abends knistert der abkühlende Motor, doch man möchte eigentlich immer weiter fahren. Zurück in die Weite der Wüste oder tief hinein nach Afrika. Mission erfüllt: Fernweh geweckt. Doch dass die Ténéré diese Gefühle bei vielen auslösen wird, daran glaubt Yamaha selbst nicht. Nur 6500 Exemplare sollen in diesem Jahr von den Bändern rollen, weil es ein Nischenmodell sei. Das haben sie vor 25 Jahren schon einmal gedacht. Sie sollten sich täuschen.

Die neue Yamaha XT 660 Z Ténéré
In drei Farbvarianten rollen die in Italien gefertigten Fernreise-Enduros von den Bändern.

TOURENFAHRER - 9/08

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