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Test KTM 990 SM Supermoto

Darf's ein bisschen mehr sein?

Mehr Hubraum, mehr Leistung, mehr Ergonomie – KTMs neue 990 Supermoto hat sich auf die Erbfolge der beliebten vergaserbefeuerten 950er gut vorbereitet.

Text: Guido Saliger / Fotos: Christina Güldenring

Die KTM 990 SM Supermoto in voller Kurvenfahrt.

Wenn man den Ausführungen der KTM-Abordnung unter Pressesprecher Thomas »Kutti« Kuttruf aufmerksam lauscht, könnte man fast glauben, ein Honda-Mitarbeiter würde uns die Vorzüge der jüngsten CBF-Generation erklären: »Keine andere KTM bietet ein derart breites Einsatzspektrum, ja wir haben sogar Softbags fürs Heck (…) und die Supermoto ist der logische Schritt für den KTM-Enduristen auf die Straße, mit dieser Sitzposition und dem breiten Lenker fühlt er sich direkt zu Hause«. Mit der CBF bei Honda teilt die große, bislang als 950er firmierende Supermoto von KTM zumindest den Rang in der hausinternen Verkaufshitliste. Die SM ist eines der bestverkauften Straßen-Bikes und der meistverkaufte Zweizylinder von KTM überhaupt. Klar, in den klassischen SuMo-Ländern Frankreich und Italien natürlich überproportional mehr als in CBF-Deutschland.

Ein Blick auf den athletischen Körperbau der 990 SM zerstreut allerdings jede Befürchtung, dass KTM auch nur einen Deut von seiner »Ready to Race«-Philosophie abgewichen ist. Die SM präsentiert in Perfektion den Minimalismus, der dem Geist einer der erfolgreichsten Enduro-Schmieden entspringt: extrem knappe Taille und ein auf jeglichen Optik-Schnickschnack verzichtendes V2-Kraftwerk, das sich im engen Käfig des Gitterrohr-Geflechts ganz schmal macht. Eine drahtige Figur, die mit vollem, nun 19 Liter großem Tank, nur 210 Kilo auf die Waage bringt.

Der Pilot findet dank eines engen Knieschlusses innigen Kontakt zur 990er.

Das hintere Federbein der KTM 990 SM Supermoto.
Das Federbein der 990er Supermoto zeigt sich variabel und bietet wahlweise eine High- oder Lowspeed-Druckstufeneinstellung.

Dank der vergleichsweise schmalen Sitzbank, auf der es sich dennoch viele Stunden am Stück aushalten lässt, kommen schon Fahrer ab 1,75 Meter Größe selbst mit der Sitzhöhe von 875 Millimeter klar, und wegen des gegenüber der 950er schmaleren Knieschlusses findet der Pilot innigeren Kontakt zur 990er – den breiten Lenker locker und dennoch engagiert in den Händen, mit geradezu tourenwürdiger Beinhaltung erstaunlich kommod untergebracht. Auch eine Sozia findet angesichts der ergonomischen Grunddaten – moderater Kniewinkel und aufrechte Haltung nah am Fahrer – ein angenehmes Plätzchen vor. Allerdings stehen die Länge und die spartanische Dicke des Heckpolsters langen Distanzen entgegen.

Ein Druck auf den Startknopf erweckt den süßen Donner des Mattighofener V-Twins. Die elektronische Einspritzung sorgt automatisch für dezente Anhebung des Standgases, gesitteten Kaltlauf und prompte Gasannahme auch bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Für die von einer Radial-Hydraulikpumpe angesteuerte Kupplung braucht’s keine Crossfahrer-Unterarme und die Gänge flutschen wie Butter rein. Ja, man kann den fetten Vau sogar noch bei Tacho 50 mit dem sechsten Gang – das entspricht knapp 2000/min – quälen. Beim Gasaufziehen scheint er dann – so lässt das Klangbild vermuten – seine Ventile und Nockenwellen zu ordnen, ab 2500 Touren schüttelt er nur leicht, als wolle er dem Fahrer ein freundliches »Weichei« zurufen. So erstaunlich allein die Tatsache ist, dass er derartiges, ganz und gar nicht ready-to-race-mäßiges Treiben toleriert, so beeindruckend ist der Wert von 6,6 Sekunden für die Beschleunigung von 50 auf 120 km/h im sechsten Gang.

Die KTM 990 SM Supermoto ist ein Sportgerät für engagierte Fahrer.
Die KTM 990 SM ist kein für die Straße gestutzter, gro­ber Geländeprügel, sondern ein echter Straßensportler für engagierte Fahrer, die eine bequeme, endurotypische Sitz­hal­tung bevorzugen.

So zügig, wie die Betriebstemperatur des 75-Grad-V2 erreicht ist, steigt der Adrenalinspiegel des Fahrers. Der Dreh am Gasgriff lässt das herrliche, nie prollig wirkende Böllern des Zweizylinders zu einem wahren Gewitter anschwillen. Mit zornigem Donnergrollen presst dich der Zweizylinder in den Wind. Ab 7000 Touren tobt das Gewitter mit unverändert bassiger Frequenz, bis der Drehzahlbegrenzer dem Spiel sanft ein Ende setzt, ohne dass der Motor auch nur kurz störende Vibrationen zum Fahrer schickt. Dabei outet sich die SM nicht als kompromissloses Wheelie-Katapult: Auf der mächtigen Drehmomentwoge lässt es sich bei 4000/min brav und zügig touren. 1000/min später spannt der V2 den Bizeps, um dich ab 6000 Touren förmlich abzuschießen. Je nachdem, ob der Fahrer sich nah am Tank oder etwas weiter hinten positioniert, steigt die 990er oder prescht nur mit »ganz leichter« Front vorwärts.

Doch über die Emotionen hinaus zählen im Alltag Tugenden wie Kraftentfaltung und spontane, aber keinesfalls ruckartige Gasannahme. Und auch hier leistet sich der neue V2 keine Blöße: Mit jedem Millimeter Drehung am Gasgriff schiebt er sauber dosierbar und satt aus engen Kehren und leistet sich weder im Sprint- noch im Touring-Modus Durchhänger bei der Beschleunigung. KTM betont, dass der abstimmungstechnischen Feinarbeit viel Zeit gewidmet wurde, um auch dem von 942 auf 999 Kubik (Bohrung x Hub 101 x 62,4 statt 100 x 60 mm) gewachsenen 75-Grad-V2 mit den 48er-Schlünden der Einspritzanlage die gediegene Gasannahme und herrlich füllige wie gleichmäßige Leistungsentfaltung der 950er zu erhalten.

Der V2-Motor der KTM 990 SM Supermoto.
Der Supermoto-Supermotor: Die KTM wird befeuert von einem Kraftmeier mit Manieren – der 75-Grad-V2 begeistert nicht nur durch sein unglaubliches Temperament, sondern auch durch feine Gasannahme und sehr harmonische Kraftentfaltung.

Wie solide die Mattighofener gearbeitet haben, manifestiert sich nicht allein im Hinblick auf die subjektive Wahrnehmung, sondern auch in objektiven Messwerten – siehe Elastizitätsmessung. Leistungs- und Drehmomentkurve leisten sich weder relevante Buckel noch Dellen und gipfeln weit jenseits des Versprochenen, womit die Hersteller-Angabe den Tatbestand der Tiefstapelei erfüllt. Der Vau drückt schon über 120 PS an die Kupplung. Bis zur Kurbelwelle darf man dann noch mal rund zwei Prozent aufschlagen, so dass über 122 Pferde, sieben mehr als angegeben, an der Kurbelwelle lostraben. Darin findet natürlich auch die für ein derartiges Hochtier mehr als respektable Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h ihre Erklärung.

Im Falle der 990 SM zählt beim Verbrauch der Faktor Fahrer deutlich stärker als bei anderen Motorrädern. So kommt die 990er mit Würde bei genüsslichem und keinesfalls langsam Fahrstil mit sechs bis 6,5 Liter Sprit aus – auf unserer Standard-Runde flossen 6,5 Liter durch die Einspritzdüsen. Wer sich allerdings ständig den Urgewalten beim Beschleunigen hingibt und die Gipfel des Drehmomentgebirges in den einzelnen Gängen auskostet, kann auch locker mit einer Sieben vor dem Komma prahlen.

Regelrecht platt ist man in Anbetracht der riesigen Federwege der KTM.

Blick unter die Sitzbank der KTM 990 SM Supermoto.
Unter der abschließbaren Sitzbank finden das umfangreiche Bordwerkzeug, die Batterie, die Sicherungen und die Relais Platz.

Bei aller Euphorie über die gelungene Abstimmung des V2 vergisst man fast, was den Umgang mit dem Kraftwerk so sicher und gediegen macht. Dabei konnten sich die Österreicher weitgehend auf die solide Basis der 950er mit ihrem stabilen Chrom-Molybdän-Gitterrohrrahmen verlassen. Marginal steilerer Lenkkopfwinkel, geringerer Gabelversatz und härtere Gabelfedern müssen reichen, um vor allem Stabilitätsansprüchen im Hinblick auf die höhere Endgeschwindigkeit zu genügen. Und das gelingt der SM mit Bravour, selbst bei Top-Speed lässt sich die SuMo nicht aus der Fassung bringen.

Regelrecht platt ist man in Anbetracht der riesigen Federwege von 200 und 210 Millimeter über die Handlichkeit gepaart mit Zielgenauigkeit und Neutralität, wenn’s über schnelle Landstraßen geht. High Heels, mit denen sich der 100-Meter-Sprint so flott erledigen lässt wie in Laufschuhen, wird man sonst kaum finden. Supermoto-Gene schlagen nur ganz leicht durch, wenn der Fahrer eine Kurve zu eng anfährt. Beim Abklappen zieht die 990er dann den Radius einen Tick enger als gewünscht. Die Abstimmung der WP-Federelemente ist derart  gelungen, dass selbst ein solide gebauter Fahrer sämtliche Dämpfer-Einstellungen komplett öffnen kann, ohne aus der SM ein wachsweiches Schaukelpferd zu machen. Für engagiertes Landstraßeninhalieren sind wir von der »Normaleinstellung« nur bei der Zugstufe etwas abgewichen.

Die vordere Brembo-Bremsanlage der KTM 990 SM Supermoto.
Betörende Verzögerung: Wenn sich die vier einzelnen Beläge der Radial-Vierkolbenfestsättel singend an die gelochten Scheiben legen, gehen sie nie giftig, aber kraftvoll zu Werke.

Kritik: Naja, das Ansprechverhalten der 48er-USD-Gabel könnte einen Hauch geschmeidiger sein. Klagen auf sehr hohem Niveau – aber die Mattighofener sind ja selbst schuld, wenn sie schon so ein Brenneisen herrichten, dessen Reize selbst die stark verkalkten Synapsen eines Motorradfahrerhirns erreichen. Und zu diesen Reizen gehören fraglos auch die Verzögerungseinrichtungen. Ein Gedicht, wenn sich die vier einzelnen Beläge der Radial-Vierkolbenfestsättel singend an die gelochten Scheiben legen. Nie giftig, aber in jeder Situation kraftvoll agierend, gehen die Stopper zu Werke, selbst auf nassem Geläuf wunderbar exakt dosierbar und mit geringem Kraftaufwand. Mit gebotener Zurückhaltung und ausreichend langem Hebelweg folgt der Zweikolben-Schwimmsattel am Heck dem Fahrerfuß.

TOURENFAHRER - 11/08

So überzeugend, wie die Motorabstimmung und das Fahrverhalten ausfällt, so überzeugend stellt sich auch die Verarbeitung der KTM dem Betrachter dar: beschichteter Rahmen, hochwertige Komponenten wie die Radialpumpen für Kupplung und Frontbremse, deren geschmiedete Hebel mit Sollbruchstellen versehen sind, Perfektion in Details wie etwa der Schalthebel mit klappbarem Ausleger oder der qualitativ hochwertige Bordwerkzeugsatz, mit dem sich ein Drittel des Motorrades zerlegen lässt – inklusive des obligatorischen Flaschenöffners. Ein Motorrad voller Emotionen, ganz KTM, aber kein grobschlächtiger Geländeklopfer, auf dem Gehör, Vibrationsempfindung und alle Ansprüche an gleichmäßige Leistungsentfaltung auf Null geschaltet werden müssen, um sich der Welt des »Ready to Race« hinzugeben.

Die 990 SM hat das Zeug dazu, Leute, die Orange bislang nicht zu ihrer favorisierten Farbe zählten, in arge Entscheidungsnot zu fahren. Da nimmt man doch gern ein wenig mehr.

Die KTM 990 SM Supermoto, Modelljahr 2008.
Super, das Moto: Eine gestandene Erscheinung, die 990 SM. Mit ihrem Gewicht von 210 Kilo inklusive vollem 19-Liter-Tank könnte sie in der Supersport-Liga fahren.

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