Die Pierer Mobility AG steht vor einem grundlegenden Eigentümerwechsel: Der indische Zweiradkonzern Bajaj übernimmt die alleinige Kontrolle. Wie aus einer Ad-hoc-Mitteilung hervorgeht, hat Bajaj Auto International Holdings B.V. eine im Mai 2025 vereinbarte Call-Option ausgeübt und sämtliche Anteile der Pierer Industrie AG an der Pierer Bajaj AG übernommen. Damit hält Bajaj nun rund 74,9 Prozent an Pierer Mobility und wird zum bestimmenden Mehrheitsaktionär. Der österreichische Motorradhersteller soll künftig unter dem Namen Bajaj Industrie AG firmieren. Der Sitz der Holding wurde von Wels an den KTM-Unternehmenssitz Mattighofen verlegt.
Bereits das erste Halbjahr 2025 war von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen geprägt. Die Sanierungsverfahren innerhalb der KTM-Gruppe wurden abgeschlossen und führten zu einem Restrukturierungsgewinn von 1,187 Mrd. Euro. Die Nettoverschuldung wurde mehr als halbiert.
Nicht zum Kerngeschäft zählende Aktivitäten wie MV Agusta, KTM X-BOW und FELT Bicycles werden oder wurden veräußert. Der Fokus liegt künftig auf den Motorradmarken KTM, GasGas und Husqvarna.
Nach der Produktionspause nahm das Werk Ende Juli wieder den Betrieb auf, Händler meldeten eine robuste Nachfrage mit über 100.000 abgesetzten Einheiten. Die Liquidität verbesserte sich durch Bestandsabbau und einen deutlich höheren Cashflow spürbar.
Rückblick: Der Einstieg von Bajaj bei KTM
Bajaj Auto International Holdings B.V. stieg 2007 bei KTM ein und baute seine Beteiligung schrittweise aus. Als KTM infolge der Finanzkrise 2008/2009 in erhebliche Liquiditäts- und Absatzprobleme geriet, erhöhte Bajaj seine Beteiligung und wurde zum zweitgrößten Aktionär. Dieser Einstieg verschaffte KTM dringend benötigte Eigenkapitalstärkung und erhöhte Finanzierungsspielräume.
Über Jahre hielt Bajaj rund 48 Prozent der Anteile an der KTM AG bzw. später an der Pierer Mobility AG (meist über Beteiligungsstrukturen wie die Pierer Bajaj AG).
Bajaj fertigt seit über einem Jahrzehnt kleinvolumige KTM- und später auch Husqvarna-Modelle (v. a. Duke- und RC-Baureihen unter 400 Kubikzentimetern) im Werk in Chakan/Indien. Diese Modelle sind zentrale Volumenprodukte für KTM in Schwellen- und globalen Märkten.
Ein großer Teil der Einstiegs- und Mittelklasseplattformen von KTM entstand in gemeinsamer Entwicklung mit Bajaj. KTM profitierte von Bajajs Kosten- und Industrialisierungskompetenz, Bajaj von KTM-Technologien und Markenwert.
In mehreren asiatischen Märkten nutzt KTM das Vertriebsnetz von Bajaj, was den Marktzugang deutlich erleichtert hat.
Mit der Gründung der Pierer Bajaj AG als gemeinsamer Mehrheitsaktionär der PIERER Mobility AG wurde die Partnerschaft auch strukturell vertieft.
Schrittweise Übernahme im Zuge der Insolvenz 2024
Bajaj stellte für die Sanierung der KTM-Unternehmensgruppe entscheidende Mittel bereit. Konkret gewährt Bajaj der KTM AG ein Darlehen über 450 Mio. Euro, zusätzlich flossen 150 Mio. Euro über die Muttergesellschaft zur Bedienung der Gläubigerquoten. Insgesamt deckte Bajaj damit den Großteil der für den Restrukturierungsplan notwendigen Summe von rund 525 Mio. Euro.
Der Sanierungsplan sah vor, dass Gläubiger lediglich eine Barquote von 30 Prozent ihrer Forderungen erhalten. Bajajs Finanzhilfe machte diese Quote tatsächlich zahlbar — andernfalls wäre ein Konkurs unausweichlich gewesen.
Dank der fristgerechten Zahlung der Quote und der Finanzierung durch Bajaj wurde das Restrukturierungsverfahren erfolgreich abgeschlossen — das Eigenkapital verbesserte sich, die Nettoverschuldung sank deutlich.
Mit der Finanzierung untermauerte Bajaj seine Führungsambitionen bis hin zur komplette Übernahme im Dezember 2025.
