Motorradtour kompakt

Elbsandsteingebirge

Wenn ein Ossi einem Wessi den schönsten Weg in die Oberlausitz beschreibt, dann sind die Fidschis eben auch mal an der tschechischen Grenze und nicht wie sonst im Südpazifik.

Gleich bei den Fidschis fährst du links, und dann beginnt auch schon der Märchenwald «, sagt mir die Stimme aus meinem Handy – das »r« in Märchenwald so unnachahmlich langsam und in einer so außergewöhnlichen Tonart gerollt, wie es nur die Oberlausitzer können. »Die Fidschis?«, entfährt es mir lauter als nötig. Christiane, meine Frau, schaut mich gleich vorwurfsvoll an ob meines er - staunten Ausrufs, denn wir sitzen nicht allein auf der Terrasse eines kleinen Cafés am Rande vom Markplatz im sächsischen Elbstädtchen Pirna. »Eigentlich wollten wir keine Seereise machen«, rede ich wieder leiser weiter, » sondern ganz easy von hier über möglichst schöne Motorradstraßen zu dir in die Oberlausitz«.

»Nu pass mal auf«, spricht sie nun. »Ihr müsst von Pirna über Berggießhübel, Bad Schandau und dann die Elbe aufwärts Richtung Tschechien foooarrrrn.« Unglaublich, wie dieses »foooarrrrn« im Oberlausitzer Originalton klingt. »Und für die Fidschis braucht ihr keinen Umweg über die Südsee«, und dann kommt es wieder, dieses unnachahmliche »foooarrrrn«. Dann erklärt sie dem Wessi noch, dass »Fidschis« der Spitzname für die in Sachsen lebenden Vietnamesen ist, die zu DDR-Zeiten als sogenannte Vertragsarbeiter ins Land kamen.

Tourentipps - Elbsandsteingebirge/Oberlausitz
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Nun gut, die Wessis fahren also nicht in die Südsee, sondern nur schlicht die Elbe aufwärts. Wir verlassen das hübsche Pirna mit seinen vielen schön restaurierten Renaissancebauten und den breiten Pflasterstraßen, und der Vierzylinder brummt mit uns durch den südlichsten Zipfel des Elbsandsteingebirges.

Später, am Ufer der Elbe, treffen wir auf schöne Umgebindehäuser. Eine Bauweise, die früher in den Gebieten Schlesiens, der Oberlausitz, Nordböhmens und Teilen der Sächsischen Schweiz weit verbreitet war. Das Besondere daran ist die Trennung von Ober- und Untergeschoss. Das Untergeschoss besteht aus der Blockstube. Außen herum werden dann Holzsäulen errichtet, die im Dreiecksverbund mit dem aufliegenden Tragbalken das in leichter Fachwerkbauweise ausgeführte Oberschoss tragen.

Die Häuser hier am Elbeufer präsentieren sich farbenfroh und in einem exzellenten baulichen Zustand. Nur eine Hochwassermarke lässt heutzutage ansatzweise erahnen, wie schlimm es hier nach dem Jahrhunderthochwasser im Jahr 2002 ausgesehen haben muss. Kaum in den sechsten Gang hochgeschaltet, ist auch schon die Grenze zu Tschechien erreicht. Der Verkehr staut sich, jede Menge Volk rennt herum, rechts und links der Straße Verkaufsstände mit über-, nebenund hintereinander gestapelten Waren. Farbenfroh bis kunterbunt und dazwischen die freundlichen Gesichter der vietnamesischen Verkäufer.

Es herrscht Jahrmarktstimmung. Hier ist selbst mit dem Motorrad kaum ein Durchkommen. Angeboten wird alles, angefangen bei Socken für 80 Cent – dafür gibt’s gleich zwei Paar - über T-Shirts für drei Euro bis zu Plastik-Kinderspielzeug und rudelweise kleiner, großer und riesengroßer Gartenzwerge in allen Posen, auch gerne mal grinsend den »Stinkefinger« zeigend.

Irgendwie finde ich aus diesem Gewusel dann doch wieder raus und angesichts dessen, was ich jetzt vor mir sehe, fallen mir Kerstins Worte wieder ein: »… beginnt auch schon der Märchenwald«. Kerstin selbst hat diesem Teil der Tschechischen Schweiz den Namen Märchenwald gegeben. Wir können es sogleich nachvollziehen, denn dies hier ist wahrlich ein Stück verwunschener Wald. Das Sonnenlicht schimmert geheimnisvoll zwischen licht stehenden, uralten und knorrigen Buchenstämmen. Mächtige, von Moos und Efeu überwucherte Sandsteinquader liegen wie von Riesenhand aufgeschichtet und verteilt umher. In ständigem Auf und Ab schlängelt sich die kleine Straße durch dieses Labyrinth aus Stein und Holz. Bald tauchen kleine, schmucke Dörfchen mit flach hingeduckten, bunt gestrichenen und blumengeschmückten Holzhäusern auf. Eine alte Frau winkt uns aus einem kleinen Bauerngarten zu, Hunde rennen schwanzwedelnd neben unserem Motorrad her.

»Wirklich märchenhaft, die Fahrt durch Märchenwald«, kann ich abends Kerstin nur bestätigen, während wir beim Essen sitzen. Es gibt Oberlausitzer Stupperle, das sind Kartoffelknödel mit gebratenem Speck darüber und Sauerkraut dazu. Dass zu diesem handfesten Gericht das gleich um die Ecke gebraute Eibauer Schwarzbier getrunken wird, versteht sich von selbst.

Darum starten wir am Morgen auch nicht ganz so früh, um die Fahrt durch die Lausitzer Berge fortzusetzen. Zu Beginn noch begleitet von der ganz jungen Spree, umrunden wir auf Lausitzer Boden den Zipfel Tschechiens, in dem wir tags zuvor den Märchenwald durchbummelt haben.

Und wieder einmal wäre es schade, zu viel Gas zu geben, zu flott zu fahren. Das Kirnitzschtal ist dafür einfach zu romantisch. Zudem fordert die auf der schmalen Fahrbahn zwischen dem Lichtenhainer Wasserfall und Bad Schandau verkehrende alte Straßenbahn eine vorsichtige Fahrweise. Zum Glück tut sie durch laute Schleif- und Quietschgeräusche kund, dass sie einen Lidschlag später um die nächste enge Kurve gedüst kommt.

Zeit, auch unser Bike mal wieder ein bisschen düsen zu lassen. Und hier im Zentrum der Sächsischen Schweiz gibt’s auch die passenden Gelegenheiten dazu. Hinauf nach Hohnstein ist eine solche. Unterwegs treffen wir auf einige Oldtimer, denen wir zur Burg Hohnstein folgen, wo gleich dutzendweise wunderschöne alte Motorräder zu bewundern sind, die sich hier zu einer Rallye versammelt haben. Wir sind uns gleich einig, erst einmal die alten Eisen in aller Ruhe anzuschauen und unseren Lausitz-Trip um den einen oder anderen Tag zu verlängern, zumal der Wetterbericht für die nächsten Tage Sonne pur verspricht – Wetter wie auf den Fidschis also.