Tausendsassa
Traumstraße Sauerland

Tausendsassa

Länge: 250 km
Dauer: 1-2 Tage

Terrain

Standard Road

Länder

Deutschland

Regionen

Sauerland , Nordrhein-Westfalen

Land der tausend Berge nennen die Sauerländer ihre Heimat. Aber wer als Motorradfahrer herkommt, wird es wohl eher Land der tausend Kurven taufen. Text + Fotos: Michael Engelke

Das Land der tausend Berge - so nennen viele Sauerländer liebevoll ihre Heimat. Angeblich sollen es sogar 2711 Berge sein, die sich in diesem Teil des Rheinischen Schiefergebirges zwischen 100 und rund 850 Metern in die Höhe recken. Die exakte Zahl all dieser Erhebungen weiß wohl niemand so genau. Muss auch nicht, Hauptsache, sie sind da. Denn bekanntlich sind da, wo die meisten Berge sind, auch die Straßen am schönsten. Vor allem für spaß- und erlebnishungrige Motorradfahrer, die Lust auf gelungene Touren haben. Und wer das hat, der ist im Sauerland gut aufgehoben. Unsere Entdeckungsfahrt beginnen Kiki, die beste Sozia der Welt, und ich am Biggesee vor Martin Lüttickes Haustür. Martin betreibt in Drolshagen-Dumicke das TOURENFAHRER-Partnerhaus Dumicketal. Und wenn es um gelungene Touren geht, ist GS-Treiber Martin Fachmann. Bei einem Kaffee sitzen wir zu dritt auf der Terrasse, die Karte liegt auf dem Tisch, und Martin schwingt den Bleistift. Wo welcher Moppedtreff ist, welche Kurven am meisten Spaß machen, wo die besten Kuchen oder Panoramen geboten werden – Martin weiß genau, worauf es ankommt. Keine zwanzig Minuten später sind wir unterwegs. Ich steuere die BMW gen Norden, entlang des Biggesee-Ufers. Noch ist kaum etwas los auf der Straße. Dichtes Grün huscht vorbei, durch die Bäume und Büsche glitzert die Wasseroberfläche. Ein paar Meter weiter kurvt das erste schneeweiße Ausflugsschiff des Tages durch das Nass. Bei den letzten Ausläufern der Talsperre heißt es Aufpassen. In Heggen geht es links ab nach Plettenberg. Und schon finden wir uns auf einer der viel gepriesenen, kurvenreichen Sauerlandstraßen wieder. In großzügigen Schwüngen arbeitet sich der Asphalt in die Höhe und erlaubt fantastische Überblicke über die Region. Während wir noch am Waldrand durch den Schatten fahren, strahlen die Wiesen, Felder und Wälder jenseits des Tales schon in der Sonne. Noch ein paar Schräglagen, dann rollen wir nach Plettenberg hinein.

In der »Vier-Täler-Stadt« – sie wird berührt von Lenne, Else, dem Grüne- und dem Osterbach – versorgen wir uns für ein geplantes Picknick. Dann stürzen wir uns wieder in Schräglage. Lennebergland nennt sich die Ecke im Naturpark Homert, in der wir hier unterwegs sind. Und natürlich folgt die Straße wieder einem der unzähligen kleinen Flüsschen, die sich hier seit Tausenden von Jahren in den Schiefer und den Karst gearbeitet haben. Gut gemacht, kann ich nur sagen. Dank des unermüdlichen Rinnsals darf man sich hier an spannenden Kehren und Biegungen erfreuen. Kurven auf vier Kilometer verspricht das Verkehrszeichen mit der amtlichen Bezeichnung »105-20 Doppelkurve – zunächst rechts«. Glatt gelogen, nicht eine  Doppelkurve, sondern Dutzende, und auch nicht vier Kilometer, sondern mindestens doppelt so viele sind es bis Allendorf – eine echte Traumstraße.

Im Sauerland-Städtchen Allendorf erwecken ein Stuhl und ein Tisch unsere Aufmerksamkeit. Nein, kein Sperrmüll, sondern tonnenschwerer Stein. Hier tagte im späten Mittelalter und auch noch danach das Femegericht, zuständig für schwere Verbrechen. Oft tagte es im Freien, wurde daher auch Freigericht oder Freistuhl genannt. In Allendorf fand das letzte Femegericht noch im Juli 1786 statt. Pech für die Angeklagten, Revision gab es damals nicht. Nach der ersten Instanz war Schicht. Das Schwert und der Strick, die auf dem steinernen Tisch liegen, symbolisieren den finalen Ausgang der Prozesse.

Die befestigte, kopfsteingepflasterte Altstadt ist ein Traum

Keine zwei Kilometer hinter Allendorf erreichen wir den nächsten Stausee, den Sorpesee. Die Straße schlängelt sich entlang des Ufers und führt zum nächsten Tipp Martins, dem Moppedtreff Stavros bei Langscheid. Jede Menge Biker treffen sich hier zum Frühstück, vielleicht auch zum zweiten. Auch wir gönnen uns noch einen Koffeinkick, dann düsen wir weiter nach Arnsberg. Die befestigte, kopfsteingepflasterte Altstadt und um den Maximiliansbrunnen mit ihrem imposanten Glockenturm ist ein Traum. Schneeweiße Fachwerkhäuser strahlen mit dem Turm um die Wette, dichte, kugelrunde Laubbäume spenden wohltuenden Schatten, während das Brunnenwasser die passende plätschernde Geräuschkulisse schafft – Idylle pur. Gleich hinter Arnsberg beginnt der Naturpark Arnsberger Wald. Die B 229 bringt uns mitten durch ihn hindurch an den Möhnesee. Über zwei Brücken gelangen wir an das Nordufer. Biegt man dann gleich links ab, sind es nur noch wenige Meter bis zum Café Geronimo, ebenfalls ein beliebter Motorradtreff. »American Restaurant & Music Bar« nennt sich das gut besuchte Haus mit der sympathischen Atmosphäre. Häuptling und Namensgeber Geronimo steht überlebensgroß aus Holz gleich neben der Eingangstür.

Wir halten hinter dem See nach Osten, folgen dem Seeufer und durchqueren dann den Arnsberger Wald wieder gen Süden. Dass wir dabei wieder Schlangenlinien fahren, zum Beispiel zwischen dem 509 Meter hohen Neuen Berg und dem 412 Meter hohen Lattenberg hindurch, versteht sich schon fast von selber. Übrigens, genau in der Mitte der Strecke durch den Naturpark   liegt der kleine Ort Hirschberg. Von dort sind es gerade mal sieben Kilometer bis Warstein, wo seit 1753 das gleichnamige Pils gebraut wird. In einem riesigen Besucherzentrum kann man sich dort alles über das Bier erklären lassen und einen tiefen Einblick in die Bierbraukunst erhalten. Zudem lockt dort der Biergarten. Uns zieht es aber weiter, trinken können wir sowieso nichts, und schließlich sind wir ja zum Motorradfahren hier. Bei Oeventrop kreuzen wir die A 46 und fahren einen Halbkreis über Hellefeld, Meinkenbracht und wieder nordwärts nach Grevenstein. Hätten wir so nie gemacht, aber Martin hielt es für sinnvoll. Gut, der Mann! Wir umrunden damit eine 530 Meter hohe namenlose Kuppe und das natürlich nicht einfach in kreisrundem Bogen. »Vielleicht sollte man das Land der tausend Berge umbenennen in das Land der hunderttausend Kurven«, meint Kiki zu Recht. Ein paar Kilometer, dann überqueren wir in Wenholthausen die Wenne. Der Blick von der Brücke auf den plätschernden Bach lässt mich abrupt bremsen. Ich wende die RT auf der schmalen Straße und rolle ein paar Meter die Uferwiese hinab. »Kneippkur«, verkünde ich fröhlich, klettere von der BMW, schmeiße Stiefel samt Socken von mir und kühle meine Beine in den Fluten. Fantastisch, das sollte man sich viel öfter gönnen.

Die Nähe der Berge ist deutlich zu spüren, immer kurvenreicher winden sich die Strecken ihnen entgegen

Unsere Route führt uns durchs Fredeburger Land. Hier werden die Berge noch mal eine Spur höher. Kurz vor dem immerhin 792 Meter hohen Heikersköpfchen, einem beliebten Skigebiet, schwenken wir nach rechts auf Schmallenberg zu. Ganze elf Gewässer durchziehen Schmallenbergs Stadtgebiet, das schon seit über 2000 Jahren besiedelt ist. Schmallenberg dürfte sich zu Recht als Museumsstadt bezeichnen. Ein Schieferbergbau- und Heimatmuseum, ein Waldarbeitermuseum, ein Kloster- und ein Gerichtsmuseum sowie ein Museumshof und ein Kunsthaus finden sich hier. Und der historische Stadtkern könnte glatt als Freilichtmuseum durchgehen. Die touristische Straße »Oranier- Route« verlässt Schmallenberg südlich. Wir folgen ihr und tauchen damit in den Naturpark Rothaargebirge ein. Das hat nichts mit einem roten Haarschopf zu tun. Der Name leitet sich aus der alten Bezeichnung Rod-Hardt-Gebirge ab, was so viel wie gerodetes Wald-Gebirge bedeutet. Und damit ist auch gleich skizziert, wie es hier aussieht. Zwar nicht mehr gerodet, aber waldig und gebirgig ist es hier allemal. Bei Fleckenberg folgen wir mal wieder Martins guten Tipps. Nach links geht es in eine kleine unauffällige Nebenstraße Richtung Jagdhaus. Dort residiert der Schäferhof. Und wenn es im Sauerland leckere, günstige Kuchen gibt, dann dort. Schon der volle Parkplatz weist darauf hin, dass der Schäferhof nicht unbekannt ist. Und tatsächlich, einen Platz bekommen wir nicht, es ist gerappelt voll. Trotzdem lockt uns noch die Aussicht auf einen Kaffee. Den bekommen wir dann auch gut 30 Kilometer weiter, unterhalb des Rhein-Weser-Turms. Auch hier treffen sich regelmäßig Motorradfahrer, trotz des späten Nachmittags ist der Parkplatz jetzt noch gut gefüllt. Besagter Kaffee ist schnell geordert und in Ruhe getrunken. Wem es vorne am Restaurant zu laut und zu hektisch ist, der rollt einfach 100 Meter weiter. Direkt am Turm sitzt man um einiges ruhiger. Mit einem letzten Abstecher auf die 599 Meter Hohe Bracht halten wir uns dann wieder in Richtung Biggesee. Von der Bracht gibt es einen fantastischen Rundblick und am Biggesee noch ein paar Sonnenstrahlen, bevor sich die Sonne hinter die Sauerländer Wälder zurückzieht. Zeit, ins Haus Dumicketal zurückzukehren. Leckeres Essen lockt, hier dürfen wir dann auch dem vorhin entgangenen Warsteiner frönen, und vielleicht hat Martin für morgen ja noch so einen perfekten Tipp für uns.

Fahrzeit: Tagestour. Einige lohnenswerte Stopps können aber schnell eine Zweitagestour daraus werden lassen.

Highlights

Besonderheiten: Viele Seen laden im Sommer zum Abkühlen, Badesachen nicht vergessen.
Sehenswert:
Die Attahöhle bei Attendorn bietet das größte zusammenhängende Höhlensystem in Deutschland. Zudem ist es angenehm kühl dort unten. Arnsberg mit seiner Altstadt begeistert – Motorrad abstellen und zu Fuß erkunden. Der Moppedtreff Geronimo am Möhnesee ist meist gut besucht – interessante Typen und Motorräder. Ein kurzer Abstecher nach Warstein in die Brauerei schließt alle Bildungslücken rund um den köstlichen Gerstensaft. Das Sauerland bietet eine Unmenge schöner Orte, Museen, Seen und Sehenswürdigkeiten. Dazu jede Menge Infos unter www.sauerland.com mit Extra-Seiten für Motorradfahrer. 

Aus dem Heft:
Tourenfahrer 10/2007

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