Motorradtour kompakt

Allgäu/Tirol

Wir sind spät dran an diesem Abend, doch wenn das angesteuerte Ziel den Namen Stern trägt, wie der Gasthof in Mindelheim, dann darf man auch noch anreisen, wenn die gleichnamigen Himmelskörper schon silbern funkeln. Thomas Fischer, der Hausherr im »Stern«, weiß von unserer späten Ankunft.Das Garagentor steht offen, der Tisch ist schon gedeckt,und es vergehen nur wenige Augenblicke, bis die ersten Schlucke eines frisch gezapften Weizenbiers durch unsere trockenen Kehlen rinnen.

Motorradtour kompakt – Allgäu und Tirol
Reiseinformationen und Karte

»Wenn ich das richtig verstanden habe, wollt ihr doch morgen weiter nach Tirol. Meine Gummikuh ist vollgetankt, bis um die Mittagszeit könnte ich euch begleiten«, spricht unser Gastgeber, und erklärt – während wir uns mit vollem Mund nur eines intensiv nickenden Kopfes bedienen, um damit unsere uneingeschränkte Zustimmung zu signalisieren – wo er gedenkt, langzufahren.Wir sind sowieso mit allem einverstanden, denn was kann uns Besseres passieren, als mit dem Insider vorneweg durchs Allgäu zu düsen.

Der Abend wird dann noch ziemlich lang.Wie das eben so ist, wenn Motorradfahrer beisammensitzen. Da finden sich immer noch wieder ein paar ungemein interessante und wichtige Dinge, über die noch geredetwerden muss.Und da ist auch noch die Geschichte von dieser 14-stündigen Regenfahrt, oder waren’s nicht doch deren 18? Oder: »Mensch, du auch du warst auch siebenundsechzig mit der Kreidler auf dem Stilfserjoch?!« Wie schon gesagt: ein langer Abend.

Dennoch, Schlag neun brummen die Motoren. Unser Tourguide will uns natürlich auch seine Unterallgäuer Heimatgemeinde nicht vorenthalten, beginnt die Insidertour mit einer kleinen Mindelheimer Stadtrundfahrt. Vorbei am historischen Rathaus und der Jesuitenkirche, einem Kuriosum und ein besonderes Beispiel schwäbischer Sparsamkeit. Sie besitzt nämlich keinen Kirchturm. Den haben sich die schlauen Schwaben beim Kirchbau im 13. Jahrhundert erspart, weil das Kirchenschiff ganz praktisch an das 40 Meter hohe untere Tor der Stadtbefestigung reichte.

Dagegen haben die Erbauer der Mindelburg seinerzeit von schwäbischer Sparsamkeit wohl nicht viel gehalten. Das imposante Bauwerk liegt auf einem Hügel über der Stadt. Und in Sachen Aussicht wird hier schon überhaupt nicht geknausert. Weit reicht der Blick über die Stadt und die grünen Matten ringsum. Am südlichen Horizont lassen sich im Dunst letzter Frühnebelreste die Konturen der Lechtaler Alpen ausmachen.

Thomas’ altgediente Gummikuh marschiert nun so zügig Richtung Berge, als gelte es einen neuen Rekord beim Almauftrieb aufzustellen.Rechts von uns plätschert das Flüsschen Mindel munter vor sich hin. Wir schlagen ein paar Haken. Der Asphalt nur gut einspurig. Mal kommt ein Bauernhof, mal ein kleiner Weiler mitwenigen Häusern und einem weißblau geschmückten Maibaum. Wo wir gerade sind – keine Ahnung.Ist auch völlig wurscht. Einfach nur toll hier. Also weiter dem Eingeborenen hinterher. Nach Marktoberdorf, wie wir wenig später wissen.

Nach der nächsten scharfen Einlage im Kuhgalopp muss ich dann doch mal heftig in die Bremsen greifen. »Ja ist denn heut’ scho’ Weihnachten« scheint mir ein gewisser »Kaiser« ins Ohr zu flüstern, denn auf dem Ortsschild steht tatsächlich Bethlehem. Da ist also nicht nur der Papst, sondern auch sein Chef gebürtiger Bayer.

Wenig weiter, an den malerisch in sattes Grün eingebetteten Seen bei Seeg verabschiedet sich Thomas, um seine Gummikuh zurück in den heimischen Stall zu treiben. Wir lassen un  auch ein kleines Stück weit treiben – mit dem Touristenstrom von Füssen nach Reutte un  noch ein wenig weiter bis Bichlbach. Ein kleines Opfer gemessen an dem grandiosen Kurvenspaß in Berwanger, Namloser und Bschlabser Tal und dem Hahntennjoch als krönendem Abschluss. Schwindelig gefahren und atemlos stehen wir dort auf der Passhöhe. Aber ja doch, heut’ ist tatsächlich scho’ Weihnachten!