Motorradtour kompakt

St.-Wendeler-Land

Hauptsach, gudd gess: Dieses saarländische Bonmot als Ausdruck von Pragmatismus und Gemütlichkeit ist auch im nordöstlichen Zipfel des Saarlands zu Hause.

Ein freundlicher, wenn auch bis in den Nachmittag bewölkter Tag. Punkt 18.00 Uhr erstirbt der Verkehr. In jedem Ort stehen einige Motorräder wie wartend vor den jeweiligen Hauseingängen. Es scheint, dass in stiller Übereinkunft die »Mahlzeiten« allgemein eingehalten werden.

Eine halbe Stund später wieder erhöhtes Verkehrsaufkommen, mit Zweiradfahrern auf ihrer Sonnenuntergangsrunde. Oder Verdauungsrunde? Dass das Essen eine Spur wichtiger genommen wird als anderswo, konnte ich mittags in St. Wendel erleben. Ein normaler Wochentag, alle Gaststätten jedoch proppenvoll.

Motorradtour kompakt – St. Wendeler Land
Reiseinformationen und Karte

Bei mir war es der nackte Hunger nach Anreise und mehrstündiger Expedition am »Hunnenring« bei Otzenhausen. Auf einem der für diesen Landstrich charakteristischen Hügel finden sich mehr als Reste einer großräumigen, von Kelten angelegten Wallanlage. Mit ihren zum Teil zehn Meter hohen Mauern diente sie als Schutz und Stammsitz. Teile der Anlage sollen in absehbarer Zeit rekonstruiert werden, sind aber jetzt schon mit etwas Fantasie in ihrer Mächtigkeit zu begreifen. Die von der Anhöhe zu sehende Talsperre Nonnweiler mit ihrem Planetenlehrweg, Maßstab 1:1 Milliarde, kann mich nicht zu einer weiteren Wanderung animieren. Schließlich habe ich ja meinen zweirädrigen Freund dabei. Und außerdem Hunger.

Und so geht es über Sötern am Bostalsee vorbei über Neunkirchen, Quellort der Nahe, in südöstlicher Richtung nach St. Wendel, Kreisstadtund Namensgeberin der Region. Nachdem mich die große Gemeinschaft der Essenden gut genährt entlassen hat, bittet mich St. Wendelinus zu einem kurzen Besuch seiner letzten Ruhestätte. Die fand er in einer spätgotischen Hallenkirche, der Wendelinus- Basilika, nachdem er von den britische  Inseln kommend dem Saarländer das Christentum katholischer Prägung mit Erfolg schmackhaft gemacht hatte. Aber viel mehr noch als die Architektur interessiert mich die Gegend, in der sich der Heilige, als er es noch nicht war, umtrieb.

Es zieht mich westwärts an Habenichts vorbei durch den Marien-Wallfahrtsort Marpingen über Dimmingen, Lebach und mit Kurswechsel in nördlicher Richtung durch Limbach. Auffällig die Sparsamkeit bei Verkehrsschildern. Das Fehlen der Schilder »Sackgasse« heißt nicht, dass man sich nicht in einer solchen befindet.Aber nicht lange ärgern. Über Dorf, Lindscheid, Überroth und Dautweiler endet diese Runde auf dem Schaumberg bei Theley.

Mit seinen fast 570 Metern plus Aussichtsturm gestattet er eine faweise. »Wegen Renovierung geschlossen« bedeutet mir der Hausmeister und erzählt im gleichen Atemzug von seiner alten Suzuki, die kaum noch bewegt wird, »die Knie wollen nicht mehr so«. Damit meint er seine eigenen. Und dass dieser Turm eine Begegnungsstätte im Zeichen de  deutschfranzösischen Freundschaft sei und ein Sendeturm, weil wo weit sehen, ist auch gut senden.

So trolle ich mich, denn es sind noch zwei weitere »points of interest« zu erfahren, das Skulpturenfeld bei Baltersweiler plus weiterer Kunststücke am Wegesrand Richtung Bostalsee. Die muss ich mittags übersehen haben, vor lauter Hunger. Ein kleines Hinweisschild lässt mich jedoch kurz vor Tholey links abbiegen, in den »Wareswald«.Hier am Fuße des Schaumbergs finden sich Hinweise auf eine gallo-römische Siedlung, die ihre Blütezeit im zweiten bis vierten Jahrhundert nach Christus hatte, danach innerhalb kurzer Zeit aufhörte zu existieren.

Grabungsfunde dieser frühchristlichen Schnittstelle sind in Tholey im Theulegium ausgestellt. Jäger und Sammler aufgepasst: Mitmachen bei den Ausgrabungen ist ausdrücklich erwünscht. Ich lasse mich jedoch nichtweiter vonmeiner geplanten Route abbringen und nehme die Kunstam Wegesrand sozusagen im Vorbeifahren in mich auf,zumindest den Teil, der sich Richtung Bostalsee befindet.

Auf dem Rückweg über Eiweiler und Theley bis St. Wendel erinnern mich die parkenden Motorräder an meine eigene anstehende Abreise, denn ein gediegenes Abendessen muss sein, wenn auch etwas später. So sehe ich in der Abenddämmerung auf dem Heimweg die Himmelsstürmer wie bunte Luftballons über den Horizont ziehen, bevor ich ihnen und dem St. Wendeler Land den Rücken kehre.